14.05.04  DAS VORSTANDSINTERVIEW
TOMORROW FOCUS AG

Interviewpartner: Enrico Just, Finanzvorstand seit 1999
Gehaltene Aktien: keine (von 42,656 Mio.)
Gehaltene Optionen: 50.000
Das Interview wurde am 10.05.04 geführt.

TOMORROW FOCUS HomepageHintergrund: Tomorrow Focus, ein Medienhaus, bei dem die Online-Vermarktung immer wichtiger wird, konnte in den vergangenen zwei Jahren ganz erhebliche Geschäftserfolge erzielen: Lag der Verlust im Jahr 2002 bei einem Umsatz von 31,6 Millionen Euro noch bei 62,8 Millionen Euro, so ist im vergangenen Jahr – bedingt durch einen Umsatzzuwachs von über 58 Prozent – ein positives Ergebnis vor Steuern (EBIT) von 0,4 Millionen Euro erzielt worden. Dies war auch ein Ergebnis von konsequenter Einsparungspolitik. In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres sind die Online-Werbebuchungen um nahezu 100 Prozent gegen-über dem Vorjahres-Vergleichszeitraum gewachsen. Die Börse hat dennoch den geglückten Start in das laufende Jahr mit massiven Kursrückgängen bewertet. DVI sprach mit dem Finanzvorstand, Enrico Just, über die aktuelle Geschäftslage.

Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Just, Sie sind kein reines digitales Medienhaus. Bitte erläutern Sie unseren Lesern die Aufteilung des Gesamt-Umsatzvolumens nach Ihren drei Geschäfts-feldern.

Herr Just: Wir sind ein Medienunternehmen, welches sich im Kernbereich auf die Erstellung und Vermarktung von reichweitenstarken Markenportalen im Internet konzentriert. Damit erzielten wir im Jahr 2003 gut 55% (27,2 Mio.€) unseres Umsatzes. Eng verbunden mit den Aktivitäten im Portalbereich ist das Segment Technologie, in dem wir eine hoch entwickelte Cross Media Publishing – Plattform anbieten. Damit erzielten wir im Jahr 2003 etwas mehr als 16% (8,1 Mio.€) unseres Konzernumsatzes. Und nicht zu vergessen sind unsere Beteiligungen an Playboy Deutschland und BELLEVUE AND MORE, einem Joint Venture mit der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Dieses Segment steuerte immerhin gut 28% oder 14,2 Mio.€ zum Konzernumsatz bei.

DVI: Welche Wachstumschancen haben die einzelnen Geschäftsfelder und wie wird die Umsatz-verteilung voraussichtlich Ende 2004 aussehen?

Herr Just: Ohne Frage ist der Portalbereich das stärkste und wichtigste Segment mit den größten Wachstumsraten in den nächsten Jahren. Wir haben mit unserem crossmedialen Vermarktungs-ansatz über mehrere Medien und der Vielfalt im Hubert Burda Medien Verbund ein Allein-stellungsmerkmal im Online-Werbemarkt. Dieses ist auch in dieser Form nicht so ohne weiteres zu kopieren. Von daher gehe ich davon aus, dass der Umsatzanteil dieses Segmentes zukünftig 60% und mehr betragen wird. Demgegenüber wird das Technologiesegment, nicht zuletzt durch den Verkauf der in unserem Verbund defizitären Agentur IMP in Hamburg, auf etwa 10% zurückgehen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass es sich um den externen Umsatz handelt. Die Betriebsleistung dieser Tochtergesellschaft ist natürlich viel höher als ausgewiesen. Der Umsatzanteil der Beteiligungen wird sich bei gut 30% stabilisieren, sofern im Portfolio nicht noch eine weitere Beteiligung hinzukommt. Eine Überraschung könnte es hier durch die gerade gemeldete Partnerschaft mit der Verlagsgruppe Handelsblatt geben. Warten wir einmal ab.

DVI: Welchen Sinn macht in diesem Zusammenhang der Geschäftsbereich Technologie? Sind Sie nicht eigentlich ein reiner Portalbetreiber?

Herr Just: Der Geschäftsbereich Technologie, der in der 100%igen Tochtergesellschaft TOMORROW FOCUS Technologies GmbH betrieben wird, beinhaltet eine unserer Kernkompe-tenzen. Wir müssen die für den Betrieb des größten deutschen Portalnetzwerkes mit über 800 Millionen Zugriffen im Monat so eine wichtige Technologie in der Hand behalten. Content, Technologie und Vermarktung – damit bieten wir der Werbung treibenden Industrie digitale Kommunikationslösungen aus einer Hand. Das beste Beispiel ist das Projekt „Flynet“ der Deutschen Lufthansa. Wir erstellen und betreiben das weltweit erste und einzige Internet-Breit-bandportal an Bord von Flugzeugen. Die ersten Maschinen starten am 17.5.04 in den Routine-betrieb.

DVI: Welches EBIT glauben Sie im laufenden Jahr erzielen zu können?

Herr Just: Das EBIT in 2003 war bedingt durch relativ hohe Abschreibungen mit -0,3 Mio.€ noch leicht negativ. Hier erwarte ich eine deutliche Steigerung in den positiven Bereich. Einige Analysten glauben hier an ein EBIT in der Größenordnung von über 1,0 Mio.€, was sicherlich ein großer Erfolg wäre. Ich bin da momentan noch sehr vorsichtig.

DVI: Sind Sie mit Ihren Aussagen nicht etwas zu konservativ, nachdem Sie im ersten Quartal 2004 bereits eine EBIT-Steigerung von 71% erzielen konnten?

Herr Just: In der Tat ist das erste Quartal vom Ertrag her sehr gut gelaufen. Es ist jedoch nicht unsere Art, daraus bereits zu einem so frühen Zeitraum extrem positive Ableitungen zu veröffentlichen. Das Geschäft unterliegt starken saisonalen Schwankungen und die Stimmung in Deutschland kennen Sie ja selbst. Warten wir den Verlauf des Jahres einmal ab. Vielleicht können wir ja wieder überraschen.

DVI: Die Ergebnissteigerung im Portalgeschäft - im ersten Quartal von 0,1 auf 0,5 Millionen Euro - ist besonders erfreulich. Welche Gründe gibt es hierfür?

Herr Just: Die in den letzten Jahren durchgeführten Konsolidierungen tragen ihre Früchte. Die Kostenbasis ist nun auf einem Niveau, welches sich im Ertrag auszahlt.

DVI: Das Männermagazin „Playboy“, das bei Tomorrow Focus unter dem Bereich „Beteiligungen“ integriert ist, hat die Auflagenzahl signifikant von 160.000 auf über 300.000 gesteigert. Worauf ist dies zurückzuführen, und welches Beteiligungsergebnis erwarten Sie im laufenden Jahr?

Herr Just: Es ist uns gelungen, das Magazin Playboy wieder zu dem zu machen, was es ist – dem bekanntesten und begehrtesten Männermagazin in Deutschland. Am Playboy kommt man einfach nicht vorbei, die Marke ist einfach toll. Allerdings war das ein hartes Stück Arbeit in der Redaktion und in Marketing und Vertrieb. Zusätzlich treffen sowohl die Merchandising und der CyberClub im Internet auf große Resonanz bei Lesern und Nutzern. Das Ergebnis des Beteiligungsbereiches hat im letzten Jahr noch unter den Umstrukturierungen bei Bellevue gelitten. Mittlerweile sind beide Gesellschaften profitabel auf allen Stufen und ich erwarte zum Jahresende ein deutlich schwarzes Ergebnis.

DVI: Der Bereich Technik bringt nicht nur Leistungen für externe Kunden, sondern auch in großem Umfang innerhalb der Gruppe. Wird es im laufenden Jahr möglich sein, das negative EBT komplett auszugleichen?

Herr Just: Die TFT war bereits im letzten Jahr profitabel und wird es nach jetzigem Stand auch zum Jahresende sein. Das leicht negative EBT im ersten Quartal ist ein rein saisonaler Effekt.

DVI: Mit der Ausstattung der Lufthansa-Überseeflotte mit Internet-Anschlüssen haben Sie einen Renommeeauftrag, der viel Nachfolgegeschäft bringen könnte. Wie weit stehen Sie mit den anderen Partnern der Star-Alliance-Gruppe in Kontakt, und wann ist mit ersten Abschlüssen zu rechnen?

Herr Just: Die TOMORROW FOCUS AG hat zusammen mit der Lufthansa Systems Group GmbH im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung den Zuschlag für dieses immense Projekt bekommen. Für uns ist das insofern wichtig, weil alle drei Säulen unseres Geschäftsmodells zum Tragen kommen: Portal Technik und Vermarktung – und wir somit die führende Position auf dem deutschen Markt bestätigen können. Diese integrierten Lösungen kann man sich zum Bespiel auch bei Kreuzfahrtschiffen, bei der Bahn oder auch in Reisebussen vorstellen. Interessante Gespräche führen wir hier bereits.

Das Flynet Portal eignet sich in der Tat zum Roll Out in Richtung anderer Airlines, aber auch in andere Industrien. Denken Sie einmal an die Kreuzschifffahrt oder an Eisenbahnen. Es ist allerdings noch zu früh, bereits über konkrete Nachfolgeprojekte zu reden. Im Moment haben wir mit der Ausrüstung der Lufthansa-Flotte alle Hände voll zu tun – der offizielle Start findet nächsten Montag statt. Gespräche werden allerdings bereits geführt.

DVI: Überraschenderweise spielen Sie bei der Marketing-Kampagne der neuen Postbank-Aktie eine nicht unwesentliche Rolle. Können Sie bitte erläutern, was der Auftrag umfasst hat, und wird das Marketing für Neuemissionen künftig eine Stütze des Geschäftes sein?

Herr Just: Es ist mit Sicherheit eine Option. Es handelt sich hierbei um einen umfangreichen „crossmedialen Deal“ bei dem wir im ersten Schritt gemeinsam mit Burda eine reichweitenstarke Printkampage gestartet haben, die im zweiten Schritt im Online-Bereich weiter vertieft wird. Die Neuemissionen haben bisher ja noch nicht sonderlich gefruchtet, aber vorstellbar ist das bei jeder Kampagne – auch bei Neuemissionen.

DVI: Ihr Cyber-Club, ein Bezahldienst für 9 Euro im Monat, erfreut sich stark steigender Mitgliederzahlen. Welche Gegenleistung können die Cyber-Club-Mitglieder erwarten, und welchen Umfang wird der Anteil der sogenannten Bezahl-Dienste im kommenden Jahr haben?

Herr Just: Insgesamt entwickelte sich das Online-Angebot von playboy.de erfreulich positiv. Die monatlichen Page-Impressions sind im vergangenen Jahr um 150 Prozent gestiegen und auch hier verzeichneten die Werbeerlöse ein Plus von 20 Prozent. Mit rund 13.500 registrierten Nutzern konnten die Umsätze im CyberClub im letzten Jahr sogar verdoppelt werden. Ein hervorragendes Shop-Sortiment sorgte außerdem für eine Versiebenfachung des Umsatzes im Bereich Merchandising. Man stelle sich vor: allein im Dezember wurden über 120.000 Euro mit den beliebten Bunny-Artikeln erzielt. Zur Stärkung des kostenpflichtigen Bereichs im Internet, schloss die Gesellschaft Anfang des Jahres eine weitere Kooperation unter dem Namen „Playboy.net“ mit T-Online ab. Breits nach wenigen Tagen hatten sich mehrere hundert Nutzer für diesen Dienst, der immerhin 14,95 Euro im Monat kostet, registriert. Weit mehr als wir erwartet haben. Der Anteil an Bezahl-Diensten wird also weiter steigen – hier vor allem auch im Mobil-Bereich.

DVI: Herr Just, es gibt Umsatzschätzungen im Markt von 60 Millionen Euro für das laufende Jahr und ein positives EBIT von 2 Millionen Euro, was gegenüber dem Vorjahr eine Verfünffachung darstellen würde. Sind diese Schätzungen zu sportlich, oder liegen sie im Bereich des Möglichen?

Herr Just: Ich halte einen Umsatz von 60 Millionen Euro im laufenden Jahr für sehr sportlich. Sie kennen die allgemeine Stimmungslage und die ausgesprochene Saisonalität im Werbegeschäft. Da kann es von heute auf morgen Überraschungen in beide Richtungen geben. Nichts ist unmöglich…

DVI: Können Sie im kommenden Jahr einen Umsatz von 72 Millionen Euro erzielen? Dies wäre eine Umsatzverdoppelung im Vergleich zum Jahr 2002. Welchen Umsatz- und Ergebnisbeitrag müsste das Quartalsgeschäft bei dieser Umsatzgröße liefern?

Herr Just: Das wäre natürlich ein phantastisches Resultat welches bei einem kräftigen Wachstum im Online-Werbemarkt in den Bereich des Möglichen rückt. Diesen Umsatzanteil hatte ich bereits mit > 60% beziffert. Das trifft dann auch für den Ergebnisanteil zu. Analysten gehen jedoch von einem etwas geringeren Konzernumsatz im Jahr 2005 aus. Diese Schätzungen liegen im Bereich von 65 Mio. Euro.

DVI: Welches Ergebnis je Aktie erwarten Sie im kommenden Jahr?

Herr Just: Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich keine Ergebnisschätzungen abgeben kann. Die Prognosen von Analysten liegen in einer Bandbreite von 0,08 € bis 0,15 € p.S., ein durchaus interessanter Spielraum.

DVI: Der Börsenkurs ist nach einem Hoch von 3,90 Euro Mitte Februar diesen Jahres wieder auf das Niveau von Ende November vergangenen Jahres zurückgekommen. Halten Sie diesen Kursrückgang angesichts der hervorragenden Zahlen des ersten Quartals 2004 für gerechtfertigt?

Herr Just: Ehrlich gesagt hat mich die Reaktion an den Börsen sehr überrascht und ich gehe davon aus, dass sie nicht im Zusammenhang mit dem Quartalsergebnis steht. Der drastische Kursrückgang ist mir in dieser Höhe ein absolutes Rätsel. Ich sehe hier – auch kurzfristig – deutliches Aufholpotenzial.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.

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