Mensch und Maschine
Software AG - (WKN: 658080 / ISIN: DE0006580806 / Symbol: MUM)
Interviewpartner: Adi Drotleff, Vorstandsvorsitzender
Gehaltene Aktien: 5.181.908 Aktien (von 12.030.000 Stk.) des Grundkapitals,
168.853 Optionen
Hintergrund:
Seit dem „Vorstandsinterview“ Anfang Dezember 2004 gab es
bei Mensch und Maschine wesentliche Veränderungen: anlässlich
einer Kapitalerhöhung stieg ein strategischer Finanzinvestor bei
MuM ein, der eine Kapitaleinlage in der Größenordnung von
2,7 Mio. Euro eingebracht hat. In der Bilanz 2004 wurden zahlreiche
Abschreibungen in der Größenordnung von 7,6 Mio. Euro vorgenommen,
um die Bilanz von Vergangenheitslasten zu befreien. Gleichzeitig sollen
diese Maßnahmen ermöglichen, dass ab 2005 wieder Dividendenzahlungen
erfolgen können. Durch den Verkauf von zwei Beteiligungen erzielt
die MuM AG im laufenden Jahr a.o. Erträge in der Größenordnung
von 6 Mio. Euro. Der Aktienkurs ist seit unserem letzten Interview,
das mit Rekordumsätzen begleitet war, stärker als der S-DAX
gestiegen. Bei einem geschätzten Ergebnis von knapp 60 Cent je
Aktie ist MuM im Rahmen des Peer-Group-Vergleiches äußerst
günstig bewertet (KGV nur 6) und kostet an der Börse nur ca.
ein Drittel des geplanten Umsatzes 2005. Wir haben Herrn Drotleff zu
den letzten Ereignissen und den mittelfristigen Auswirkungen des gelungenen
Turnarounds befragt.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Drotleff, weshalb
haben Sie sich von der Compass GmbH getrennt?
Herr Drotleff: Wir hatten ja schon länger angekündigt,
dass wir über Desinvestments nachdenken, wenn der Preis stimmt.
Beim Verkauf von Compass haben wir einen Mittelzufluss von EUR 7,1 Mio
bei einem Brutto-Buchgewinn von EUR 5,0 Mio erzielt – und das
für einen 50,1%-Anteil an einem Softwarehaus, das letztes Jahr
einen Umsatz in der Größenordnung von etwa EUR 3,5 Mio erwirtschaftet
hatte. Es ist also eine aus Verkäufersicht sehr attraktive Bewertung,
die wir da ausgehandelt haben.
DVI: In welchem Umfang wird durch diesen Verkauf der
Anteil der Eigenmarken am Geschäft von MuM reduziert?
Herr Drotleff: Wir haben nach dem Verkauf unsere Umsatzerwartung
für 2005 von EUR 150 Mio. auf EUR 145 Mio. reduziert. Beim Rohertrag,
wo unsere Eigenmarken 2004 einen Anteil von 53% erreicht hatten, werden
wir 2005 voraussichtlich bei etwa 48% landen. Die Balance zwischen Handels-
und Eigensoftware-Geschäft wird also nicht signifikant beeinflusst.
DVI: Der Käufer hat auch das Personal von Compass
übernommen. Wie hoch schätzen Sie die jährliche Betriebskostenentlastung?
Herr Drotleff: Bezogen auf die Kosten 2004 sind das
etwa drei Millionen Euro.
DVI: Sie haben bereits mitgeteilt, dass Sie sich per
Juni 05 auch von Ihrer Minderheitsbeteiligung C-Plan trennen werden.
Der Käufer ist – wie bei Compass - Autodesk, Ihr größter
Fremdzulieferer. Warum ist C-Plan für MuM nicht mehr interessant?
Herr Drotleff: Eine Minderheitsbeteiligung ist natürlicherweise
strategisch weniger wichtig als eine Mehrheitsbeteiligung, insofern
ist uns hier die Entscheidung noch leichter gefallen als bei Compass,
zumal auch bei diesem Verkauf der erzielte Preis sehr attraktiv ist.
Der Mittelzufluss aus dem C-Plan-Verkauf beträgt etwa EUR 2,5 Mio,
der Buchgewinn etwa EUR 1 Mio, und das nahezu steuerfrei.
DVI: Insgesamt fließen Ihnen in 2005 durch die
beiden Beteiligungsabgaben a.o. Erträge in Höhe von 6 Mio.
Euro zu. Sie erwarten für das gesamte Jahr ein EBIT in Höhe
von 11 Mio. Euro und einen Netto-Überschuss in Höhe von 7
Mio. Euro. Für 2006 streben Sie ohne Desinvestment-Effekte 50%
mehr EBIT und dasselbe Nettoergebnis wie 2005 an, also auch wieder 7
Mio. Euro. Wie wollen Sie dies erreichen?
Herr Drotleff: Im laufenden Geschäftsjahr 2005
tragen die Desinvestments ja rund EUR 4 Mio. zum Nettoergebnis bei,
wir brauchen also nur EUR 3 Mio. aus dem operativen Geschäft, um
auf das Zielergebnis von EUR 7 Mio. zu kommen. Demgegenüber erscheint
das rein aus dem operativen Geschäft geplante Netto-Ergebnisziel
von EUR 7 Mio für 2006 auf den ersten Blick recht hoch. Hierbei
helfen uns aber drei Faktoren: Erstens ist unsere EBIT-Rendite noch
sehr ausbaufähig, auch das für 2006 geplante EBIT von EUR
9 Mio. entspricht nur 5,6% vom geplanten Umsatz. Hier sind bei unserem
Geschäftsmodell mittelfristig durchaus 8 bis 10 Prozent drin. Zweitens
sinkt durch die zügige Entschuldung die Zinsbelastung rapide. Und
drittens ist aufgrund der vorhandenen Verlustvorträge aus der Turnaround-Phase
die zu erwartende Steuerquote noch einige Jahre lang recht niedrig.
DVI: Wie wollen Sie in 2005 oder 2006 die jetzt noch
ungenügende EBIT-Marge weiter steigern?
Herr Drotleff: In 2005 wirken sich hier hauptsächlich
noch die Kostensenkungen im Rahmen der Restrukturierung aus, die nun
erstmals voll zur Wirkung kommen. Nächstes Jahr erwarten wir, wie
bereits erwähnt, eine etwa zehnprozentige Umsatzsteigerung, während
die Kostensteigerung durch Nachlaufeffekte noch sehr moderat ausfallen
dürfte. Langfristig können wir mit unserer selbst entwickelten
Software eine EBIT-Marge von 20-25% erreichen, während im Geschäftsfeld
Distribution maximal 5-6% machbar ist. Rechnet man das mit einem Umsatz
der Eigensoftware von EUR 30 Mio. und einem Distributionsumsatz von
EUR 130 Mio. durch, dann käme man auf EUR 6 bis 7,5 Mio. EBIT aus
Software und EUR 6,5 bis 7,8 Mio. EBIT aus Distribution, also EUR 12,5
bis 15,3 Mio. Gesamt-EBIT. Das haben wir mit unserer 2006er-Planung
von EUR 9 Mio. EBIT noch längst nicht ausgereizt, wir können
also auch nach 2006 noch ein überproportionales Ertragswachstum
aufweisen, wenn wir die Kostenstrukturen und damit die Profitabilität
weiter optimieren.
DVI: Sie haben die kurzfristigen Bankverbindlichkeiten
seit 31.12.04 von 25 Mio. Euro auf 21,6 Mio. Euro (per 31.3.05) zurückgeführt.
Werden Sie Ihren Plan, in 2005 insgesamt 10 Mio. Euro entschulden zu
können, verwirklichen können und warum sind Sie so stramm
in der Schuldentilgung? Hat dies keine Auswirkungen auf die Umsatzentwicklung?
Herr Drotleff: Das Entschuldungsziel von EUR 10 Mio.
erreichen wir möglicherweise schon zum Ende des dritten Quartals
2005, zumal die beiden Desinvestments ja alleine über neun Millionen
in unsere Kasse spülen und deshalb nicht sehr viel Beitrag aus
dem operativen Cashflow erforderlich ist. Dass wir so stramm bei der
Schuldentilgung sind, hat einfach damit zu tun, dass unsere Bilanzrelationen
nach einer starken Investitionsphase bis Ende 2002 einen viel zu hohen
Fremdfinanzierungsanteil aufwiesen und wir dies auch in Hinblick auf
die damit verbundene Zinsbelastung zügig korrigieren wollten. Bremswirkungen
auf den Umsatz durch die knappere Liquidität hatten wir nur von
Mitte 2003 bis etwa Mitte 2004. Seitdem geben wir wieder „Gas“,
was man ja am Wiedereintritt in den Wachstumspfad ablesen kann.
DVI: Herr Drotleff, es ist ganz außergewöhnlich,
dass Sie als Mehrheitsaktionär und Vorstandsvorsitzender für
die gesamten Kreditverbindlichkeiten der AG persönlich bürgen,
auch zum Wohle der freien und anderen Hauptaktionäre. Warum tun
Sie dies?
Herr Drotleff: Ich bin kein angestellter Manager, sondern
Unternehmer. Da war es für mich selbstverständlich, wieder
voll ins Risiko zu gehen, um die Finanzierung des Turnaround zu sichern.
Hier haben die freien Aktionäre bei MuM deutlich größere
Vorteile gegenüber Unternehmen, deren Aktien zu 100 Prozent im
Streubesitz sind und der Vorstand nicht bürgt.
DVI: Die Venture-Capital-Firma KTB (Ihr neuer strategischer
Finanzinvestor seit Dezember 2004) ist am Jahresende zu einem relativ
niedrigen Kurs eingestiegen. Warum sind Sie dieses „Geschäft“
eingegangen?
Herr Drotleff: Zunächst darf ich daran erinnern,
dass die Kapitalerhöhung Ende 2004 zum Preis von EUR 2,75 pro Aktie
erfolgte, obwohl der Kurs in den Tagen davor permanent unter EUR 2,50
lag. Normalerweise gibt es bei Kapitalerhöhungen keinen Aufschlag,
sondern eher einen Abschlag. Die freien Aktionäre können sich
also auch hier keineswegs beklagen, und der Markt hat ja auch sofort
mit einer deutlichen Kurskorrektur nach oben reagiert. Außerdem
hat uns der Kapitalzufluss zu diesem Zeitpunkt die quotale Ablösung
eines Bankdarlehens ermöglicht, wodurch MuM einen Sonderertrag
von gut EUR 1,4 Mio erzielen konnte. Dieser Hebeleffekt war das wesentliche
Argument für eine Kapitalerhöhung, die wir ansonsten aus Verwässerungsgründen
nicht in Erwägung gezogen hätten.
DVI: Sie planen einen Umsatzanstieg von 145 Mio. Euro
auf 160 Mio. Euro in 2006. Ist dies eine konservative oder aggressive
Planung?
Herr Drotleff: Wir versuchen weder konservativ noch
aggressiv zu planen, sondern möglichst realistisch. Nachdem wir
während der dreijährigen Turnaround-Phase mit unseren Prognosen
eher etwas zu aggressiv waren, möchten wir diesen Fehler natürlich
nicht so gerne wiederholen und bleiben mit einem avisierten Umsatzwachstum
von etwa 10% im moderaten Bereich, zumal 2005 und 2006 der Schwerpunkt
ohnehin auf der Verbesserung der Rendite liegt und nicht so sehr auf
Umsatzwachstum.
DVI: Sie sind beim Umsatz deutlich größer
als Ihr Wettbewerber Cenit AG aus Stuttgart, aber Cenit ist deutlich
ertragsstärker. Wie erklären Sie sich das?
Herr Drotleff: Zunächst möchte ich darauf
hinweisen, dass Cenit zwar wie MuM im CAD/PLM-Markt tätig ist,
aber mit einem völlig anderen Geschäftsmodell. Cenit ist primär
ein Beratungs- und Dienstleistungshaus, während MuM ein reiner
Standardsoftware-Entwickler und –Vertreiber ist. Hieraus ergibt
sich bei ähnlicher Mitarbeiterzahl für MuM ein deutlich höherer
Umsatz bei niedrigerer Umsatzrendite. Vergleicht man die absoluten Ergebnisse,
dann sieht man, dass Cenit etwa ein Jahr vor MuM in den Turnaround hineingegangen
ist und diesen auch ein Jahr vor MuM abgeschlossen hat. Cenit hatte
2003 wieder ein positives EBITDA in Höhe von EUR 3,5 Mio erzielt,
MuM hat in 2004 mit EUR 3,3 Mio hier fast den gleichen Wert erreicht.
DVI: Stimmt es, dass Sie für das laufende Geschäftsjahr
die Wiederaufnahme der Dividendenzahlung avisieren?
Herr Drotleff: Ja, das stimmt. Wenn wir unsere 2005er-Ziele
erreichen, wollen wir nach drei Jahren Pause wieder eine kleine Dividende
in der Größenordnung von zehn Cent pro Aktie ausschütten.
DVI: Der Aktienkurs hat sich seit Dezember 2004 von
2,78 Euro auf fast 4,00 Euro entwickelt. Aktuelle Analystenschätzungen
für den fairen Wert der Aktie liegen zwischen 4,60 Euro bis über
7 Euro. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Börse nur zögerlich
in diese Richtung marschiert?
Herr Drotleff: Ich würde 40 Prozent Steigerung
in weniger als sechs Monaten nicht gerade als zögerlich bezeichnen.
Analysten nennen für ihre Kursziele ja meist einen Zeithorizont
von 6 bis 12 Monaten, das passt also sehr gut zusammen. Ich bin mit
dem Kursverlauf sehr zufrieden und wünsche mir auch für die
Zukunft lieber einen kontinuierlichen Anstieg als allzu heftige Sprünge.
DVI: Sie hatten in unserem ersten Interview im Dezember
04 faire Kurswerte zwischen 13-14 Euro angegeben. Wie denken Sie heute
über dieses Kursziel?
Herr Drotleff: Es scheint auch beim heutigen Kurs noch
recht weit entfernt, aber wir sind fundamental schon deutlich näher
herangekommen. Das für 2005 und 2006 geplante Nettoergebnis von
EUR 7 Mio entspricht bei unseren 12 Mio Aktien einem Gewinn pro Aktie
von EUR 0,58. Ein Kurs von 13-14 Euro entspräche also einem KGV
von gut 20, das ist bei unserem derzeitigen Gewinnwachstum absolut kein
utopischer Wert. Zumal wir allein im ersten Quartal bereits EUR 0,29
pro Aktie verdient haben, die Hälfte des Jahres-Zielwerts also
nach einem Viertel der Zeit schon im Kasten ist. Übrigens: Zur
Erreichung dieses Kursziels brauchen wir die von Ihnen vorhin als zögerlich
bezeichnete Kursperformance nur noch etwa zwei Jahre durchzuhalten.
Aber ich möchte an dieser Stelle wie schon im letzten Interview
ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich damit eben kein Kursziel
genannt, sondern die Frage nach dem mittelfristigen fairen Kurswert
beantwortet habe. Ob die MuM-Aktie diesen auch erreicht, das bestimmt
allein der Kapitalmarkt. Was wir dazu beitragen können, sind gute
Fundamentaldaten und eine ordentliche Kapitalmarkt-Kommunikation. An
beidem arbeiten wir intensiv.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de