23.05.06  DAS VORSTANDSINTERVIEW
aap Implantate AG - (WKN: 506660 / ISIN: DE0005066609 / Symbol: AAQ)

Interviewpartner: Herr Oliver Bielenstein; Finanzvorstand
Gehaltene Aktien: 484.548 Aktien (von ca. 16,8 Mio.) des Grundkapitals, 0 Optionen

aap HomepageHintergrund: aap, ein europäischer Hersteller von Biomaterialien und Implantaten für die Traumatologie und Orthopädie hat nach dem positiven Abschluss für 2005 ein gutes Ergebnis für das erste Quartal vorgelegt, mit dem die erfolgreiche Sanierungsarbeit der letzten beiden Jahre bestätigt wird.

Nach einem ausgeglichenen Ergebnis im Vorjahr konnte aap den Umsatz auf Quartalsbasis um fast 40% auf 4.4 Mio. EUR steigern und ein Ergebnis vor Steuern im Quartal von 0,71 Mio. EUR erreichen. Aufgrund hoher Verluste der Vergangenheit entrichtet aap keine oder nur sehr limitiert Steuern. Das Ergebnis je Aktie im ersten Quartal stieg von 0,00 auf 0,02 Euro. Nach Aussage des Unternehmens sind Umsatz und Ergebnis nicht von Sondereinflüssen geprägt. Damit hat sich eindruckvoll bestätigt, dass aap den Turn Around geschafft hat. Wir haben den Finanzvorstand, Herrn Oliver Bielenstein, zur aktuellen Situation des Unternehmens befragt.

Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Bielenstein, was hat Sie ermutigt, gerade die aap zu sanieren? Schildern Sie uns bitte den Stand der Sanierung.

Herr Bielenstein: aap war ein Unternehmen mit intaktem Potenzial, das in der Vergangenheit jedoch nicht immer optimal geführt wurde und mit dem Niedergang des Neuen Marktes „unter die Räder kam“.

Wir haben Kultur und Fokus des Unternehmens verändert, konnten aber das große Know-how behalten resp. ausbauen, hervorragende Leute mit viel Erfahrung von außerhalb holen, die immensen Rechtsstreitigkeiten beilegen, neue innovative Produkte und Kompetenzen erfolgreicher vermarkten und hatten auch Glück. Wir können heute behaupten, die Sanierung beendet und den Turnaround erreicht zu haben.

Das Unternehmen ist profitabel, der cash flow positiv und wächst deutlich zweistellig, wir können selbst dieses hohe Wachstum aus eigener Kraft finanzieren.

DVI: Bestehen noch rechtliche Risiken aus der Vergangenheit?

Herr Bielenstein: Nein.

DVI: 2004 stand im Zeichen der finanziellen Sanierung, 2005 haben Sie die Neuausrichtung begonnen – wie lautet das Motto für 2006?

Herr Bielenstein: Wachstum, und das profitabel. Wir haben 2005 verschiedene Initiativen und Projekte gestartet – neue Produkte – vor allem Biomaterialien -, neue Märkte, neue Großkunden. Jetzt gilt es, diese Projekte straff durchzuführen – wir reden hier von komplexen Entwicklungs- und Zulassungsprojekten. Darüber hinaus schauen wir uns natürlich nach Akquisitionsgelegenheiten um und führen hier durchaus Gespräche. Wir wollen schließlich unsere komfortable Eigenkapital- quote von über 80% nutzen.

DVI: Was waren für Sie die interessantesten Erkenntnisse im Rahmen Ihrer Sanierungsarbeit der letzten 2 Jahre?

Herr Bielenstein: Die Dimension unserer Chancen – und zwar sowohl bei den Biomaterialien als auch bei den Implantaten für Trauma und Orthopädie.

Bei synthetischen Biomaterialien und Knochenzementen gehören wir Know-How-seitig zu den Besten der Welt und fangen an, dieses Know-How in kommerziellen Erfolg umzusetzen. Hier reden wir von neuen, schnell wachsenden, noch nicht etablierten Märkten, in denen wir auch den Großen unserer Branche etwas vormachen können oder mit Ihnen kooperieren – wie unser wachsender OEM-Kundenstamm zeigt.

Im Bereich Trauma/Orthopedics müssen wir uns gegen die gleichen, meist amerikanischen Grossunternehmen durchsetzen, hier besteht unterhalb dieser Ebene jedoch genug Raum und Konsolidierungspotenzial.

DVI: Welche strategischen Maßnahmen haben Sie aufgesetzt, um den Wiederaufbau der Vertriebsstruktur in USA voranzubringen?

Herr Bielenstein: Noch keine konkreten, wir führen zurzeit erste, vorsichtige Gespräche mit potenziellen Distributionspartnern. Zunächst mussten wir die Aufhebung des FDA-Warning Letters erreichen, womit wir wieder Marktzugang erhalten haben. Außerdem werden wir im Laufe des Jahres 2006 die ersten Anträge für Biomaterialien und Knochenzement zur Zulassung bei der FDA einreichen. Einen kostspieligen Alleingang kann ich 100% ausschließen – wir konzentrieren uns auf unsere Stärken.

DVI: Im Geschäftsbericht 2005 skizzieren Sie eine neue Unternehmensstruktur. Bis wann wollen Sie diesen Umbau bewältigen und mit welchen Belastungen rechnen Sie daraus?

Herr Bielenstein: Keine Belastungen – im Gegenteil. Die Divisionalisierung macht beide Unternehmensteile schneller, transparenter und fokussierter. Dort, wo es sinnvoll ist, arbeiten beide Bereiche zusammen. aap Biomaterials hat einen grösseren Fokus auf das internationale Geschäft, auf OEM-Kunden, also B2B – während aap Trauma/Orthopedics vor allem im Eigenvertrieb tätig ist. Durch die separate Struktur fallen auch Kooperationen und die Integration von Akquisitionen wesentlich leichter.

DVI: 19% Ihres Umsatzes machen Sie mit 3 Kunden. Sind Sie da nicht zu sehr abhängig?

Herr Bielenstein: Nein, erstens erzielen wir die Mehrheit des Umsatzes mit hunderten anderer Kunden, zweitens sind unsere Grosskunden globale Konzerne mit durchaus niedrigem Ausfallrisiko und drittens – am wichtigsten - sprechen wir hier von positiven, gegenseitigen Abhängigkeiten – diese Kunden haben uns ja aus guten Gründen gewählt, Know-How, Zuverlässigkeit, Vertrauen. Und wir wachsen mit unseren Kunden schneller als wir es selbst bewerkstelligen könnten. Wir gehen im Gegenteil davon aus, dass der Anteil der OEM-Entwicklung und Produktion weiter zunehmen wird.

DVI: Für das Jahr 2006 haben Sie ein Wachstum von über 25% zugesagt. Stehen Sie zu diesen Zahlen.

Herr Bielenstein: Ja, die Betonung wechselt jetzt jedoch langsam von der „25“ auf „über“, das zweite Quartal entwickelt sich auf ähnlichem Niveau wie das Erste. Und wie Sie dem Quartals- abschluss entnehmen können, wachsen wir profitabel.

DVI: Wo soll aap 2008 umsatz- und ertragsmäßig stehen?

Herr Bielenstein: Wenn wir unsere Aufgaben richtig erledigen, kann aap in den kommenden Jahren aus eigener Kraft im Durchschnitt pro Jahr deutlich zweistellig wachsen. Hinzukommen sollten noch die Auswirkungen der einen oder anderen Akquisition. Eine Verdoppelung des gegenwärtigen Umsatzniveaus halte ich für nicht unrealistisch.

DVI: Wie begründen Sie Ihren Optimismus?

Herr Bielenstein: Medizintechnik ist, trotz der Kostenprobleme in Deutschland, ein global wachsender Markt. Der Bereich Biomaterials fängt erst langsam an, sich zu etablieren. Hier können wir aus unserem exzellenten Know-How durchaus eine führende Stellung im Markt erarbeiten.

Der Bereich Trauma/Orthopedics lässt unterhalb der Ebene der „Global Players“ ein anständiges Wachstum zu und bietet Konsolidierungschancen. Die wollen wir nutzen.

DVI: Trotz des geplanten Umsatzzuwachses von über 25% in 2006 sind Sie gegenüber den Großen der Branche nur ein kleines, mittelständisches Unternehmen. Haben Sie keine Befürchtungen, dass Sie im Konkurrenzkampf nicht nur unterliegen sondern auch zusätzlich gänzlich „geschluckt“ werden?

Herr Bielenstein: Danke für das Stichwort – wir verstehen uns auch als kleines, mittelständisches Unternehmen, bzw. einem Team von Unternehmern. Die Mehrheit der Aktien liegt bei Aufsichtsrat, Vorstand, führenden Mitarbeitern, Familien. Über Motivation brauche ich da nicht zu sprechen. Eine feindliche Übernahme wäre nicht möglich – unsere Entscheidungen fallen im Sinne einer mittel- bis langfristigen Wertorientierung und im Interesse der Aktionäre.

DVI: Sie haben eine Vielzahl von zukunftsträchtigen Projekten in der Pipeline. Wann werden diese auf den Markt bringen und mit welchen Ergebnisbeiträgen rechnen Sie daraus?

Herr Bielenstein: Ich möchte hier nicht einzelne Projekte ansprechen, wir reden von der Vervollständigung und dem Ausbau der einzelnen Produktportfolios.

–Biomaterials: Bone Cements, Infection Care, Bone & Tissue Regeneration
–Trauma / Orthopedics: Implantate für alle wesentlichen Skelett-Regionen und Gelenke.

Diese neuen Produkte bringen wir sukzessive in den Markt, viele davon in den kommenden 6 – 18 Monaten. Zusätzlich befinden wir uns in Gesprächen mit mehreren neuen potenziellen OEM-Partnern. Das wichtige war der vorherige Ausbau der Vertriebskanäle – Inland / International / OEM-Partner – damit wir diese Produkte auch vermarkten können.

DVI: Wenn Ihr Umsatz- und Ertragswachstum wie geplant eintritt, ab wann können Ihre Anteils- eigner mit der Aufnahme einer Dividendenzahlung rechnen?

Herr Bielenstein: Solange wir Gewinne mit hohen Returns reinvestieren können, werden wir wohl keine Dividende ausschütten. Wir wollen wachsen und dieses Wachstum muss finanziert sein.

DVI: Wenn man die Gewinnprognosen 2006 und 2007 zugrunde legt, wo sehen Sie dann einen fairen Wert für Ihre Aktie?

Herr Bielenstein: Ich denke, diese Frage sollte jeder Analyst und Anleger selbst beantworten. Bitte verstehen Sie, wenn wir hier keine Aussage treffen wollen – wir blicken noch nicht auf 30 Jahre Kapitalmarktgeschichte zurück und sind noch nicht 100% planbar.

Wir haben durchaus hohe Ansprüche an Wachstum und Profitabilität, gehen Risiken jedoch kontrolliert an, schließlich ist viel privates Geld in aap investiert.

Würde ich beim aktuellen Kurs in die aap – Aktie investieren? Hier ein deutliches Ja - und mein Anspruch an eine Verzinsung ist sicher nicht einstellig.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Rochus C. Rüttnauer.

http://www.das-vorstandsinterview.de