01.12.05  DAS VORSTANDSINTERVIEW
VBH Holding AG - (WKN: 760070 / ISIN: DE0007600702 / Symbol: VBH)

Interviewpartner: Herr Jürgen Kassel, Vorstand
Gehaltene Aktien: 213.870 Aktien (von 35.645.447)

VBH HomepageHintergrund: Hätte die VBH, der größte Baubeschlagsgroßhändler in Europa, nicht schon vor mehr als 10 Jahren begonnen, ins Ausland zu expandieren, dann würde es dem Unternehmen genauso ergehen, wie den anderen Mitanbietern. Mit einem Umsatzrückgang von Minus 12% in den ersten neun Monaten des Jahres 2005 hat die Branche so stark wie noch nie nach dem 2.Weltkrieg zu kämpfen. Die VBH hat sich dagegen besser als der Markt verhalten. Im 1. Halbjahr lagen die Umsätze mit einem Umsatzplus von 4,1 Mio. Euro (gleich 1,4%) auf 297,4 Mio. Euro über denen des Vorjahres. DVI hat den Vorstandvorsitzenden Herrn Jürgen Kassel befragt, wie er die Zukunft seiner Branche im Allgemeinen und die von VBH im Speziellen sieht.

Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Kassel, wann wird im Baubeschlagshandel in Deutschland endlich der Boden erreicht?

Herr Kassel: Die Abwärtskurve wird flacher. Seit 1995 hat sich der Markt der produzierten und eingebauten Fenstereinheiten in Deutschland von ca. 25 Mio. Fenstereinheiten auf mittlerweile weniger als 12 Mio. Fenstereinheiten pro Jahr mehr als halbiert! Im Jahr 2005 beträgt der Rückgang zum Jahr 2004 nach Aussagen des Verbandes der Fenster- und Fassadenhersteller ca. 9 %!

DVI: Schließen Sie damit aus, dass das Jahr 2006 nochmals schlechter werden könnte als das Jahr 2005?

Herr Kassel: Nein, das schließe ich grundsätzlich nicht aus. Der deutsche Markt könnte nochmals um ca. 5 - 6 % zurückgehen. Entscheidend ist, dass diese Marktentwicklung von uns realistisch gesehen wird und wir uns planerisch darauf einstellen können. Wir wollen mit diesen Marktverhält- nissen in Deutschland „mitatmen“, nur dann haben wir eine Chance auf ein positives Ergebnis.

DVI: Werden Sie es 2005 schaffen, Ihre inländischen Aktivitäten, also die VBH Deutschland GmbH, in die schwarzen Zahlen zu bringen?

Herr Kassel: Wir wissen seit einigen Jahren, dass unser Restrukturierungsplan nicht in ein bis zwei Jahren in Deutschland zu einem positiven Ergebnis führen kann. Dazu waren die Marktrückgänge zu extrem und die Restrukturierungsmaßnahmen zu heftig. Bedenkt man, dass wir bis vor zwei Jahren noch zweistellige negative Millionen-Ergebnisse in Deutschland geschrieben haben, so sind wir froh, unser Ziel erreicht zu haben, dass wir 2005 voraussichtlich nur noch ein geringes Negativ-Ergebnis zu erzielen. Die im Jahre 2005 nochmals eingeleiteten Kostenmaßnahmen haben einen Full-Year-Effekt, der es prognostizieren lässt, dass erstmals nach der Baubeschlagskrise in Deutschland im Jahr 2006 wieder die Break-Even-Linie für die deutsche Gesellschaft in Sicht ist.

DVI: Der Markt in Osteuropa (Umsatzanteil von ca. 25%) ist der am stärksten wachsende Markt. Welches ist in Osteuropa das wachstumsstärkste Land?

Herr Kassel: Eindeutig ist das Renovierungspotenzial in den GUS-Staaten mittel- und langfristig am höchsten einzustufen. Aber auch kleinere Kaufkraftländer, wie z.B. die baltischen Staaten verzeichnen hohe Wachstumsraten. Interessant ist, dass im Gegensatz zu mancher landläufigen Meinung gerade in diesen Staaten immer noch hochqualitative Bauten mit hochwertigen Baubeschlagsprodukten entstehen. Auch der polnische Markt, der im vergangenen Jahr einen Abwärtstrend verzeichnete, erholt sich seit dem 2. Halbjahr 2005 langsam wieder.

DVI: Welche Margen können Sie in Osteuropa und welche in Westeuropa einfahren?

Herr Kassel: Wir haben auf unserem Wege der Restrukturierung jetzt eine EBIT-Marge von knapp 4 % auf Konzernebene erreicht. Das ist lange nicht das „Ende der Fahnenstange“! Wir müssen in allen Märkten durchschnittlich eine Umsatzrendite von ca. 5 - 6 % erreichen, um eine vernünftige Eigenkapitalverzinsung darzustellen. Dabei unterscheiden wir grundsätzlich nicht zwischen unterschiedlichen Zielmargen in West- oder Osteuropa.

DVI: Haben Sie in einem der westeuropäischen Märkte Probleme?

Herr Kassel: Der Markt in England hat sich in den letzten 12 Monaten leicht rückwärts entwickelt. Wir sind dieser Richtung entgegengetreten, in dem wir Kosten reduziert und vertriebliche Aktivitäten verstärkt haben. Insgesamt wird eine klimatische Erholung in England im Jahre 2006 prognostiziert. Der holländische Markt hat sich nach einer Seitwärtsentwicklung in den vergangenen 9 Monaten wieder gut entwickelt. Hier erkennt man die immer wiederkehrenden Zyklen und die Notwenigkeit, auf solche Zyklen reagieren zu können.

DVI: Sie rechnen in 2005 mit einer EBIT von ca. 25 Mio. Was bedeutet das für das Ergebnis je Aktie?

Herr Kassel: Wie Sie wissen, stehen wir immer noch mitten in Zinssenkungsdiskussionen mit unseren Banken, nachdem wir unser Kapitalmodell erfolgreich durchgeführt haben. Damit haben wir jedoch noch nicht unsere „Wunschzinsen“ gemäß unseres besseren Ratings erreicht. Dies bedeutet, dass wir momentan konzernweit immer noch mit einer Zinsbelastung von ca. 10 Mio. Euro ausgehen müssen. Unter Berücksichtigung von Auslandssteuern, außerordentlichen Ergebnispositionen und der im Jahr 2005 rechnerisch höheren Anzahl von Aktien (36,5 Mio. Stück) kann damit das Ergebnis je Aktie bei ca. 0,12 - 0,15 Euro liegen, insbesondere auch deshalb, weil
wir durch die Umstellung auf IFRS eine spürbare Entlastung bei den Firmenwertabschreibungen haben.

DVI: Welches Ergebnis haben Sie sich für 2006 vorgenommen, selbst wenn die Planungen noch nicht ganz abgeschlossen sein sollten?

Herr Kassel: Unter der Berücksichtigung, dass das deutsche Geschäft nochmals verhalten sein wird, erwarten wir zunächst im Jahr 2006 keine dramatische Entwicklung, sehen dennoch aufgrund der weltweiten Entwicklung einen Wert von 0,20 – 0,25 Euro je Aktie als realisierbar an.

DVI: Wie läuft Ihr Geschäft in China?

Herr Kassel: Wir setzen in dieser Region auf zwei Strategien: Einerseits verstärken wir derzeit unsere Aktivitäten im chinesischen Objektgeschäft mit den strategischen Schwerpunkten in Peking und Shanghai. Dort werden weiterhin sehr viele Bauwerke westlichen Baustandards entstehen, bei denen wir mit unseren Produkten „Made in Germany“ Erfolg haben können.

Andererseits haben wir in Guangzhou in diesem Jahr eine Repräsentanz gegründet, die für unsere Konzerngesellschaften weltweit den entsprechenden Bedarf an qualitativ guten Sortimenten ergründen soll. Schließlich müssen wir weiterhin weltweit auch mit Standard- produkten mithalten können. Dabei soll das Erreichen von westlichen Standards durch unsere Qualitätsmanager garantiert werden. Dieses Sourcing asiatischer Ware wird uns weltweit ein mittelfristiges Volumen von ca. 10 Mio. Euro erhalten, das wir für unser Geschäft benötigen und vor allem drohende Preis- und Margenverluste in etablierten Ländern dämpfen.

DVI: Haben Sie noch eine Überraschung im Ärmel, mit der der Markt nicht rechnet?

Herr Kassel: Wie Sie wissen, beschäftigen wir uns derzeit im Vorstand intensiv, nach der umfangreichen Sanierung der VBH Deutschland GmbH unser gesamtes Beteiligungsportfolio unter die Lupe zu nehmen. Dabei kommt es vor allem darauf an, welche Gesellschaften mittel- und langfristig strategisch und wirtschaftlich in unsere Konzerngruppe passen. Zwei Gesellschaften, die Profitherm GmbH und die SEG Bauelemente GmbH haben wir vor kurzem veräußert. Diese Aktivitäten waren und sind weit außerhalb unserer Kernkompetenz und damit nicht zukunftsträchtig. In dieser Richtung könnten noch Bereinigungen folgen, die alle das Ziel einer insgesamt noch profitableren VBH haben!

Neben diesen Portfolio-Bereinigungen sehen wir weiterhin erhebliche Marktpotenziale in Asien, auf dem Balkan und in den GUS-Staaten. Bereits jetzt sind wir mit unserer Organisation in der Lage, sofort diese gewaltigen Wachstumsmärkte zu bearbeiten.

DVI: Haben Sie eine Meinung zum aktuellen VBH-Kurs?

Herr Kassel: Wir haben anlässlich des Kapitalmodells im Jahre 2004 unseren Aktionären die Möglichkeit geboten, junge VBH-Aktien zum Preis von 1,00 Euro anzubieten. Den Bezugspreis der diesjährigen Kapitalerhöhung kalkulierten wir mit 2,50 Euro. Der derzeitige Kurs beinhaltet bei Weitem nicht die weitere weltweite Entwicklung des VBH-Konzerns mit den vielen Potenzialen, die es zu heben gilt. Bedenkt man, dass im jetzigen Kurs die Entwicklung in Deutschland immer noch aus einem gewaltigen Tief kommend erst kurz vor dem Break-Even-Punkt ist, so kann man abschätzen, dass ein Kurs von mittelfristig 4 – 5 Euro die logische Fortfolge der eingeschlagenen Maßnahmen sein könnte. Derzeit sind wir ja nur mit einem KGV von knapp 9 bezahlt und damit vom Markt eindeutig vernachlässigt.

Dazu werden wir mehr als bisher unsere IR-Aktivitäten ausbauen. An dieser Stelle möchte ich auch gerne auf unsere Internet-Homepage www.vbh.de verweisen, auf der wir immer wieder Neues von uns berichten.

DVI: Wann glauben Sie, dass VBH frühestens wieder eine Dividende zahlen wird?

Herr Kassel: Wie Sie wissen, ist für die Ausschüttung von Dividenden bei uns nicht nur der Jahresüberschuss, sondern auch das anteilige Ansparen von Mitteln für die im Jahr 2014 fälligen Wandelgenussscheine in Höhe von 50 Mio. € entscheidend. Außerdem haben wir noch keine Erkenntnisse darüber, inwieweit die Inhaber von Wandelgenussscheinen ihre Wertpapiere in Aktien wandeln werden, und somit für uns die Rückzahlungsverpflichtung von Wandelgenuss- scheinen verringert wird. Aus diesem Grunde sollten wir zunächst die Entwicklung der Jahre 2005 und 2006 abwarten, um Aussagen über unsere zukünftige Ausschüttungspolitik abzugeben.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Rochus C. Rüttnauer.

http://www.das-vorstandsinterview.de