05.05.04  DAS VORSTANDSINTERVIEW
STRATEC Biomedical Systems AG

Interviewpartner: Marcus Wolfinger, Finanzvorstand (seit 1999)
Gehaltene Aktien: keine Angabe

STRATEC HomepageHintergrund: STRATEC Biomedical Systems entwickelt in Kooperation für die führenden Weltmarktunternehmen im diagnostischen und biomedizintech-nischen Bereich vollautomatische Analysensysteme auf hohem technischem Niveau. Die Kunden bringen nach zwei- bis vierjährigen Entwicklungsphasen die Geräte unter ihrem eigenen Namen an den Markt. Ein Vertragsabschluß kann daher ein Abnahmevolumen von bis zu 25 Millionen Euro - verteilt über einen Zeitraum von sieben Jahren – bedeuten. Das Gewinnwachstum von STRATEC in den kommenden Jahren ist deshalb gut kalkulierbar, weil für die Systeme, die in den kommen-den Jahren zur Serienreife gelangen werden, bereits heute feste Abnahmeverpflichtungen bestehen. DVI hat den CFO Marcus Wolfinger nach den mittelfristigen Perspektiven des Unter-nehmens und der Aktie gefragt.

Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Wolfinger, erläutern Sie bitte unseren Lesern, warum Ihre Kooperationsverträge mit Ihren acht Großkunden so viel Planungssicherheit mit sich bringen.

Marcus Wolfinger: Zumeist gelingt es uns nach Akquisitions- und Spezifikationsphase mit unseren Kunden "Entwicklungs- und Lieferverträge" abzuschließen. Die Lieferverträge beinhalten i.d.R. Mindestabnahmemengen für Analysensysteme nach beendeter Entwicklung. Dies bedeutet, dass wir für die in Entwicklung befindlichen Systeme bereits heute eine sehr hohe Sicherheit in der Absatzplanung haben. Wir haben derzeit 10 nennenswerte Projekte in Entwicklung und Fertigung.

DVI: Die Analysensysteme, die neu auf den Markt kommen, können weitgehend als Weltneuheiten bezeichnet werden. Ist es bei dem hohen technischen Anforderungsprofil noch nie vorgekommen, dass Stratec einen Vertrag als technisch nicht realisierbar zurückgeben musste?

Marcus Wolfinger: Normalerweise werden in der Akquisitions- und Spezifikationsphase vom Kunden finanzierte Machbarkeitsstudien durchgeführt, d.h. beim Abschluss eines Entwicklungs- und Liefervertrages sind die technischen Risiken abschätzbar. Die angesprochene Problematik ist rein theoretisch vorhanden, jedoch bisher noch nie eingetreten. Insbesondere bei den in Ent-wicklung befindlichen Projekten wurden die Machbarkeitsstudien erfolgreich abgeschlossen.

DVI: Sie haben mit dem Produkt „4PS“ im vergangenen Jahr das 1000ste, mit Produkten auf "PlateRunner"-Basis, das 100ste Gerät ausgeliefert. Dies spricht doch für eine reine Serien-fertigung. Machen sich im Ertrag von Stratec nicht Skaleneffekte ganz deutlich bemerkbar?

Marcus Wolfinger: Zunächst möchte ich kurz darauf eingehen, was hinter den Namen steckt. Unsere Systemplattform "4PS" wird an Kunden, wie Diasorin, Dade Behring, Biorad und andere sehr erfolgreich unter dem jeweiligen Firmen- und Markennamen verkauft. Der "Galileo", der erst kürzlich die FDA-Zulassung in den USA erhalten hat, wird durch Immucor, USA vermarktet. Er ist eines der genannten Systeme auf "PlateRunner"-Basis. Es ist richtig, dass die Systeme in Serienfertigung bei uns montiert und aufwendigen Qualitätssicherungsprozeduren unterzogen werden. Von Skaleneffekten im wörtlichen Sinne würde ich jedoch nicht reden. Vielmehr - und dies zeigt unser überproportionales Wachstum im Ergebnis - haben wir bei steigenden Umsätzen zu den Fixkosten und den Entwicklungspersonalkosten einen hohen Degressionseffekt. Wir sehen uns nach wie vor als Entwicklungshaus, über 50% der Mitarbeiter sind in der Produktentwicklung tätig. Bei nahezu konstanter Anzahl der Produktionsmitarbeiter ist dies der Hintergrund für die genannten Degressionseffekte.

DVI: Sie haben bewusst auf eine Umsatz- und Ertragsprognose für das Geschäftsjahr 2004 verzichtet. Was ist der Hintergrund hierfür?

Marcus Wolfinger: Hintergrund hierfür ist, dass ein sehr wichtiger Meilenstein in einem unserer wichtigsten Entwicklungsprojekte planmäßig im Zeitraum des Jahreswechsels 2004 / 2005 liegt. Die mit dem Meilenstein im Zusammenhang stehenden Ereignisse, befinden sich weitestgehend außerhalb unseres Einflussbereichs, sprich beim Kunden. Wir hielten es für unangemessen ein derart wichtiges Ereignis bei einer Projektlaufzeit von mehr als 2 Jahren auf den Stichtag genau verbindlich zu prognostizieren. Daher haben wir eine nicht unaggressive Prognose bis Ende 2005 aufgestellt.

DVI: Das Ergebniswachstum, das Sie vorlegen, ist außergewöhnlich hoch, wenn man berück-sichtigt, dass das EBIT im Jahr 2000 noch bei 384 T€ lag. Kann man dieses Ertragswachstum extrapolieren, oder wird sich dieses möglicherweise noch beschleunigen?

Marcus Wolfinger: Wir haben verschiedene Faktoren, die uns voraussichtlich ein überpro-portionales Ergebniswachstum ermöglichen. Diese sind insbesondere die Umstellung in der Fertigungs- und Logistikstrategie, das Hinzukommen deckungsbeitragsstarker Produkte und die eingangs erwähnten Degressionseffekte. Auf unserer Analystenveranstaltung im Dezember 2003 haben wir die Analysteneinschätzungen zu einem CAGR im Ergebnis bis 2008 in der Größenordnung von 30% bestätigt.

DVI: Starkes Umsatzwachstum bedeutet auch in jedem Unternehmen Integrationsprobleme. Ihre Belegschaft hat sich innerhalb der letzten vier Jahre fast verdoppelt. Wie schaffen Sie das, dass alle neuen Mitarbeiter so schnell „online“ bekommen?

Marcus Wolfinger: Neue Mitarbeiter konnten wir bisher sehr schnell integrieren. Dies ist insbesondere auf die Aufspaltung und Ergänzung von Entwicklungs- und Fertigungsteams und die hohe Motivation der Belegschaft zurückzuführen. Die Stratec-Truppe ist jederzeit bereit, getreu dem amerikanischen Motto: "Go the extra mile" zu handeln.

DVI: Neben den steigenden Stückzahlen arbeiten Sie auch ganz erheblich an der Reduktion der Materialeinsatzquote. Können Sie trotz geringerem Materialaufwand die geforderte Garantie und Präzision für Ihre Kunden weiterhin gewährleisten?

Marcus Wolfinger: Die Materialkosten, und damit die Materialquote pro Produkt, wird in den ersten 20% der Gesamtentwicklungszeit nahezu unumstößlich festgelegt. Daher haben Gewährleis-tungen und Präzisionen in der Lieferphase nichts mehr mit den Herstellkosten eines Produktes zu tun. Zum erreichen der gesteckten Ziele betreiben wir bei neueren Produkten bereits in der frühen Entwicklungsphase ein effektives Zielkostenmanagement.

DVI: Um das kommende Umsatzwachstum zu bewältigen, müssen Sie alle Kapazitäten deutlich erhöhen. Welche Auswirkungen wird dies auf cash-flow und Dividende haben?

Marcus Wolfinger: Im Sinne des Shareholder Value gehen wir davon aus, dass unsere Aktionäre neben einer Firmenwerterhöhung auch eine angemessene Dividende erwarten. Dass es uns gelingt unser Wachstum weitestgehend aus eigenem Cash flow zu erzielen, zeigt der Sachverhalt, dass wir in den vergangenen 4 Jahren nahezu 10 Mio. EUR eigene Mittel in Entwicklungsprojekte investiert haben.

DVI: Mit einer Kapitalerhöhung könnten Sie nicht nur sämtliche Bankverbindlichkeiten tilgen, sondern auch noch eine ordentliche Kriegskasse schaffen. Bestehen bei Ihnen keine Pläne dieser Art?

Marcus Wolfinger: Derzeit bestehen keine konkreten Pläne. Sollten sich zusätzlich große Wachstumschancen bieten, möchten wir eine entsprechende Maßnahme jedoch nicht kategorisch ausschließen. Solche Chancen könnten z.B. Projekte mit weitreichenden Abnahmegarantien aber hohen eigenen Finanzierungs-notwendigkeiten sein.

DVI: Sie haben sich zum ersten Mal öffentlich zu Ihrer Biotech-Tochter NewGen geäußert. Welche Erwartungen muss der Anleger damit verbinden?

Marcus Wolfinger: Mit NewGen haben wir Zugriff auf eine Technologie zur Aufreinigung und Stabilisierung von RNA und DNA. Insbesondere im Bereich der molekularen Diagnostik wird von potentiellen OEM-Partnern das Vorhandensein einer solchen Grundlagentechnologie als added value, den STRATEC bieten kann, gesehen. Wir gehen davon aus, dass NewGen langfristig einen erheblichen Beitrag zum Wachstum des STRATEC-Konzerns bringen wird.

DVI: Ist die so zu verstehen, dass mit dem Know-how von NewGen Ihr Produktspektrum erheblich erweitert werden kann, da Sie zum ersten Mal in Ihrer Firmengeschichte neben Geräten auch Reagenztechnologie auslizensieren. Welcher Impuls geht davon auf den Verkauf der Geräte aus?

Marcus Wolfinger: Langfristig von einem sehr deutlichen.

DVI: Welchen fairen Ergebnismultiplikator messen Sie Stratec aufgrund der aktuellen Ertragslage zu?

Marcus Wolfinger: Bei Faktoren, wie dem deutlichen Übertreffen von zum Teil sehr aggressiven eigenen Prognosen, der hohen Planbarkeit hinsichtlich Umsatz und Ertrag, aufgrund des Geschäftsmodells und dem absehbaren deutlichen Wachstum der Gesellschaft, halte ich STRATEC selbst bei einem KGV von 20 noch nicht für deutlich überbewertet.

DVI: Hielten Sie ein Ergebnis je Aktie von knapp unter 1 Euro für 2005 bei STRATEC für möglich?

Marcus Wolfinger: Das hielte ich für sehr sportlich. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir an den im Dezember 2003 bestätigten Prognosen festhalten und gegebenenfalls für eine Über-raschung gut sind.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.

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