H&R WASAG AG - (WKN: 775700 / ISIN: DE0007757007 / Symbol: WAS)
Interviewpartner: Dr. Horst Hollstein, Vorstandsvorsitzender
Gehaltene Aktien: keine
Hintergrund:
Die H&R WASAG AG hat in den letzten Jahren eine außergewöhnliche
Entwicklung vollzogen, die von der Börse kaum beachtet worden ist:
Lag 1994 der Umsatz noch bei 88 Mio. Euro, so wurden im vergangenen
Jahr knapp 500 Mio. Euro erzielt. Das Eigenkapital ist gleichzeitig
von 33.000 Euro auf über 80 Mio. Euro gewachsen. Heute steht das
Geschäftsmodell auf drei Beinen: Die Spezialchemikalien erreichten
2004 einen Umsatz von über 409 Mio. Euro, die Präzisionskunststoffe
35 Mio. Euro und die Sprengstoffe einen Umsatz von 53 Mio. Euro. Bei
den beiden letztgenannten Bereichen werden Vorsteuerrenditen von bis
zu 10 Prozent erzielt. Aufgrund der Preissteigerung bei den Vorprodukten
im größten Bereich chemisch-pharmazeutische Rohstoffe hat
der Kurs einen „Rückwärtsgang“ eingelegt. Um weitere
Ertragspotenziale aufzubauen hat das Unternehmen das sog. „Projekt
18“ aufgelegt. DVI hat den Sprecher der Geschäftsführung
und Vorstandsvorsitzenden, Herrn Dr.Hollstein, zu den mittelfristigen
Geschäftsaussichten befragt.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Dr.Hollstein, gibt
es zwischen den drei Geschäftsbereichen der H&R Wasag Synergieeffekte?
Herr Dr. Hollstein: Nein, Synergien sind eigentlich
kaum messbar. Die Realisierung von Synergien war und ist auch nicht
das Ziel der Ausrichtung in die Geschäftsbereiche Chemisch-pharmazeutische
Rohstoffe, Präzisionskunststoffe sowie Explosivstoffe. Die Diversifikation
unserer Aktivitäten in die voneinander unabhängigen Märkte
dient alleine der Risikoabsicherung. Dies war auch der Hauptgrund für
die 2001 umgesetzte Fusion zwischen dem chemisch-pharmazeutischen Geschäft,
der Raffinerie Salzbergen, und der WASAG-CHEMIE AG, die im Kunststoffmarkt
und im Explosivstoffgeschäft tätig war. Im Vordergrund stand
die Absicherung der hohen Volatilität am Rohölmarkt durch
eine Streuung der Aktivitäten.
DVI: Sie haben bei der Spezialchemie-Sparte in einigen
Produktsegmenten weltweit eine marktführende Position. Wie sind
Sie dazu als mittelständisches Unternehmen gekommen?
Herr Dr. Hollstein: Wir konzentrieren uns mit allen
unseren Aktivitäten auf Nischenmärkte. Nur in solchen Märkten
können wir als Mittelständer im heute globalen Wettbewerb
bestehen. Das Einnehmen führender Marktpositionen ist für
uns deshalb eine elementare Voraussetzung, um einzelne Geschäftsbereiche
auszubauen. Nur wenn wir zu den Marktführern oder zu den Technologieführern
gehören, können wir langfristig erfolgreich sein. Gleiches
gilt für das Einnehmen der Kostenführerschaft im Dienstleistungsgeschäft.
In den vergangenen Jahren haben wir alle unsere Aktivitäten danach
ausgerichtet und heute sind alle Bereiche in ihren Märkten führend
positioniert.
DVI: Welcher der drei Geschäftsbereiche wird in
den nächsten fünf Jahren prozentual das stärkste Wachstum
aufweisen können?
Herr Dr. Hollstein: Wir setzen in allen drei Geschäftsbereichen
auf Wachstum. In der Sparte Chemischpharmazeutische Rohstoffe sehen
wir gleich mehrere Ansatzpunkte. Zum einen werden wir organisch zulegen.
Potenziale hierzu bestehen vor allem in Asien und Südafrika. Daneben
wollen wir in den kommenden Jahren auch vom anhaltenden Branchentrend
zur Konzentration auf Kernaktivitäten profitieren. Dem Schritt,
den die BP in 2003 mit dem Verkauf des gesamten Spezialgeschäfts
vollzogen hat, werden andere Mineralölkonzerne folgen. Wir sehen
das zum Beispiel gerade bei ExxonMobil, deren australische Aktivitäten
wir im Frühjahr erworben haben. Die Aktivitäten in der Präzisionskunststoff-Sparte
können wir demgegenüber nur über den Aufbau von Standorte
in neuen regionalen Märkten ausbauen. Im Explosivstoffbereich schließlich
ermöglichen die vorhandenen Markt- und Wettbewerbsstrukturen eigentlich
nur ein Wachstum über Akquisitionen und Kooperationen.
DVI: Wie wollen Sie ein organisches Wachstum in der
Spezialchemie erreichen?
Herr Dr. Hollstein: Seit 2004 sind wir auf nahezu allen
Kontinenten mit Produktionsanlagen vertreten. Die entsprechenden Aktivitäten
können wir jetzt gezielt ausbauen. Ein besonderes Augenmerk liegt
hierbei allerdings auf der Einführung neuer Produkte für die
Gummi- und Reifenindustrie. Wir besitzen ein Patent, mit dem wir als
Technologieführer rohölbasierte Weichmacher produzieren, die
entgegen den aktuell eingesetzten Materialien nicht als gesundheits.-
und umweltgefährdend eingestuft werden. Ab Ende dieses Jahres können
wir nahezu die Hälfte des Bedarfs der europäischen Reifenindustrie
an diesen Stoffen produzieren. Damit sind wir dem Wettbewerb um Jahre
voraus.
DVI: Sie bauen in Hamburg Schritt für Schritt
eine Misch- und Abfüllanlage für Marine-Spezialöle, wo
Sie auch im Rahmen der Lohnverarbeitung für die großen Mineralölkonzerne
in Europa arbeiten. Was sind hier Ihre mittelfristigen Pläne?
Herr Dr. Hollstein: Wir praktizieren bereits seit Mitte
der 90er Jahre erfolgreich die Lohnverarbeitung für die Schmierstoffindustrie
in Salzbergen. Hier produzieren wir sowohl Industrie- als auch Autoschmierstoffe
u.a. im Auftrag der großen Mineralölkonzerne. Dieses Prinzip
wollen wir jetzt auch im Marktsegment Marineschmierstoffe einführen.
Der zentrale Standort unserer Raffinerie im Hamburger Hafen eignet sich
hierzu hervorragend. Inzwischen haben wir hier auch erste Kunden gewinnen
können. Parallel investieren wir aber auch weiter in die Schmierstoffproduktion
in Salzbergen.
DVI: In den letzten drei Jahren ist der operative cashflow
um 11,5 % gewachsen und betrug im ersten Quartal 05 1,0 Mio. €.
Mit welchen Maßnahmen können Sie eine weitere nennenswerte
Steigerung erzielen?
Herr Dr. Hollstein: Wir wollen den Ertrag in den kommenden
Jahren deutlich steigern. Zusätzlich werden wir auch unser Forderungs-
und Vorratsmanagement weiter verbessern, um den Cashflow auch kurzfristig
auszuweiten. Die von der BP in 2004 übernommenen Bestände
können noch weiter optimiert werden.
DVI: Der Bereich Kunststoffe macht vom Gesamtumsatz
6% aus. Wohin wollen Sie diese Sparte entwickeln?
Herr Dr. Hollstein: Bezogen auf den Umsatz ist die
Kunststoffsparte der kleinste Bereich des Konzerns, allerdings auch
der rentabelste. Das Erreichen einer hohen Profitabilität ist eine
entscheidende Voraussetzung für die in diesem Spezialsegment notwendigen
Investitionen. Mit Zukäufen anderer Gesellschaften würden
wir diese Rentabilität nur verwässern. Daher setzen wir hier
auf den Aufbau neuer Standorte im Ausland. Mit der Gründung einer
Produktion in China haben wir in diesem Jahr den Anfang gemacht. Die
nächsten Zielmärkte für eigene Standorte sind Osteuropa
und der NAFTA-Raum.
DVI: Bei den Explosivstoffen haben Sie mit 24 % Marktanteil
eine führende Position in Deutschland. Können Sie uns mitteilen,
in welchen Märkten Sie wie wachsen wollen?
Herr Dr. Hollstein: Wir sind einer der führenden
Anbieter in Zentraleuropa mit hervorragenden Marktpositionen in Deutschland,
Polen und Ungarn. Organisch zulegen wollen wir vor allem in den Wachstumsmärkten
Osteuropas. Hier erwarten wir eine dynamische Nachfrageentwicklung,
insbesondere vor dem Hintergrund der anstehenden Erneuerung der Infrastruktur
in vielen Ländern der Region. Zusätzlich werden wir als Technologieführer
davon profitieren, dass sich die Nachfrage von den herkömmlichen
Dynamiten hin zu den modernen Emulsionssprengstoffen bewegt. Überlagert
wird die Entwicklung allerdings durch die anstehende Konsolidierung
des europäischen Sprengstoffmarktes, der in den kommenden Monaten
und Jahren dramatische Veränderungen unterliegen wird. Entweder
bildet sich über Zusammenschlüsse ein unabhängiger europäischer
Sprengstoffkonzern oder die Weltmarktführer werden Europa unter
sich aufteilen.
DVI: Ab dem 1. Januar 2005 konsolidieren Sie die SWG.
Welche Synergieeffekte sehen Sie zu Ihrem traditionellen Geschäft
bei Sprengstoffen und welche Ergebnisimpulse erwarten Sie aus SWG?
Herr Dr. Hollstein: Die Übernahme der Sprengstoffwerke
Gnaschwitz war ein logischer und notwendiger Schritt für uns. Wir
wollen die Konsolidierung des europäischen Marktes in einer führenden
Position mitgestalten. Hinzu kommt, dass sich unsere Produktions- und
Vertriebsaktivitäten sehr gut ergänzen. Damit wir die Gesellschaft
rückwirkend zum 1. Januar 2005 konsolidieren können, müssen
wir allerdings Auflagen erfüllen, die uns vom Bundeskartellamt
auferlegt wurden. Die Umsetzung dieser Forderungen wird gerade geprüft.
Ergebnisimpulse erwarten wir vor allem aus der Realisierung umfangreicher
Synergien innerhalb der Sprengstoffsparte.
DVI: Die ständige Erhöhung des Rohölpreises
erhöht die Gestehungskosten Ihrer Vorprodukte. Wie schaffen Sie
es, diesem Preisdruck auszuweichen?
Herr Dr. Hollstein: Wir verkaufen große Mengen
unsere Spezialprodukte über Verträge mit mehrwöchigen
Festpreisbindungen. Unsere Rohstoffe in der chemisch-pharmazeutischen
Sparte beziehen wir allerdings zu variablen Tagespreisen. Unser Vertrieb
arbeitet natürlich bei steigenden Rohstoffpreisen mit Hochdruck
an einer schnellstmöglichen Umsetzung von Preiserhöhungen,
damit die Zeiträume schwacher Margen möglichst kurz sind.
Generell können wir die bei Rohstoffpreissteigerungen entstehenden
windfall-losses bei gegenläufiger Entwicklung auf dem Ölmarkt
durch windfall-profits ausgleichen.
DVI: Was tun Sie darüber hinaus, um die Margen
zu verbessern?
Herr Dr. Hollstein: In allen Bereichen laufen kontinuierlich
Programme zur Ergebnisverbesserung. Ein besonderes Augenmerk liegt aktuell
auf der Raffinerie-Produktion. Mit der Übernahme der ehemaligen
BP-Raffinerie in Hamburg verfügen wir seit Beginn 2004 über
zwei Produktions-standorte im Ölgeschäft. Direkt mit Integration
der neuen Raffinerie haben wir ein Projekt ins Leben gerufen, dass die
Produktion über beide Raffinerien hinweg optimieren soll. Da wir
damit innerhalb der kommenden drei Jahre ein zusätzliches Ergebnispotenzial
von 18 Mio. € realisieren wollen, haben wir es „Projekt 18“
genannt. Neben der Senkung von Kosten stehen hier auch die Erhöhung
der Mengen und das Erreichen von sog. Scale- bzw. Mengeneffekten im
Mittelpunkt.
DVI: Wohin wollen Sie das H&R WASAG mit Ihrer Strategie
führen?
Herr Dr. Hollstein: Wir sind schon heute einer der
größten Anbieter für rohölbasierte Spezialprodukte
in der Welt. In bestimmten Produktsegmenten wollen wir diese Positionierung
noch weiter ausbauen. Das können wir sowohl durch Übernahmen
als auch durch organisches Wachstum erreichen. Unser Ziel ist es dabei,
das Wachstum in eine kontinuierliche Ertragssteigerung zu überführen.
Gleichzeitig sichert ein konsequentes Risikomanagement das Ergebnis
nach unten ab und macht uns unabhängiger von volatilen Rohstoffmärkten.
DVI: Sie haben für das laufende Jahr eine Ergebnisprognose
beim Vorsteuerertrag zwischen 20 und 25 Mio. € gegeben. In welcher
Bandbreite wird sich das Ergebnis je Aktie bewegen?
Herr Dr. Hollstein: Wir beabsichtigen, das Ergebnis
je Aktie in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr auf über 0,66
€ zu verdoppeln. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass
sich der Rohölmarkt nachhaltig stabilisiert.
DVI: Was sind die ertragstimulierenden Faktoren im
Jahr 2006?
Herr Dr. Hollstein: Auch in 2006 werden wir über
die Umsetzung des Projektes 18 unsere Rentabilität weiter steigern.
Zudem erwarten wir positive Impulse aus dem Ausbau unserer Aktivitäten
in Übersee und im Weichmachergeschäft.
DVI: Glauben Sie, dass die Börse Ihre Strategie
schon in ausreichendem Umfang erkannt hat?
Herr Dr. Hollstein: Wir haben unsere Investor Relations-Aktivitäten
in den vergangenen zwei Jahren deutlich ausgeweitet. Wir haben das Gefühl,
dass insbesondere die institutionellen Investoren unsere Ausrichtung
immer besser nachvollziehen können. Allerdings wissen wir, dass
wir mit unseren verschiedenen Geschäftssparten ein komplexes und
nicht leicht zu durchschauendes Geschäftsmodell aufweisen, das
sich meist erst beim zweiten Hinsehen erschließt.
DVI: Was würde passieren, wenn der Ölpreis
signifikant fällt (siehe Verfall der Stahlpreise in den letzten
sechs Monaten des laufenden Jahres)?
Herr Dr. Hollstein: Natürlich würden wir
hiervon enorm profitieren, da unsere Rohstoffkosten deutlich sinken
würden. Wir könnten damit die Belastungen der vergangenen
Monate endlich kompensieren. Wie sich der Rohölmarkt entwickeln
wird, wissen wir jedoch nicht. Wie die vergangenen Monate und Jahre
gezeigt haben, können unsere Aktionäre aber auch in unruhigen
Zeiten beruhigt schlafen.
DVI: Wo sehen Sie den fairen Wert der Aktie?
Herr Dr. Hollstein: Über einen fairen Aktienkurs
zu spekulieren ist natürlich schwierig. Wenn sich die Rohölmärkte
allerdings nachhaltig stabilisieren und wir vor diesem Hintergrund unser
Ertragspotenzial ausspielen können, dann sollte die Aktie über
ein deutliches Potenzial verfügen. Gleiches gilt, wenn wir die
laufenden Projekte und die damit beabsichtigten Ergebniszuwächse
realisieren können. Darüber hinaus müssen wir jeden Tag
neu daran arbeiten, die Financial Community von unseren Stärken
zu überzeugen.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de