26.07.05  DAS VORSTANDSINTERVIEW
H&R WASAG AG - (WKN: 775700 / ISIN: DE0007757007 / Symbol: WAS)

Interviewpartner: Dr. Horst Hollstein, Vorstandsvorsitzender
Gehaltene Aktien: keine

H&R Wasag HomepageHintergrund: Die H&R WASAG AG hat in den letzten Jahren eine außergewöhnliche Entwicklung vollzogen, die von der Börse kaum beachtet worden ist: Lag 1994 der Umsatz noch bei 88 Mio. Euro, so wurden im vergangenen Jahr knapp 500 Mio. Euro erzielt. Das Eigenkapital ist gleichzeitig von 33.000 Euro auf über 80 Mio. Euro gewachsen. Heute steht das Geschäftsmodell auf drei Beinen: Die Spezialchemikalien erreichten 2004 einen Umsatz von über 409 Mio. Euro, die Präzisionskunststoffe 35 Mio. Euro und die Sprengstoffe einen Umsatz von 53 Mio. Euro. Bei den beiden letztgenannten Bereichen werden Vorsteuerrenditen von bis zu 10 Prozent erzielt. Aufgrund der Preissteigerung bei den Vorprodukten im größten Bereich chemisch-pharmazeutische Rohstoffe hat der Kurs einen „Rückwärtsgang“ eingelegt. Um weitere Ertragspotenziale aufzubauen hat das Unternehmen das sog. „Projekt 18“ aufgelegt. DVI hat den Sprecher der Geschäftsführung und Vorstandsvorsitzenden, Herrn Dr.Hollstein, zu den mittelfristigen Geschäftsaussichten befragt.

Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Dr.Hollstein, gibt es zwischen den drei Geschäftsbereichen der H&R Wasag Synergieeffekte?

Herr Dr. Hollstein: Nein, Synergien sind eigentlich kaum messbar. Die Realisierung von Synergien war und ist auch nicht das Ziel der Ausrichtung in die Geschäftsbereiche Chemisch-pharmazeutische Rohstoffe, Präzisionskunststoffe sowie Explosivstoffe. Die Diversifikation unserer Aktivitäten in die voneinander unabhängigen Märkte dient alleine der Risikoabsicherung. Dies war auch der Hauptgrund für die 2001 umgesetzte Fusion zwischen dem chemisch-pharmazeutischen Geschäft, der Raffinerie Salzbergen, und der WASAG-CHEMIE AG, die im Kunststoffmarkt und im Explosivstoffgeschäft tätig war. Im Vordergrund stand die Absicherung der hohen Volatilität am Rohölmarkt durch eine Streuung der Aktivitäten.

DVI: Sie haben bei der Spezialchemie-Sparte in einigen Produktsegmenten weltweit eine marktführende Position. Wie sind Sie dazu als mittelständisches Unternehmen gekommen?

Herr Dr. Hollstein: Wir konzentrieren uns mit allen unseren Aktivitäten auf Nischenmärkte. Nur in solchen Märkten können wir als Mittelständer im heute globalen Wettbewerb bestehen. Das Einnehmen führender Marktpositionen ist für uns deshalb eine elementare Voraussetzung, um einzelne Geschäftsbereiche auszubauen. Nur wenn wir zu den Marktführern oder zu den Technologieführern gehören, können wir langfristig erfolgreich sein. Gleiches gilt für das Einnehmen der Kostenführerschaft im Dienstleistungsgeschäft. In den vergangenen Jahren haben wir alle unsere Aktivitäten danach ausgerichtet und heute sind alle Bereiche in ihren Märkten führend positioniert.

DVI: Welcher der drei Geschäftsbereiche wird in den nächsten fünf Jahren prozentual das stärkste Wachstum aufweisen können?

Herr Dr. Hollstein: Wir setzen in allen drei Geschäftsbereichen auf Wachstum. In der Sparte Chemischpharmazeutische Rohstoffe sehen wir gleich mehrere Ansatzpunkte. Zum einen werden wir organisch zulegen. Potenziale hierzu bestehen vor allem in Asien und Südafrika. Daneben wollen wir in den kommenden Jahren auch vom anhaltenden Branchentrend zur Konzentration auf Kernaktivitäten profitieren. Dem Schritt, den die BP in 2003 mit dem Verkauf des gesamten Spezialgeschäfts vollzogen hat, werden andere Mineralölkonzerne folgen. Wir sehen das zum Beispiel gerade bei ExxonMobil, deren australische Aktivitäten wir im Frühjahr erworben haben. Die Aktivitäten in der Präzisionskunststoff-Sparte können wir demgegenüber nur über den Aufbau von Standorte in neuen regionalen Märkten ausbauen. Im Explosivstoffbereich schließlich ermöglichen die vorhandenen Markt- und Wettbewerbsstrukturen eigentlich nur ein Wachstum über Akquisitionen und Kooperationen.

DVI: Wie wollen Sie ein organisches Wachstum in der Spezialchemie erreichen?

Herr Dr. Hollstein: Seit 2004 sind wir auf nahezu allen Kontinenten mit Produktionsanlagen vertreten. Die entsprechenden Aktivitäten können wir jetzt gezielt ausbauen. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei allerdings auf der Einführung neuer Produkte für die Gummi- und Reifenindustrie. Wir besitzen ein Patent, mit dem wir als Technologieführer rohölbasierte Weichmacher produzieren, die entgegen den aktuell eingesetzten Materialien nicht als gesundheits.- und umweltgefährdend eingestuft werden. Ab Ende dieses Jahres können wir nahezu die Hälfte des Bedarfs der europäischen Reifenindustrie an diesen Stoffen produzieren. Damit sind wir dem Wettbewerb um Jahre voraus.

DVI: Sie bauen in Hamburg Schritt für Schritt eine Misch- und Abfüllanlage für Marine-Spezialöle, wo Sie auch im Rahmen der Lohnverarbeitung für die großen Mineralölkonzerne in Europa arbeiten. Was sind hier Ihre mittelfristigen Pläne?

Herr Dr. Hollstein: Wir praktizieren bereits seit Mitte der 90er Jahre erfolgreich die Lohnverarbeitung für die Schmierstoffindustrie in Salzbergen. Hier produzieren wir sowohl Industrie- als auch Autoschmierstoffe u.a. im Auftrag der großen Mineralölkonzerne. Dieses Prinzip wollen wir jetzt auch im Marktsegment Marineschmierstoffe einführen. Der zentrale Standort unserer Raffinerie im Hamburger Hafen eignet sich hierzu hervorragend. Inzwischen haben wir hier auch erste Kunden gewinnen können. Parallel investieren wir aber auch weiter in die Schmierstoffproduktion in Salzbergen.

DVI: In den letzten drei Jahren ist der operative cashflow um 11,5 % gewachsen und betrug im ersten Quartal 05 1,0 Mio. €. Mit welchen Maßnahmen können Sie eine weitere nennenswerte Steigerung erzielen?

Herr Dr. Hollstein: Wir wollen den Ertrag in den kommenden Jahren deutlich steigern. Zusätzlich werden wir auch unser Forderungs- und Vorratsmanagement weiter verbessern, um den Cashflow auch kurzfristig auszuweiten. Die von der BP in 2004 übernommenen Bestände können noch weiter optimiert werden.

DVI: Der Bereich Kunststoffe macht vom Gesamtumsatz 6% aus. Wohin wollen Sie diese Sparte entwickeln?

Herr Dr. Hollstein: Bezogen auf den Umsatz ist die Kunststoffsparte der kleinste Bereich des Konzerns, allerdings auch der rentabelste. Das Erreichen einer hohen Profitabilität ist eine entscheidende Voraussetzung für die in diesem Spezialsegment notwendigen Investitionen. Mit Zukäufen anderer Gesellschaften würden wir diese Rentabilität nur verwässern. Daher setzen wir hier auf den Aufbau neuer Standorte im Ausland. Mit der Gründung einer Produktion in China haben wir in diesem Jahr den Anfang gemacht. Die nächsten Zielmärkte für eigene Standorte sind Osteuropa und der NAFTA-Raum.

DVI: Bei den Explosivstoffen haben Sie mit 24 % Marktanteil eine führende Position in Deutschland. Können Sie uns mitteilen, in welchen Märkten Sie wie wachsen wollen?

Herr Dr. Hollstein: Wir sind einer der führenden Anbieter in Zentraleuropa mit hervorragenden Marktpositionen in Deutschland, Polen und Ungarn. Organisch zulegen wollen wir vor allem in den Wachstumsmärkten Osteuropas. Hier erwarten wir eine dynamische Nachfrageentwicklung, insbesondere vor dem Hintergrund der anstehenden Erneuerung der Infrastruktur in vielen Ländern der Region. Zusätzlich werden wir als Technologieführer davon profitieren, dass sich die Nachfrage von den herkömmlichen Dynamiten hin zu den modernen Emulsionssprengstoffen bewegt. Überlagert wird die Entwicklung allerdings durch die anstehende Konsolidierung des europäischen Sprengstoffmarktes, der in den kommenden Monaten und Jahren dramatische Veränderungen unterliegen wird. Entweder bildet sich über Zusammenschlüsse ein unabhängiger europäischer Sprengstoffkonzern oder die Weltmarktführer werden Europa unter sich aufteilen.

DVI: Ab dem 1. Januar 2005 konsolidieren Sie die SWG. Welche Synergieeffekte sehen Sie zu Ihrem traditionellen Geschäft bei Sprengstoffen und welche Ergebnisimpulse erwarten Sie aus SWG?

Herr Dr. Hollstein: Die Übernahme der Sprengstoffwerke Gnaschwitz war ein logischer und notwendiger Schritt für uns. Wir wollen die Konsolidierung des europäischen Marktes in einer führenden Position mitgestalten. Hinzu kommt, dass sich unsere Produktions- und Vertriebsaktivitäten sehr gut ergänzen. Damit wir die Gesellschaft rückwirkend zum 1. Januar 2005 konsolidieren können, müssen wir allerdings Auflagen erfüllen, die uns vom Bundeskartellamt auferlegt wurden. Die Umsetzung dieser Forderungen wird gerade geprüft. Ergebnisimpulse erwarten wir vor allem aus der Realisierung umfangreicher Synergien innerhalb der Sprengstoffsparte.

DVI: Die ständige Erhöhung des Rohölpreises erhöht die Gestehungskosten Ihrer Vorprodukte. Wie schaffen Sie es, diesem Preisdruck auszuweichen?

Herr Dr. Hollstein: Wir verkaufen große Mengen unsere Spezialprodukte über Verträge mit mehrwöchigen Festpreisbindungen. Unsere Rohstoffe in der chemisch-pharmazeutischen Sparte beziehen wir allerdings zu variablen Tagespreisen. Unser Vertrieb arbeitet natürlich bei steigenden Rohstoffpreisen mit Hochdruck an einer schnellstmöglichen Umsetzung von Preiserhöhungen, damit die Zeiträume schwacher Margen möglichst kurz sind. Generell können wir die bei Rohstoffpreissteigerungen entstehenden windfall-losses bei gegenläufiger Entwicklung auf dem Ölmarkt durch windfall-profits ausgleichen.

DVI: Was tun Sie darüber hinaus, um die Margen zu verbessern?

Herr Dr. Hollstein: In allen Bereichen laufen kontinuierlich Programme zur Ergebnisverbesserung. Ein besonderes Augenmerk liegt aktuell auf der Raffinerie-Produktion. Mit der Übernahme der ehemaligen BP-Raffinerie in Hamburg verfügen wir seit Beginn 2004 über zwei Produktions-standorte im Ölgeschäft. Direkt mit Integration der neuen Raffinerie haben wir ein Projekt ins Leben gerufen, dass die Produktion über beide Raffinerien hinweg optimieren soll. Da wir damit innerhalb der kommenden drei Jahre ein zusätzliches Ergebnispotenzial von 18 Mio. € realisieren wollen, haben wir es „Projekt 18“ genannt. Neben der Senkung von Kosten stehen hier auch die Erhöhung der Mengen und das Erreichen von sog. Scale- bzw. Mengeneffekten im Mittelpunkt.

DVI: Wohin wollen Sie das H&R WASAG mit Ihrer Strategie führen?

Herr Dr. Hollstein: Wir sind schon heute einer der größten Anbieter für rohölbasierte Spezialprodukte in der Welt. In bestimmten Produktsegmenten wollen wir diese Positionierung noch weiter ausbauen. Das können wir sowohl durch Übernahmen als auch durch organisches Wachstum erreichen. Unser Ziel ist es dabei, das Wachstum in eine kontinuierliche Ertragssteigerung zu überführen. Gleichzeitig sichert ein konsequentes Risikomanagement das Ergebnis nach unten ab und macht uns unabhängiger von volatilen Rohstoffmärkten.

DVI: Sie haben für das laufende Jahr eine Ergebnisprognose beim Vorsteuerertrag zwischen 20 und 25 Mio. € gegeben. In welcher Bandbreite wird sich das Ergebnis je Aktie bewegen?

Herr Dr. Hollstein: Wir beabsichtigen, das Ergebnis je Aktie in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr auf über 0,66 € zu verdoppeln. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass sich der Rohölmarkt nachhaltig stabilisiert.

DVI: Was sind die ertragstimulierenden Faktoren im Jahr 2006?

Herr Dr. Hollstein: Auch in 2006 werden wir über die Umsetzung des Projektes 18 unsere Rentabilität weiter steigern. Zudem erwarten wir positive Impulse aus dem Ausbau unserer Aktivitäten in Übersee und im Weichmachergeschäft.

DVI: Glauben Sie, dass die Börse Ihre Strategie schon in ausreichendem Umfang erkannt hat?

Herr Dr. Hollstein: Wir haben unsere Investor Relations-Aktivitäten in den vergangenen zwei Jahren deutlich ausgeweitet. Wir haben das Gefühl, dass insbesondere die institutionellen Investoren unsere Ausrichtung immer besser nachvollziehen können. Allerdings wissen wir, dass wir mit unseren verschiedenen Geschäftssparten ein komplexes und nicht leicht zu durchschauendes Geschäftsmodell aufweisen, das sich meist erst beim zweiten Hinsehen erschließt.

DVI: Was würde passieren, wenn der Ölpreis signifikant fällt (siehe Verfall der Stahlpreise in den letzten sechs Monaten des laufenden Jahres)?

Herr Dr. Hollstein: Natürlich würden wir hiervon enorm profitieren, da unsere Rohstoffkosten deutlich sinken würden. Wir könnten damit die Belastungen der vergangenen Monate endlich kompensieren. Wie sich der Rohölmarkt entwickeln wird, wissen wir jedoch nicht. Wie die vergangenen Monate und Jahre gezeigt haben, können unsere Aktionäre aber auch in unruhigen Zeiten beruhigt schlafen.

DVI: Wo sehen Sie den fairen Wert der Aktie?

Herr Dr. Hollstein: Über einen fairen Aktienkurs zu spekulieren ist natürlich schwierig. Wenn sich die Rohölmärkte allerdings nachhaltig stabilisieren und wir vor diesem Hintergrund unser Ertragspotenzial ausspielen können, dann sollte die Aktie über ein deutliches Potenzial verfügen. Gleiches gilt, wenn wir die laufenden Projekte und die damit beabsichtigten Ergebniszuwächse realisieren können. Darüber hinaus müssen wir jeden Tag neu daran arbeiten, die Financial Community von unseren Stärken zu überzeugen.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Rochus C. Rüttnauer.

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