Advanced Medien AG
Interviewpartner: Otto Dauer, Vorstand
Gehaltene Aktien: 35.098 (von 2,7 Mio. Aktien)
Das Interview wurde am 27.05.04 geführt.
Hintergrund:
Als der heutige Vorstand, Otto Dauer, bei der Advanced Medien „als
Ausputzer“ vor zwei Jahren das Ruder übernommen hat, war
das Unternehmen ein richtiger Chaosbetrieb, in dem eine Schreckensmeldung
die nächste gejagt hat. Durch kontinuierliches Arbeiten wurde das
Unternehmen verschlankt und der Sanierung sehr nahe gebracht. Zwar steht
der Forderungsverzicht der Delmora-Bank noch unter der aufschiebenden
Bedingung der erfolgreichen Durchführung der jetzt laufenden Kapitalerhöhung
von 2,7 Mio. Euro auf 8,1 Mio. Euro, doch scheinen die Chancen nicht
schlecht zu stehen, dass durch diese Kapitalmaßnahme tatsächlich
netto 5,9 Mio. Euro in die Kassen des Unternehmen gespült werden
könnten. Damit hätte Advanced Medien eine neue und aussichtsreiche
Zukunft. Wir haben Herrn Dauer zu den Zukunftsperspektiven des Unternehmens
befragt.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Dauer, wie groß
sind die Risiken aus den Altlasten Ihrer Meinung nach?
Otto Dauer: Soweit wir es überblicken können,
sind die Altlasten des Konzerns auf die ehemaligen Tochtergesellschaften
beschränkt und sowohl rechtlich als auch hinsichtlich der Bewertung
des Filmvermögens bereinigt. Die Advanced Medien AG wurde erst
1998 gegründet und war lediglich als Holding tätig. Personal
und Büroflächen sind bereits seit geraumer Zeit der geschrumpften
Größe angepasst.
DVI: Haben Sie aus der Vergangenheit auch noch sogenannte
„stille Reserven“, von denen möglicherweise außerordentliche
Einnahmen dem Unternehmen zufließen könnten?
Otto Dauer: Der Schadenersatzprozess gegen die ehemaligen
Vorstandsmitglieder befindet sich in der 2.Instanz und könnte in
2005 zu einem endgültigen Ergebnis führen. Je näher wir
zu einem positiven Urteil unserer Klage in Höhe von 4 Millionen
Euro kommen, desto größer wird die Vergleichsbereitschaft
der Versicherungsgesellschaft Chubb Insurance werden. Die Versicherung
wurde von unserer Gesellschaft 1999 zur Absicherung von Schäden
aus pflichtwidrigem Handeln von Organen abgeschlossen. Der Versicherungsschutz
beläuft sich auf Schäden bis zu € 2,5 Mio. für den
Einzelschaden oder per anno für alle Schäden insgesamt. Der
Gesamtschaden für die Gesellschaft beläuft sich auf €
15 Mio., verteilt auf die Jahre 1999 und 2000. Die Vorstände hatten
dem Firmengründer und damaligen Aufsichtsrat geholfen, die Gesellschaft
zu schädigen und gleichzeitig den Kapitalmarkt zu täuschen.
Der Strafprozess gegen den Firmengründer beginnt am 28.9.2004 in
München. Diese Umstände stimmen uns für unsere Zivilklage
sehr zuversichtlich. Wir rechnen uns daher relativ gute Chancen für
mindestens einen angemessenen Vergleich in 2005, wenn nicht sogar für
einen Schadenersatz in voller Klagehöhe von € 4 Mio. aus.
DVI: Wie haben Sie es geschafft, dass Sie der Insolvenzverwalter
der Kinowelt als Bieter für Ihre neue Beteiligung „Atlas
Air“ überhaupt ernst genommen hat, da Sie doch ohne Hilfe
der Delmora Bank in die Insolvenz geschlittert wären?
Otto Dauer: Der Insolvenzverwalter hatte eine Bank
mit dem Verkaufsmandat betraut. Diese Bank war gleichzeitig der Hauptgläubiger
der „Kinowelt AG“ und hielt als Kreditsicherheit die Anteile
an der Atlas Air. Es mag sich auch positiv auf unsere Glaubwürdigkeit
ausgewirkt haben, dass ich gerade bei dieser Bank in verantwortlicher
Position fünf Jahre beschäftigt war. Vermutlich wollte der
Insolvenzverwalter auch lieber mit einem deutschen Erwerber abschließen,
die beiden bedeutendsten Mitbieter waren internationaler Herkunft.
DVI: Was ist das Geschäftsmodell der Atlas Air
und wo liegt die eigentliche Ertragskraft von Atlas?
Otto Dauer: Die Ertragsstärke liegt in der Konzentration
des geschäftlichen Know-how für mittlerweile 24 exklusive
Kunden in der internationalen Luftfahrtbranche – inklusive der
Linie mit dem Kranich. Atlas Air hat im laufenden Jahr eine EBIT-Marge
von 9%, die im kommenden Jahr auf über 10% ansteigen wird. Allerdings
muss man berücksichtigen, dass die Konsolidierung der Umsätze
und Erträge der Atlas Air mit denen der Advanced Medien AG voraussichtlich
erst ab 1. Juli 2004 vorgenommen werden kann, in diesem Jahr noch kein
Gewinnabführungsvertrag vorliegt und auch die Bilanz durch die
IAS-Konsolidierungsregeln optisch schlechter aussieht, als sie tatsächlich
ist. Die Atlas Air handelt mit Filmrechten zur Aufführung im Flugzeug,
vornehmlich auf transkontinentalen Strecken. Die Laufzeit der Filmlizenzen
ist kurz und die Kalkulation der Kosten pro Film werden auf den einzelnen
Sitz im Flugzeug umgelegt. Dadurch ist das Geschäft hinsichtlich
des Filmeinkaufs risikoarm und die Preisgestaltung für die Atlas
Air gut kalkulierbar.
DVI: Bei Atlas Air Group werden 40% der Umsätze
mit einem Kunden gemacht, was sicherlich ein Klumpenrisiko darstellt.
Wie haben Sie sich gegen dieses Risiko abgesichert?
Otto Dauer: Wir haben uns die Kundenzufriedenheit direkt
bestätigen lassen. Eine echte Absicherung dieses Risikos gibt es
nicht. Wir versuchen dies jedoch zu minimieren, indem wir eine weitere
Ausweitung des Geschäfts durch Gewinnung von Neukunden anstreben.
DVI: Ist das Geschäftsmodell von Atlas Air nicht
einfach zu kopieren, denn Unterhaltungsfilme an Airlines auszuleihen
ist ja keine besonders innovative Idee?
Otto Dauer: Die Innovation liegt im ständigen
Wandel der Übermittlungstechnologien und im Alleinstellungsmerkmal
im aufgebauten Know-how, das in dieser Form in Deutschland einmalig
ist. Leicht zu kopieren ist das Geschäftsmodell von Atlas Air schon
deshalb nicht, weil die Anzahl der Kunden weltweit begrenzt ist und
die Kunden verteilt sind. Wer neu anfängt, muss immense Anlaufverluste
verkraften.
DVI: Welche neuen Airlines kann Atlas Air noch hinzugewinnen,
oder sollen die Umsätze auf einem Niveau von 14 Mio. Euro und das
EBIT bei knapp 1 Mio. Euro in 04 stagnieren?
Otto Dauer: Die Neukundengewinnung von Atlas Air geht
immer zu Lasten der Wettbewerber. Mit jedem Neukunden steigt die Ertragskraft
überproportional, da das Personal nicht zwangsläufig aufgestockt
werden muss. Damit generieren wir echte Skaleneffekte. Deshalb gehen
wir in 05 von einer 10 %igen Steigerung des Ertrages bei Atlas Air aus,
wenn keine Globalrisiken auftauchen.
DVI: In 2001 hat Atlas Air mit 25,3 Mio. Euro Umsatz
und mit einer zweistelligen EBIT-Marge das höchste Ergebnis der
Firmengeschichte; danach gingen die Umsätze in Zweimillionenschritten
durch Terroranschläge und SARS zurück. Die EBIT-Marge hat
sich fast halbiert. Ist dieses Geschäft doch nicht so stabil?
Otto Dauer: Das Geschäftsmodell der Atlas Air
profitiert nahezu zwangsläufig von der Globali-sierung und dem
damit verbundenen Wachstum des weltweiten Flugaufkommens. Es ist aber
auch anfällig für Globalrisiken, wie die Anschläge vom
11. Sept. 2001 und Epidemien wie SARS zeigen. Risikoarm bleibt das Geschäft
jedoch trotzdem, weil sowohl der Filmeinkauf als auch der Filmverkauf
an der Anzahl der Einsätze im Flugzeug bemessen werden. Ein Filmeinkaufsrisiko
gibt es nicht. Jeder Filmeinkauf ist zudem auf Verkaufsseite vorher
abgestimmt.
DVI: Wenn Sie die 2.Kapitalerhöhung nicht vollständig
platzieren können, muss möglicherweise der Vertrag mit Atlas
Air rück abgewickelt werden?
Otto Dauer: Aus rechtlichen Gründen mussten wir
zwei Kapitalerhöhungen durchführen. Im April schöpften
wir das genehmigte Kapital in Höhe von € 897.750,00 im Verhältnis
2:1 aus. Die Aktien aus der April-Kapitalerhöhung sind bereits
im Berliner Freiverkehr handelbar.
In der ersten Juni-Hälfte führen wir die
auf der Hauptversammlung am 19.5. genehmigte Barkapitalerhöhung
im Verhältnis 1:2 durch die Ausgabe von rund 5,4 Millionen Aktien
durch. Damit steigt die Gesamtzahl der Aktien auf rund 8,1 Millionen
Stück. Zur Frage der Rückabwicklung ist zu sagen, dass dies
theoretisch so wäre. Tatsächlich gehen wir nach den vorliegenden
Zeichnungsabsichten von einer vollen Platzierung aus. Wir haben durch
ein Großinvestor-Konsortium eine Zusage für 2,5 Millionen
Aktien fest vorliegen. Darüber hinaus liegen umfang-reiche Zeichnungsabsichten
vor. Ich gehe davon aus, dass die Altaktionäre vor dem Hintergrund
der überdurchschnittlich guten Geschäftserwartungen bei Atlas
Air ihr Bezugsrecht weitgehend ausnützen werden.
DVI: Herr Dauer, Sie haben mit 35.000 Aktien einen
relativ bescheidenen Anteil am erhöhten Kapital von 8,1 Euro. Gleichzeitig
haben Sie erklärt, dass Sie auf einen Teil Ihres jetzigen Fixgehaltes
verzichten wollen. Wo liegt Ihre Motivation die neue Advanced Medien
zu einem ertragsreichen Unternehmen zu machen?
Otto Dauer: Den bescheidenen Anteil an Aktien habe
ich nicht aus Optionsprogrammen sondern aus der letzten Barkapitalerhöhung
erworben.Ich beabsichtige, auch bei der 2.Kapitalerhöhung in nennenswerter
Höhe neue Aktien zu zeichnen. Richtig ist, dass ich den Aufsichtsrat
gebeten habe, den noch bis 2006 laufenden Anstellungsvertrag schon in
2004 neu zu verhandeln. Ziel ist die Reduzierung des Fixgehaltes und
eine Neuregelung der variablen Bezüge, orientiert an den erzielten
Ergebnissen. Mein erstes Ziel als Vorstand ist es natürlich, die
Ertragskraft des Unternehmens zu stärken, und dazu leiste ich meinen
Beitrag. Wenn sich die Erträge gut entwickeln, möchte ich
natürlich auch profitieren.
DVI: Wenn die Kapitalerhöhung erfolgreich über
die Bühne gebracht worden ist, was haben Sie dann für Pläne?
Otto Dauer: Wir haben mehrere Möglichkeiten: Zum
einen können wir nach einem ertragreichen und risikoarmen zweiten
Geschäftsfeld suchen, zum anderen böten sich auch im Geschäftsfeld
„inflight entertainment“ interessante Kooperations- und
Übernahmemöglichkeiten an. Insbeson-dere die künftig
stärkere Internetnutzung an Bord ist für uns im Rahmen einer
Kooperation mit einem geeigneten Anbieter substanziell von hohem Interesse.
Weiteres überdurchschnittliches Umsatz- und Ertragswachstum ist
zudem nur durch Übernahmen von Wettbewerbern möglich. Atlas-Air
ist unseres Wissen nach durch die Advanced Medien AG das einzige Unternehmen
dieser Branche mit direktem Zugang zu Börsenkapital zur Finanzierung
von derartigen künftigen Maßnahmen.
DVI: Was kann Advanced Medien im laufenden und im kommenden
Jahr verdienen und wo sehen Sie die Kurschancen für neue Aktionäre?
Otto Dauer: Unser Kurs liegt derzeit bei ca. 1,30 Euro;
wenn wir im kommenden Jahr – ohne außerordentliche Erträge
– ein Ergebnis je Aktie von knapp 30 Cent verdienen können,
dann hätten wir bei einem Kurs von 2,60 Euro nur ein KGV von knapp
9 und wären damit deutlich unter dem Markt bewertet. Dazu kommen
sicherlich noch außerordentliche Erträge, die aber schwer
zu kalkulieren sind. Wir reden bei diesen Ansprüchen nicht gerade
um Kleingeld.
DVI: Wie lange läuft das Bezugsrecht, und wie
kann ein neuer Investor sich überhaupt engagieren?
Otto Dauer: Vom 2.-16.Juni werden Aktien zum Preis
von 1,15 Euro ausgegeben, der Bezugsrechtshandel ist ausgeschlossen.
Das Bezugsrecht richtet sich an die Altaktionäre. Die Zeichner
müssen für Zeichnungen über ihr gesetzliches Bezugsrecht
hinaus keine weiteren Bezugsrechte kaufen. Bei jeder deutschen Bank
können Zeichnungsaufträge abgegeben werden, aber auch bei
der emissionsführenden VEM-Bank (FaxNr. 089-2300-1111). Die Zeichnungsfrist
läuft bis 16. Juni 04, 24.00 Uhr.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de