13.06.05  DAS VORSTANDSINTERVIEW
Nemetschek AG - (WKN: 645290 / ISIN: DE0006452907 / Symbol: NEM)

Interviewpartner: Gerhard Weiß, Vorstandsvorsitzender

Nemetschek HomepageHintergrund: Im letzten Interview hat der Vorstandsvorsitzende der Nemetschek AG, einer der führenden Hersteller für Software im Bereich Bau und Immobilien in Europa, angegeben, dass Nemetschek die Kompetenzführerschaft in den Bereichen Planen, Bauen und Nutzen innehat. Die Einführung neuer Produkte soll die Umsätze trotz der anhaltend schwierigen Lage am deutschen Markt zumindest stabil halten, sagt Herr Weiß. Die erwarteten Wachstumssteigerungen von Auslandstöchtern liegen zum Teil im zweistelligen Bereich. Nach Veröffentlichung unseres Interviews hat sich der Kurs auf ein Mehrjahreshoch emporgeschwungen, dazu hat auch die überraschende Ankündigung beigetragen, 1,50 € je Aktie Sonderbonus und 0,50 € Basisdividende für 2004 auszuschütten. Nach Ausschüttungsabschlag ist der Kurs erheblich weiter gefallen. Wir wollten von Hr. Weiß wissen, ob es fundamental irgendwelche Gründe für die starken Kursschwankungen gibt.

Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Weiß, ist es möglich, dass Sie mit Ihrer HV Ihre freien Aktionäre eher verärgert als beglückt haben?

Herr Weiß: Nein, das glaube ich nicht, ganz im Gegenteil. Ich habe deutlich gemacht, dass wir trotz eines nach wie vor schwierigen konjunkturellen Umfelds unsere Marktposition im Inland behauptet und unsere Marktanteile im Ausland vergrößert haben. Am stärksten ist unsere Marktstellung neben Deutschland in Österreich, der Schweiz, Italien und Frankreich. Starke Zuwächse haben wir auch in USA und anderen Ländern (z. B. Japan) erzielen können. Aufgrund steigender Umsätze und niedrigerer betrieblicher Aufwendungen konnten wir in 2004 eine deutliche Steigerung des Betriebsergebnisses (EBIT) um 39 Prozent auf 7,8 Mio. € erzielen und haben so die gute Entwicklung von 2003 fortgesetzt. Das erste Quartal 2005 stimmt uns zudem optimistisch für die Zukunft. Die Schätzung von einem Analysten geht davon aus, dass wir in 2005 ein Ergebnis von 1,05 € je Aktie verdienen können. Dabei ist berücksichtigt, dass im laufenden Jahr Abschreibungen auf Firmenwerte in der Größenordnung von 3,2 Mio. € entfallen. Aber auch rein operativ würden wir demnach mit einem Zuwachs von rund 16 Cent einen sehr schönen Fortschritt machen. Die Aktionäre sind sowohl mit unserer fundamentalen - als auch der Kurs-Performance zufrieden, wie auch die überaus große Zustimmung auf der Hauptversammlung zeigte.

DVI: Was macht Sie so zuversichtlich, angesichts des schwierigen Umfeldes in Deutschland wieder mehr als im Jahr 2004 verdienen zu können?

Herr Weiß: Wir erwirtschaften über 50 Prozent unseres Umsatzes im Ausland. Dieser Anteil wird weiter steigen. Erfolgreich sind wir vor allem in Wachstumsmärkten in Westeuropa und USA. Wir verlassen uns aber nicht allein auf organisches Wachstum. Mittelfristig planen wir auch weitere Akquisitionen.

DVI: Wie ist es zu erklären, dass Sie auch in den USA und Japan Ihre Software so gut absetzen können?

Herr Weiß: Wir haben mit Nemetschek North America Inc. eine sehr erfolgreiche Tochtergesellschaft, die 2004 wieder ein Rekordjahr verzeichnete. Sowohl Umsatzerlöse als auch das Betriebsergebnis auf US-Dollar-Basis konnten deutlich zweistellig zulegen. Auslöser ist die neueste Version 11.5 der CAD-Software VectorWorks, die bei Planern weltweit sehr erfolgreich ist. VectorWorks ist deshalb so erfolgreich, weil sie mit einer fortschrittlichen 3D-Funktionalität ausgestattet ist und so an unterschiedlichste Kundenbedürfnisse angepasst werden kann. Das Ganze ist verbunden mit einem wettbewerbsfähigen Preis.

Asien, hier speziell Japan, ist ein erfolgreicher Teilmarkt und wird von Nemetschek North America betreut. In Japan haben wir vor sechs Jahren angefangen und haben in der Zwischenzeit einen ordentlichen Marktanteil erreicht. Auch dort wird der Komfort unserer Software in großem Stil anerkannt.

DVI: Welche Ihrer Auslandstöchter liegt im laufenden Jahr besonders gut?

Herr Weiß: Unsere Stars sind die ING. Auer – Die Bausoftware GmbH, die seit Jahren sehr gute Ergebnisse erwirtschaftet und die Nemetschek North America Inc., für die wir weitere Zuwächse und eine ordentliche Rendite erwarten. Auch unsere Tochtergesellschaft in Spanien läuft sehr erfolgreich. In den USA haben wir in 2004 gegenüber dem Vorjahr um 17 % auf über 14 Mio. USD Umsatz zugelegt.

DVI: Im Inland mussten Sie die Sparte „Nutzen“ restrukturieren. Was schätzen Sie, was Sie im Bereich „Nutzen“ dieses Jahr verlieren werden?

Herr Weiß: Wir haben es geschafft, den Trend umzukehren. Durch die Ende 2004 vorgenommene Restrukturierung in diesem Bereich werden wir im zweiten Halbjahr mindestens den Break-Even-Point erreichen. Im Bereich Facility Management sehen wir große Potentiale. Das Geschäftsfeld „Nutzen“ ist eines der Zukunftsgeschäftsfelder der Nemetschek AG.

DVI: Die Börse fängt an, die Aktiengesellschaften danach zu beurteilen, wie die Ertragslage im kommenden Jahr sein wird. Wie sehen Sie sich hier aufgestellt?

Herr Weiß: Unser Motto heißt: Gewinnbringendes Wachstum. Es eröffnen sich für uns zahlreiche Wachstumschancen – vor allem auf den internationalen Märkten. Unser Ziel ist eine EBITDA-Marge von 20 Prozent in 2006. In 2004 betrug sie 15 Prozent. Für das Gesamtjahr erwarten wir eine Ergebnisverbesserung - auch ohne die zu erwartenden 3,2 Mio. € Gewinnzuwachs aus dem Wegfall der Goodwill-Abschreibungen.

DVI: Und wie wollen Sie die Dividendenfrage handhaben? Wollen Sie weiterhin zum Club der Dividendenkönige in Deutschland gehören?

Herr Weiß: Nemetschek ist ertragsstark. Das zeigt sich besonders im Cashflow-Wachstum. Wir gehen in den kommenden Jahren von steigenden Liquiditätszuwächsen aus und werden deshalb eine kontinuierliche Dividendenpolitik verfolgen, um die Aktionäre an unserem Erfolg zu beteiligen. Die Höhe der Dividende wird sich abhängig vom Unternehmenserfolg an der diesjährigen Basisdividende orientieren.

DVI: Nach Ausbezahlung der Dividende haben Sie immer noch einen Cash-Bestand von ca. 24 Mio. Euro. In welchem Bereich wollen sie dieses Geld investieren?

Herr Weiß: Wir haben am Anfang des Jahres die Option für den Erwerb der restlichen 25 Prozent der ING. AUER – Die Bausoftware GmbH ausgeübt. Für 2005 rechnen wir damit, dass sich das Nettoergebnis des Nemetschek-Konzerns durch Auer um 0,5 Mio. € bzw. 0,05 € je Aktie verbessern wird. Mittelfristig planen wir Akquisitionen u.a. im bereits erwähnten Bereich Facility Management.

DVI: Haben Sie überhaupt die Managementkapazität, um eine größere Akquisition zu überwachen und in Ihren Konzern zu integrieren?

Herr Weiß: Wir können offensiv an den Markt herangehen. Der Vorstand wurde zu Beginn des Jahres um Dr. Peter Mossack, zuständig für Forschung und Entwicklung, sowie Michael Westfahl, verantwortlich für Marketing und Vertrieb erweitert. Mit diesem schlagkräftigen Team sind wir zuversichtlich, unsere weiteren strategischen Ziele zu verwirklichen und auch größere Projekte umsetzen zu können.

DVI: Nach unseren Berechnungen ergibt sich ein Cash bereinigtes KGV von 10. Das liegt weit unterhalb des Börsendurchschnitts. Hat sich Ihre Einstellung zum fairen Wert der Aktie geändert?

Herr Weiß: Aus dem Cash-flow erhöht sich der Kassenbestand pro Jahr um zirka 9-10 Mio. Euro, daher zirka 1 Euro je Aktie und Jahr. Es gibt in Deutschland nur wenige Gesellschaften, die diese hohen Zuwächse in der Liquidität pro Aktie ausweisen können wie Nemetschek. Darauf können wir zu Recht stolz sein. Wir haben derzeit zirka 2,40 Euro cash je Aktie.

Zum fairen Wert der Aktie hat sich meine Einstellung nicht geändert und ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Kapitalmarkt darüber urteilen soll. Die kurzzeitigen Turbulenzen Ende Mai im Kurs hatten nach meiner Meinung keine fundamentale Basis und werden daher auch nach und nach wieder ausgeglichen werden. Aufgrund unserer hervorragenden Position im Markt, den guten Wachstumschancen im Ausland sowie der Ergebnisentwicklung in der Zukunft können sich auch weiterhin Potentiale für die Nemetschek-Aktie ergeben.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Rochus C. Rüttnauer.

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