02.06.04  DAS VORSTANDSINTERVIEW
Advanced Medien AG

Interviewpartner: Otto Dauer, Vorstand
Gehaltene Aktien: 35.098 (von 2,7 Mio. Aktien)
Das Interview wurde am 27.05.04 geführt.

Advanced Medien HomepageHintergrund: Als der heutige Vorstand, Otto Dauer, bei der Advanced Medien „als Ausputzer“ vor zwei Jahren das Ruder übernommen hat, war das Unternehmen ein richtiger Chaosbetrieb, in dem eine Schreckensmeldung die nächste gejagt hat. Durch kontinuierliches Arbeiten wurde das Unternehmen verschlankt und der Sanierung sehr nahe gebracht. Zwar steht der Forderungsverzicht der Delmora-Bank noch unter der aufschiebenden Bedingung der erfolgreichen Durchführung der jetzt laufenden Kapitalerhöhung von 2,7 Mio. Euro auf 8,1 Mio. Euro, doch scheinen die Chancen nicht schlecht zu stehen, dass durch diese Kapitalmaßnahme tatsächlich netto 5,9 Mio. Euro in die Kassen des Unternehmen gespült werden könnten. Damit hätte Advanced Medien eine neue und aussichtsreiche Zukunft. Wir haben Herrn Dauer zu den Zukunftsperspektiven des Unternehmens befragt.

Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Dauer, wie groß sind die Risiken aus den Altlasten Ihrer Meinung nach?

Otto Dauer: Soweit wir es überblicken können, sind die Altlasten des Konzerns auf die ehemaligen Tochtergesellschaften beschränkt und sowohl rechtlich als auch hinsichtlich der Bewertung des Filmvermögens bereinigt. Die Advanced Medien AG wurde erst 1998 gegründet und war lediglich als Holding tätig. Personal und Büroflächen sind bereits seit geraumer Zeit der geschrumpften Größe angepasst.

DVI: Haben Sie aus der Vergangenheit auch noch sogenannte „stille Reserven“, von denen möglicherweise außerordentliche Einnahmen dem Unternehmen zufließen könnten?

Otto Dauer: Der Schadenersatzprozess gegen die ehemaligen Vorstandsmitglieder befindet sich in der 2.Instanz und könnte in 2005 zu einem endgültigen Ergebnis führen. Je näher wir zu einem positiven Urteil unserer Klage in Höhe von 4 Millionen Euro kommen, desto größer wird die Vergleichsbereitschaft der Versicherungsgesellschaft Chubb Insurance werden. Die Versicherung wurde von unserer Gesellschaft 1999 zur Absicherung von Schäden aus pflichtwidrigem Handeln von Organen abgeschlossen. Der Versicherungsschutz beläuft sich auf Schäden bis zu € 2,5 Mio. für den Einzelschaden oder per anno für alle Schäden insgesamt. Der Gesamtschaden für die Gesellschaft beläuft sich auf € 15 Mio., verteilt auf die Jahre 1999 und 2000. Die Vorstände hatten dem Firmengründer und damaligen Aufsichtsrat geholfen, die Gesellschaft zu schädigen und gleichzeitig den Kapitalmarkt zu täuschen. Der Strafprozess gegen den Firmengründer beginnt am 28.9.2004 in München. Diese Umstände stimmen uns für unsere Zivilklage sehr zuversichtlich. Wir rechnen uns daher relativ gute Chancen für mindestens einen angemessenen Vergleich in 2005, wenn nicht sogar für einen Schadenersatz in voller Klagehöhe von € 4 Mio. aus.

DVI: Wie haben Sie es geschafft, dass Sie der Insolvenzverwalter der Kinowelt als Bieter für Ihre neue Beteiligung „Atlas Air“ überhaupt ernst genommen hat, da Sie doch ohne Hilfe der Delmora Bank in die Insolvenz geschlittert wären?

Otto Dauer: Der Insolvenzverwalter hatte eine Bank mit dem Verkaufsmandat betraut. Diese Bank war gleichzeitig der Hauptgläubiger der „Kinowelt AG“ und hielt als Kreditsicherheit die Anteile an der Atlas Air. Es mag sich auch positiv auf unsere Glaubwürdigkeit ausgewirkt haben, dass ich gerade bei dieser Bank in verantwortlicher Position fünf Jahre beschäftigt war. Vermutlich wollte der Insolvenzverwalter auch lieber mit einem deutschen Erwerber abschließen, die beiden bedeutendsten Mitbieter waren internationaler Herkunft.

DVI: Was ist das Geschäftsmodell der Atlas Air und wo liegt die eigentliche Ertragskraft von Atlas?

Otto Dauer: Die Ertragsstärke liegt in der Konzentration des geschäftlichen Know-how für mittlerweile 24 exklusive Kunden in der internationalen Luftfahrtbranche – inklusive der Linie mit dem Kranich. Atlas Air hat im laufenden Jahr eine EBIT-Marge von 9%, die im kommenden Jahr auf über 10% ansteigen wird. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Konsolidierung der Umsätze und Erträge der Atlas Air mit denen der Advanced Medien AG voraussichtlich erst ab 1. Juli 2004 vorgenommen werden kann, in diesem Jahr noch kein Gewinnabführungsvertrag vorliegt und auch die Bilanz durch die IAS-Konsolidierungsregeln optisch schlechter aussieht, als sie tatsächlich ist. Die Atlas Air handelt mit Filmrechten zur Aufführung im Flugzeug, vornehmlich auf transkontinentalen Strecken. Die Laufzeit der Filmlizenzen ist kurz und die Kalkulation der Kosten pro Film werden auf den einzelnen Sitz im Flugzeug umgelegt. Dadurch ist das Geschäft hinsichtlich des Filmeinkaufs risikoarm und die Preisgestaltung für die Atlas Air gut kalkulierbar.

DVI: Bei Atlas Air Group werden 40% der Umsätze mit einem Kunden gemacht, was sicherlich ein Klumpenrisiko darstellt. Wie haben Sie sich gegen dieses Risiko abgesichert?

Otto Dauer: Wir haben uns die Kundenzufriedenheit direkt bestätigen lassen. Eine echte Absicherung dieses Risikos gibt es nicht. Wir versuchen dies jedoch zu minimieren, indem wir eine weitere Ausweitung des Geschäfts durch Gewinnung von Neukunden anstreben.

DVI: Ist das Geschäftsmodell von Atlas Air nicht einfach zu kopieren, denn Unterhaltungsfilme an Airlines auszuleihen ist ja keine besonders innovative Idee?

Otto Dauer: Die Innovation liegt im ständigen Wandel der Übermittlungstechnologien und im Alleinstellungsmerkmal im aufgebauten Know-how, das in dieser Form in Deutschland einmalig ist. Leicht zu kopieren ist das Geschäftsmodell von Atlas Air schon deshalb nicht, weil die Anzahl der Kunden weltweit begrenzt ist und die Kunden verteilt sind. Wer neu anfängt, muss immense Anlaufverluste verkraften.

DVI: Welche neuen Airlines kann Atlas Air noch hinzugewinnen, oder sollen die Umsätze auf einem Niveau von 14 Mio. Euro und das EBIT bei knapp 1 Mio. Euro in 04 stagnieren?

Otto Dauer: Die Neukundengewinnung von Atlas Air geht immer zu Lasten der Wettbewerber. Mit jedem Neukunden steigt die Ertragskraft überproportional, da das Personal nicht zwangsläufig aufgestockt werden muss. Damit generieren wir echte Skaleneffekte. Deshalb gehen wir in 05 von einer 10 %igen Steigerung des Ertrages bei Atlas Air aus, wenn keine Globalrisiken auftauchen.

DVI: In 2001 hat Atlas Air mit 25,3 Mio. Euro Umsatz und mit einer zweistelligen EBIT-Marge das höchste Ergebnis der Firmengeschichte; danach gingen die Umsätze in Zweimillionenschritten durch Terroranschläge und SARS zurück. Die EBIT-Marge hat sich fast halbiert. Ist dieses Geschäft doch nicht so stabil?

Otto Dauer: Das Geschäftsmodell der Atlas Air profitiert nahezu zwangsläufig von der Globali-sierung und dem damit verbundenen Wachstum des weltweiten Flugaufkommens. Es ist aber auch anfällig für Globalrisiken, wie die Anschläge vom 11. Sept. 2001 und Epidemien wie SARS zeigen. Risikoarm bleibt das Geschäft jedoch trotzdem, weil sowohl der Filmeinkauf als auch der Filmverkauf an der Anzahl der Einsätze im Flugzeug bemessen werden. Ein Filmeinkaufsrisiko gibt es nicht. Jeder Filmeinkauf ist zudem auf Verkaufsseite vorher abgestimmt.

DVI: Wenn Sie die 2.Kapitalerhöhung nicht vollständig platzieren können, muss möglicherweise der Vertrag mit Atlas Air rück abgewickelt werden?

Otto Dauer: Aus rechtlichen Gründen mussten wir zwei Kapitalerhöhungen durchführen. Im April schöpften wir das genehmigte Kapital in Höhe von € 897.750,00 im Verhältnis 2:1 aus. Die Aktien aus der April-Kapitalerhöhung sind bereits im Berliner Freiverkehr handelbar.

In der ersten Juni-Hälfte führen wir die auf der Hauptversammlung am 19.5. genehmigte Barkapitalerhöhung im Verhältnis 1:2 durch die Ausgabe von rund 5,4 Millionen Aktien durch. Damit steigt die Gesamtzahl der Aktien auf rund 8,1 Millionen Stück. Zur Frage der Rückabwicklung ist zu sagen, dass dies theoretisch so wäre. Tatsächlich gehen wir nach den vorliegenden Zeichnungsabsichten von einer vollen Platzierung aus. Wir haben durch ein Großinvestor-Konsortium eine Zusage für 2,5 Millionen Aktien fest vorliegen. Darüber hinaus liegen umfang-reiche Zeichnungsabsichten vor. Ich gehe davon aus, dass die Altaktionäre vor dem Hintergrund der überdurchschnittlich guten Geschäftserwartungen bei Atlas Air ihr Bezugsrecht weitgehend ausnützen werden.

DVI: Herr Dauer, Sie haben mit 35.000 Aktien einen relativ bescheidenen Anteil am erhöhten Kapital von 8,1 Euro. Gleichzeitig haben Sie erklärt, dass Sie auf einen Teil Ihres jetzigen Fixgehaltes verzichten wollen. Wo liegt Ihre Motivation die neue Advanced Medien zu einem ertragsreichen Unternehmen zu machen?

Otto Dauer: Den bescheidenen Anteil an Aktien habe ich nicht aus Optionsprogrammen sondern aus der letzten Barkapitalerhöhung erworben.Ich beabsichtige, auch bei der 2.Kapitalerhöhung in nennenswerter Höhe neue Aktien zu zeichnen. Richtig ist, dass ich den Aufsichtsrat gebeten habe, den noch bis 2006 laufenden Anstellungsvertrag schon in 2004 neu zu verhandeln. Ziel ist die Reduzierung des Fixgehaltes und eine Neuregelung der variablen Bezüge, orientiert an den erzielten Ergebnissen. Mein erstes Ziel als Vorstand ist es natürlich, die Ertragskraft des Unternehmens zu stärken, und dazu leiste ich meinen Beitrag. Wenn sich die Erträge gut entwickeln, möchte ich natürlich auch profitieren.

DVI: Wenn die Kapitalerhöhung erfolgreich über die Bühne gebracht worden ist, was haben Sie dann für Pläne?

Otto Dauer: Wir haben mehrere Möglichkeiten: Zum einen können wir nach einem ertragreichen und risikoarmen zweiten Geschäftsfeld suchen, zum anderen böten sich auch im Geschäftsfeld „inflight entertainment“ interessante Kooperations- und Übernahmemöglichkeiten an. Insbeson-dere die künftig stärkere Internetnutzung an Bord ist für uns im Rahmen einer Kooperation mit einem geeigneten Anbieter substanziell von hohem Interesse. Weiteres überdurchschnittliches Umsatz- und Ertragswachstum ist zudem nur durch Übernahmen von Wettbewerbern möglich. Atlas-Air ist unseres Wissen nach durch die Advanced Medien AG das einzige Unternehmen dieser Branche mit direktem Zugang zu Börsenkapital zur Finanzierung von derartigen künftigen Maßnahmen.

DVI: Was kann Advanced Medien im laufenden und im kommenden Jahr verdienen und wo sehen Sie die Kurschancen für neue Aktionäre?

Otto Dauer: Unser Kurs liegt derzeit bei ca. 1,30 Euro; wenn wir im kommenden Jahr – ohne außerordentliche Erträge – ein Ergebnis je Aktie von knapp 30 Cent verdienen können, dann hätten wir bei einem Kurs von 2,60 Euro nur ein KGV von knapp 9 und wären damit deutlich unter dem Markt bewertet. Dazu kommen sicherlich noch außerordentliche Erträge, die aber schwer zu kalkulieren sind. Wir reden bei diesen Ansprüchen nicht gerade um Kleingeld.

DVI: Wie lange läuft das Bezugsrecht, und wie kann ein neuer Investor sich überhaupt engagieren?

Otto Dauer: Vom 2.-16.Juni werden Aktien zum Preis von 1,15 Euro ausgegeben, der Bezugsrechtshandel ist ausgeschlossen. Das Bezugsrecht richtet sich an die Altaktionäre. Die Zeichner müssen für Zeichnungen über ihr gesetzliches Bezugsrecht hinaus keine weiteren Bezugsrechte kaufen. Bei jeder deutschen Bank können Zeichnungsaufträge abgegeben werden, aber auch bei der emissionsführenden VEM-Bank (FaxNr. 089-2300-1111). Die Zeichnungsfrist läuft bis 16. Juni 04, 24.00 Uhr.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.

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