TOMORROW FOCUS AG
Interviewpartner: Enrico Just, Finanzvorstand seit 1999
Gehaltene Aktien: keine (von 42,656 Mio.)
Gehaltene Optionen: 50.000
Das Interview wurde am 10.05.04 geführt.
Hintergrund:
Tomorrow Focus, ein Medienhaus, bei dem die Online-Vermarktung immer
wichtiger wird, konnte in den vergangenen zwei Jahren ganz erhebliche
Geschäftserfolge erzielen: Lag der Verlust im Jahr 2002 bei einem
Umsatz von 31,6 Millionen Euro noch bei 62,8 Millionen Euro, so ist
im vergangenen Jahr – bedingt durch einen Umsatzzuwachs von über
58 Prozent – ein positives Ergebnis vor Steuern (EBIT) von 0,4
Millionen Euro erzielt worden. Dies war auch ein Ergebnis von konsequenter
Einsparungspolitik. In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres
sind die Online-Werbebuchungen um nahezu 100 Prozent gegen-über
dem Vorjahres-Vergleichszeitraum gewachsen. Die Börse hat dennoch
den geglückten Start in das laufende Jahr mit massiven Kursrückgängen
bewertet. DVI sprach mit dem Finanzvorstand, Enrico Just, über
die aktuelle Geschäftslage.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Just, Sie sind kein
reines digitales Medienhaus. Bitte erläutern Sie unseren Lesern
die Aufteilung des Gesamt-Umsatzvolumens nach Ihren drei Geschäfts-feldern.
Herr Just: Wir sind ein Medienunternehmen, welches
sich im Kernbereich auf die Erstellung und Vermarktung von reichweitenstarken
Markenportalen im Internet konzentriert. Damit erzielten wir im Jahr
2003 gut 55% (27,2 Mio.€) unseres Umsatzes. Eng verbunden mit den
Aktivitäten im Portalbereich ist das Segment Technologie, in dem
wir eine hoch entwickelte Cross Media Publishing – Plattform anbieten.
Damit erzielten wir im Jahr 2003 etwas mehr als 16% (8,1 Mio.€)
unseres Konzernumsatzes. Und nicht zu vergessen sind unsere Beteiligungen
an Playboy Deutschland und BELLEVUE AND MORE, einem Joint Venture mit
der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Dieses Segment steuerte immerhin
gut 28% oder 14,2 Mio.€ zum Konzernumsatz bei.
DVI: Welche Wachstumschancen haben die einzelnen Geschäftsfelder
und wie wird die Umsatz-verteilung voraussichtlich Ende 2004 aussehen?
Herr Just: Ohne Frage ist der Portalbereich das stärkste
und wichtigste Segment mit den größten Wachstumsraten in
den nächsten Jahren. Wir haben mit unserem crossmedialen Vermarktungs-ansatz
über mehrere Medien und der Vielfalt im Hubert Burda Medien Verbund
ein Allein-stellungsmerkmal im Online-Werbemarkt. Dieses ist auch in
dieser Form nicht so ohne weiteres zu kopieren. Von daher gehe ich davon
aus, dass der Umsatzanteil dieses Segmentes zukünftig 60% und mehr
betragen wird. Demgegenüber wird das Technologiesegment, nicht
zuletzt durch den Verkauf der in unserem Verbund defizitären Agentur
IMP in Hamburg, auf etwa 10% zurückgehen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen,
dass es sich um den externen Umsatz handelt. Die Betriebsleistung dieser
Tochtergesellschaft ist natürlich viel höher als ausgewiesen.
Der Umsatzanteil der Beteiligungen wird sich bei gut 30% stabilisieren,
sofern im Portfolio nicht noch eine weitere Beteiligung hinzukommt.
Eine Überraschung könnte es hier durch die gerade gemeldete
Partnerschaft mit der Verlagsgruppe Handelsblatt geben. Warten wir einmal
ab.
DVI: Welchen Sinn macht in diesem Zusammenhang der
Geschäftsbereich Technologie? Sind Sie nicht eigentlich ein reiner
Portalbetreiber?
Herr Just: Der Geschäftsbereich Technologie, der
in der 100%igen Tochtergesellschaft TOMORROW FOCUS Technologies GmbH
betrieben wird, beinhaltet eine unserer Kernkompe-tenzen. Wir müssen
die für den Betrieb des größten deutschen Portalnetzwerkes
mit über 800 Millionen Zugriffen im Monat so eine wichtige Technologie
in der Hand behalten. Content, Technologie und Vermarktung – damit
bieten wir der Werbung treibenden Industrie digitale Kommunikationslösungen
aus einer Hand. Das beste Beispiel ist das Projekt „Flynet“
der Deutschen Lufthansa. Wir erstellen und betreiben das weltweit erste
und einzige Internet-Breit-bandportal an Bord von Flugzeugen. Die ersten
Maschinen starten am 17.5.04 in den Routine-betrieb.
DVI: Welches EBIT glauben Sie im laufenden Jahr erzielen
zu können?
Herr Just: Das EBIT in 2003 war bedingt durch relativ
hohe Abschreibungen mit -0,3 Mio.€ noch leicht negativ. Hier erwarte
ich eine deutliche Steigerung in den positiven Bereich. Einige Analysten
glauben hier an ein EBIT in der Größenordnung von über
1,0 Mio.€, was sicherlich ein großer Erfolg wäre. Ich
bin da momentan noch sehr vorsichtig.
DVI: Sind Sie mit Ihren Aussagen nicht etwas zu konservativ,
nachdem Sie im ersten Quartal 2004 bereits eine EBIT-Steigerung von
71% erzielen konnten?
Herr Just: In der Tat ist das erste Quartal vom Ertrag
her sehr gut gelaufen. Es ist jedoch nicht unsere Art, daraus bereits
zu einem so frühen Zeitraum extrem positive Ableitungen zu veröffentlichen.
Das Geschäft unterliegt starken saisonalen Schwankungen und die
Stimmung in Deutschland kennen Sie ja selbst. Warten wir den Verlauf
des Jahres einmal ab. Vielleicht können wir ja wieder überraschen.
DVI: Die Ergebnissteigerung im Portalgeschäft
- im ersten Quartal von 0,1 auf 0,5 Millionen Euro - ist besonders erfreulich.
Welche Gründe gibt es hierfür?
Herr Just: Die in den letzten Jahren durchgeführten
Konsolidierungen tragen ihre Früchte. Die Kostenbasis ist nun auf
einem Niveau, welches sich im Ertrag auszahlt.
DVI: Das Männermagazin „Playboy“,
das bei Tomorrow Focus unter dem Bereich „Beteiligungen“
integriert ist, hat die Auflagenzahl signifikant von 160.000 auf über
300.000 gesteigert. Worauf ist dies zurückzuführen, und welches
Beteiligungsergebnis erwarten Sie im laufenden Jahr?
Herr Just: Es ist uns gelungen, das Magazin Playboy
wieder zu dem zu machen, was es ist – dem bekanntesten und begehrtesten
Männermagazin in Deutschland. Am Playboy kommt man einfach nicht
vorbei, die Marke ist einfach toll. Allerdings war das ein hartes Stück
Arbeit in der Redaktion und in Marketing und Vertrieb. Zusätzlich
treffen sowohl die Merchandising und der CyberClub im Internet auf große
Resonanz bei Lesern und Nutzern. Das Ergebnis des Beteiligungsbereiches
hat im letzten Jahr noch unter den Umstrukturierungen bei Bellevue gelitten.
Mittlerweile sind beide Gesellschaften profitabel auf allen Stufen und
ich erwarte zum Jahresende ein deutlich schwarzes Ergebnis.
DVI: Der Bereich Technik bringt nicht nur Leistungen
für externe Kunden, sondern auch in großem Umfang innerhalb
der Gruppe. Wird es im laufenden Jahr möglich sein, das negative
EBT komplett auszugleichen?
Herr Just: Die TFT war bereits im letzten Jahr profitabel
und wird es nach jetzigem Stand auch zum Jahresende sein. Das leicht
negative EBT im ersten Quartal ist ein rein saisonaler Effekt.
DVI: Mit der Ausstattung der Lufthansa-Überseeflotte
mit Internet-Anschlüssen haben Sie einen Renommeeauftrag, der viel
Nachfolgegeschäft bringen könnte. Wie weit stehen Sie mit
den anderen Partnern der Star-Alliance-Gruppe in Kontakt, und wann ist
mit ersten Abschlüssen zu rechnen?
Herr Just: Die TOMORROW FOCUS AG hat zusammen mit der
Lufthansa Systems Group GmbH im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung
den Zuschlag für dieses immense Projekt bekommen. Für uns
ist das insofern wichtig, weil alle drei Säulen unseres Geschäftsmodells
zum Tragen kommen: Portal Technik und Vermarktung – und wir somit
die führende Position auf dem deutschen Markt bestätigen können.
Diese integrierten Lösungen kann man sich zum Bespiel auch bei
Kreuzfahrtschiffen, bei der Bahn oder auch in Reisebussen vorstellen.
Interessante Gespräche führen wir hier bereits.
Das Flynet Portal eignet sich in der Tat zum Roll Out
in Richtung anderer Airlines, aber auch in andere Industrien. Denken
Sie einmal an die Kreuzschifffahrt oder an Eisenbahnen. Es ist allerdings
noch zu früh, bereits über konkrete Nachfolgeprojekte zu reden.
Im Moment haben wir mit der Ausrüstung der Lufthansa-Flotte alle
Hände voll zu tun – der offizielle Start findet nächsten
Montag statt. Gespräche werden allerdings bereits geführt.
DVI: Überraschenderweise spielen Sie bei der Marketing-Kampagne
der neuen Postbank-Aktie eine nicht unwesentliche Rolle. Können
Sie bitte erläutern, was der Auftrag umfasst hat, und wird das
Marketing für Neuemissionen künftig eine Stütze des Geschäftes
sein?
Herr Just: Es ist mit Sicherheit eine Option. Es handelt
sich hierbei um einen umfangreichen „crossmedialen Deal“
bei dem wir im ersten Schritt gemeinsam mit Burda eine reichweitenstarke
Printkampage gestartet haben, die im zweiten Schritt im Online-Bereich
weiter vertieft wird. Die Neuemissionen haben bisher ja noch nicht sonderlich
gefruchtet, aber vorstellbar ist das bei jeder Kampagne – auch
bei Neuemissionen.
DVI: Ihr Cyber-Club, ein Bezahldienst für 9 Euro
im Monat, erfreut sich stark steigender Mitgliederzahlen. Welche Gegenleistung
können die Cyber-Club-Mitglieder erwarten, und welchen Umfang wird
der Anteil der sogenannten Bezahl-Dienste im kommenden Jahr haben?
Herr Just: Insgesamt entwickelte sich das Online-Angebot
von playboy.de erfreulich positiv. Die monatlichen Page-Impressions
sind im vergangenen Jahr um 150 Prozent gestiegen und auch hier verzeichneten
die Werbeerlöse ein Plus von 20 Prozent. Mit rund 13.500 registrierten
Nutzern konnten die Umsätze im CyberClub im letzten Jahr sogar
verdoppelt werden. Ein hervorragendes Shop-Sortiment sorgte außerdem
für eine Versiebenfachung des Umsatzes im Bereich Merchandising.
Man stelle sich vor: allein im Dezember wurden über 120.000 Euro
mit den beliebten Bunny-Artikeln erzielt. Zur Stärkung des kostenpflichtigen
Bereichs im Internet, schloss die Gesellschaft Anfang des Jahres eine
weitere Kooperation unter dem Namen „Playboy.net“ mit T-Online
ab. Breits nach wenigen Tagen hatten sich mehrere hundert Nutzer für
diesen Dienst, der immerhin 14,95 Euro im Monat kostet, registriert.
Weit mehr als wir erwartet haben. Der Anteil an Bezahl-Diensten wird
also weiter steigen – hier vor allem auch im Mobil-Bereich.
DVI: Herr Just, es gibt Umsatzschätzungen im Markt
von 60 Millionen Euro für das laufende Jahr und ein positives EBIT
von 2 Millionen Euro, was gegenüber dem Vorjahr eine Verfünffachung
darstellen würde. Sind diese Schätzungen zu sportlich, oder
liegen sie im Bereich des Möglichen?
Herr Just: Ich halte einen Umsatz von 60 Millionen
Euro im laufenden Jahr für sehr sportlich. Sie kennen die allgemeine
Stimmungslage und die ausgesprochene Saisonalität im Werbegeschäft.
Da kann es von heute auf morgen Überraschungen in beide Richtungen
geben. Nichts ist unmöglich…
DVI: Können Sie im kommenden Jahr einen Umsatz
von 72 Millionen Euro erzielen? Dies wäre eine Umsatzverdoppelung
im Vergleich zum Jahr 2002. Welchen Umsatz- und Ergebnisbeitrag müsste
das Quartalsgeschäft bei dieser Umsatzgröße liefern?
Herr Just: Das wäre natürlich ein phantastisches
Resultat welches bei einem kräftigen Wachstum im Online-Werbemarkt
in den Bereich des Möglichen rückt. Diesen Umsatzanteil hatte
ich bereits mit > 60% beziffert. Das trifft dann auch für den
Ergebnisanteil zu. Analysten gehen jedoch von einem etwas geringeren
Konzernumsatz im Jahr 2005 aus. Diese Schätzungen liegen im Bereich
von 65 Mio. Euro.
DVI: Welches Ergebnis je Aktie erwarten Sie im kommenden
Jahr?
Herr Just: Bitte haben Sie Verständnis dafür,
dass ich keine Ergebnisschätzungen abgeben kann. Die Prognosen
von Analysten liegen in einer Bandbreite von 0,08 € bis 0,15 €
p.S., ein durchaus interessanter Spielraum.
DVI: Der Börsenkurs ist nach einem Hoch von 3,90
Euro Mitte Februar diesen Jahres wieder auf das Niveau von Ende November
vergangenen Jahres zurückgekommen. Halten Sie diesen Kursrückgang
angesichts der hervorragenden Zahlen des ersten Quartals 2004 für
gerechtfertigt?
Herr Just: Ehrlich gesagt hat mich die Reaktion an
den Börsen sehr überrascht und ich gehe davon aus, dass sie
nicht im Zusammenhang mit dem Quartalsergebnis steht. Der drastische
Kursrückgang ist mir in dieser Höhe ein absolutes Rätsel.
Ich sehe hier – auch kurzfristig – deutliches Aufholpotenzial.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
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