Nemetschek AG - (WKN: 645290 / ISIN: DE0006452907 / Symbol: NEM)
Interviewpartner: Gerhard Weiß, Vorstandsvorsitzender
Hintergrund:
Im letzten Interview hat der Vorstandsvorsitzende der Nemetschek AG,
einer der führenden Hersteller für Software im Bereich Bau
und Immobilien in Europa, angegeben, dass Nemetschek die Kompetenzführerschaft
in den Bereichen Planen, Bauen und Nutzen innehat. Die Einführung
neuer Produkte soll die Umsätze trotz der anhaltend schwierigen
Lage am deutschen Markt zumindest stabil halten, sagt Herr Weiß.
Die erwarteten Wachstumssteigerungen von Auslandstöchtern liegen
zum Teil im zweistelligen Bereich. Nach Veröffentlichung unseres
Interviews hat sich der Kurs auf ein Mehrjahreshoch emporgeschwungen,
dazu hat auch die überraschende Ankündigung beigetragen, 1,50
€ je Aktie Sonderbonus und 0,50 € Basisdividende für
2004 auszuschütten. Nach Ausschüttungsabschlag ist der Kurs
erheblich weiter gefallen. Wir wollten von Hr. Weiß wissen, ob
es fundamental irgendwelche Gründe für die starken Kursschwankungen
gibt.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Weiß, ist
es möglich, dass Sie mit Ihrer HV Ihre freien Aktionäre eher
verärgert als beglückt haben?
Herr Weiß: Nein, das glaube ich nicht, ganz im
Gegenteil. Ich habe deutlich gemacht, dass wir trotz eines nach wie
vor schwierigen konjunkturellen Umfelds unsere Marktposition im Inland
behauptet und unsere Marktanteile im Ausland vergrößert haben.
Am stärksten ist unsere Marktstellung neben Deutschland in Österreich,
der Schweiz, Italien und Frankreich. Starke Zuwächse haben wir
auch in USA und anderen Ländern (z. B. Japan) erzielen können.
Aufgrund steigender Umsätze und niedrigerer betrieblicher Aufwendungen
konnten wir in 2004 eine deutliche Steigerung des Betriebsergebnisses
(EBIT) um 39 Prozent auf 7,8 Mio. € erzielen und haben so die gute
Entwicklung von 2003 fortgesetzt. Das erste Quartal 2005 stimmt uns
zudem optimistisch für die Zukunft. Die Schätzung von einem
Analysten geht davon aus, dass wir in 2005 ein Ergebnis von 1,05 €
je Aktie verdienen können. Dabei ist berücksichtigt, dass
im laufenden Jahr Abschreibungen auf Firmenwerte in der Größenordnung
von 3,2 Mio. € entfallen. Aber auch rein operativ würden wir
demnach mit einem Zuwachs von rund 16 Cent einen sehr schönen Fortschritt
machen. Die Aktionäre sind sowohl mit unserer fundamentalen - als
auch der Kurs-Performance zufrieden, wie auch die überaus große
Zustimmung auf der Hauptversammlung zeigte.
DVI: Was macht Sie so zuversichtlich, angesichts des
schwierigen Umfeldes in Deutschland wieder mehr als im Jahr 2004 verdienen
zu können?
Herr Weiß: Wir erwirtschaften über 50 Prozent
unseres Umsatzes im Ausland. Dieser Anteil wird weiter steigen. Erfolgreich
sind wir vor allem in Wachstumsmärkten in Westeuropa und USA. Wir
verlassen uns aber nicht allein auf organisches Wachstum. Mittelfristig
planen wir auch weitere Akquisitionen.
DVI: Wie ist es zu erklären, dass Sie auch in
den USA und Japan Ihre Software so gut absetzen können?
Herr Weiß: Wir haben mit Nemetschek North America
Inc. eine sehr erfolgreiche Tochtergesellschaft, die 2004 wieder ein
Rekordjahr verzeichnete. Sowohl Umsatzerlöse als auch das Betriebsergebnis
auf US-Dollar-Basis konnten deutlich zweistellig zulegen. Auslöser
ist die neueste Version 11.5 der CAD-Software VectorWorks, die bei Planern
weltweit sehr erfolgreich ist. VectorWorks ist deshalb so erfolgreich,
weil sie mit einer fortschrittlichen 3D-Funktionalität ausgestattet
ist und so an unterschiedlichste Kundenbedürfnisse angepasst werden
kann. Das Ganze ist verbunden mit einem wettbewerbsfähigen Preis.
Asien, hier speziell Japan, ist ein erfolgreicher Teilmarkt
und wird von Nemetschek North America betreut. In Japan haben wir vor
sechs Jahren angefangen und haben in der Zwischenzeit einen ordentlichen
Marktanteil erreicht. Auch dort wird der Komfort unserer Software in
großem Stil anerkannt.
DVI: Welche Ihrer Auslandstöchter liegt im laufenden
Jahr besonders gut?
Herr Weiß: Unsere Stars sind die ING. Auer –
Die Bausoftware GmbH, die seit Jahren sehr gute Ergebnisse erwirtschaftet
und die Nemetschek North America Inc., für die wir weitere Zuwächse
und eine ordentliche Rendite erwarten. Auch unsere Tochtergesellschaft
in Spanien läuft sehr erfolgreich. In den USA haben wir in 2004
gegenüber dem Vorjahr um 17 % auf über 14 Mio. USD Umsatz
zugelegt.
DVI: Im Inland mussten Sie die Sparte „Nutzen“
restrukturieren. Was schätzen Sie, was Sie im Bereich „Nutzen“
dieses Jahr verlieren werden?
Herr Weiß: Wir haben es geschafft, den Trend
umzukehren. Durch die Ende 2004 vorgenommene Restrukturierung in diesem
Bereich werden wir im zweiten Halbjahr mindestens den Break-Even-Point
erreichen. Im Bereich Facility Management sehen wir große Potentiale.
Das Geschäftsfeld „Nutzen“ ist eines der Zukunftsgeschäftsfelder
der Nemetschek AG.
DVI: Die Börse fängt an, die Aktiengesellschaften
danach zu beurteilen, wie die Ertragslage im kommenden Jahr sein wird.
Wie sehen Sie sich hier aufgestellt?
Herr Weiß: Unser Motto heißt: Gewinnbringendes
Wachstum. Es eröffnen sich für uns zahlreiche Wachstumschancen
– vor allem auf den internationalen Märkten. Unser Ziel ist
eine EBITDA-Marge von 20 Prozent in 2006. In 2004 betrug sie 15 Prozent.
Für das Gesamtjahr erwarten wir eine Ergebnisverbesserung - auch
ohne die zu erwartenden 3,2 Mio. € Gewinnzuwachs aus dem Wegfall
der Goodwill-Abschreibungen.
DVI: Und wie wollen Sie die Dividendenfrage handhaben?
Wollen Sie weiterhin zum Club der Dividendenkönige in Deutschland
gehören?
Herr Weiß: Nemetschek ist ertragsstark. Das zeigt
sich besonders im Cashflow-Wachstum. Wir gehen in den kommenden Jahren
von steigenden Liquiditätszuwächsen aus und werden deshalb
eine kontinuierliche Dividendenpolitik verfolgen, um die Aktionäre
an unserem Erfolg zu beteiligen. Die Höhe der Dividende wird sich
abhängig vom Unternehmenserfolg an der diesjährigen Basisdividende
orientieren.
DVI: Nach Ausbezahlung der Dividende haben Sie immer
noch einen Cash-Bestand von ca. 24 Mio. Euro. In welchem Bereich wollen
sie dieses Geld investieren?
Herr Weiß: Wir haben am Anfang des Jahres die
Option für den Erwerb der restlichen 25 Prozent der ING. AUER –
Die Bausoftware GmbH ausgeübt. Für 2005 rechnen wir damit,
dass sich das Nettoergebnis des Nemetschek-Konzerns durch Auer um 0,5
Mio. € bzw. 0,05 € je Aktie verbessern wird. Mittelfristig
planen wir Akquisitionen u.a. im bereits erwähnten Bereich Facility
Management.
DVI: Haben Sie überhaupt die Managementkapazität,
um eine größere Akquisition zu überwachen und in Ihren
Konzern zu integrieren?
Herr Weiß: Wir können offensiv an den Markt
herangehen. Der Vorstand wurde zu Beginn des Jahres um Dr. Peter Mossack,
zuständig für Forschung und Entwicklung, sowie Michael Westfahl,
verantwortlich für Marketing und Vertrieb erweitert. Mit diesem
schlagkräftigen Team sind wir zuversichtlich, unsere weiteren strategischen
Ziele zu verwirklichen und auch größere Projekte umsetzen
zu können.
DVI: Nach unseren Berechnungen ergibt sich ein Cash
bereinigtes KGV von 10. Das liegt weit unterhalb des Börsendurchschnitts.
Hat sich Ihre Einstellung zum fairen Wert der Aktie geändert?
Herr Weiß: Aus dem Cash-flow erhöht sich
der Kassenbestand pro Jahr um zirka 9-10 Mio. Euro, daher zirka 1 Euro
je Aktie und Jahr. Es gibt in Deutschland nur wenige Gesellschaften,
die diese hohen Zuwächse in der Liquidität pro Aktie ausweisen
können wie Nemetschek. Darauf können wir zu Recht stolz sein.
Wir haben derzeit zirka 2,40 Euro cash je Aktie.
Zum fairen Wert der Aktie hat sich meine Einstellung
nicht geändert und ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Kapitalmarkt
darüber urteilen soll. Die kurzzeitigen Turbulenzen Ende Mai im
Kurs hatten nach meiner Meinung keine fundamentale Basis und werden
daher auch nach und nach wieder ausgeglichen werden. Aufgrund unserer
hervorragenden Position im Markt, den guten Wachstumschancen im Ausland
sowie der Ergebnisentwicklung in der Zukunft können sich auch weiterhin
Potentiale für die Nemetschek-Aktie ergeben.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de