STRATEC Biomedical
Systems AG
Interviewpartner: Marcus Wolfinger, Finanzvorstand (seit 1999)
Gehaltene Aktien: keine Angabe
Hintergrund:
STRATEC Biomedical Systems entwickelt in Kooperation für die führenden
Weltmarktunternehmen im diagnostischen und biomedizintech-nischen Bereich
vollautomatische Analysensysteme auf hohem technischem Niveau. Die Kunden
bringen nach zwei- bis vierjährigen Entwicklungsphasen die Geräte
unter ihrem eigenen Namen an den Markt. Ein Vertragsabschluß kann
daher ein Abnahmevolumen von bis zu 25 Millionen Euro - verteilt über
einen Zeitraum von sieben Jahren – bedeuten. Das Gewinnwachstum
von STRATEC in den kommenden Jahren ist deshalb gut kalkulierbar, weil
für die Systeme, die in den kommen-den Jahren zur Serienreife gelangen
werden, bereits heute feste Abnahmeverpflichtungen bestehen. DVI hat
den CFO Marcus Wolfinger nach den mittelfristigen Perspektiven des Unter-nehmens
und der Aktie gefragt.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Wolfinger, erläutern
Sie bitte unseren Lesern, warum Ihre Kooperationsverträge mit Ihren
acht Großkunden so viel Planungssicherheit mit sich bringen.
Marcus Wolfinger: Zumeist gelingt es uns nach Akquisitions-
und Spezifikationsphase mit unseren Kunden "Entwicklungs- und Lieferverträge"
abzuschließen. Die Lieferverträge beinhalten i.d.R. Mindestabnahmemengen
für Analysensysteme nach beendeter Entwicklung. Dies bedeutet,
dass wir für die in Entwicklung befindlichen Systeme bereits heute
eine sehr hohe Sicherheit in der Absatzplanung haben. Wir haben derzeit
10 nennenswerte Projekte in Entwicklung und Fertigung.
DVI: Die Analysensysteme, die neu auf den Markt kommen,
können weitgehend als Weltneuheiten bezeichnet werden. Ist es bei
dem hohen technischen Anforderungsprofil noch nie vorgekommen, dass
Stratec einen Vertrag als technisch nicht realisierbar zurückgeben
musste?
Marcus Wolfinger: Normalerweise werden in der Akquisitions-
und Spezifikationsphase vom Kunden finanzierte Machbarkeitsstudien durchgeführt,
d.h. beim Abschluss eines Entwicklungs- und Liefervertrages sind die
technischen Risiken abschätzbar. Die angesprochene Problematik
ist rein theoretisch vorhanden, jedoch bisher noch nie eingetreten.
Insbesondere bei den in Ent-wicklung befindlichen Projekten wurden die
Machbarkeitsstudien erfolgreich abgeschlossen.
DVI: Sie haben mit dem Produkt „4PS“ im
vergangenen Jahr das 1000ste, mit Produkten auf "PlateRunner"-Basis,
das 100ste Gerät ausgeliefert. Dies spricht doch für eine
reine Serien-fertigung. Machen sich im Ertrag von Stratec nicht Skaleneffekte
ganz deutlich bemerkbar?
Marcus Wolfinger: Zunächst möchte ich kurz
darauf eingehen, was hinter den Namen steckt. Unsere Systemplattform
"4PS" wird an Kunden, wie Diasorin, Dade Behring, Biorad und
andere sehr erfolgreich unter dem jeweiligen Firmen- und Markennamen
verkauft. Der "Galileo", der erst kürzlich die FDA-Zulassung
in den USA erhalten hat, wird durch Immucor, USA vermarktet. Er ist
eines der genannten Systeme auf "PlateRunner"-Basis. Es ist
richtig, dass die Systeme in Serienfertigung bei uns montiert und aufwendigen
Qualitätssicherungsprozeduren unterzogen werden. Von Skaleneffekten
im wörtlichen Sinne würde ich jedoch nicht reden. Vielmehr
- und dies zeigt unser überproportionales Wachstum im Ergebnis
- haben wir bei steigenden Umsätzen zu den Fixkosten und den Entwicklungspersonalkosten
einen hohen Degressionseffekt. Wir sehen uns nach wie vor als Entwicklungshaus,
über 50% der Mitarbeiter sind in der Produktentwicklung tätig.
Bei nahezu konstanter Anzahl der Produktionsmitarbeiter ist dies der
Hintergrund für die genannten Degressionseffekte.
DVI: Sie haben bewusst auf eine Umsatz- und Ertragsprognose
für das Geschäftsjahr 2004 verzichtet. Was ist der Hintergrund
hierfür?
Marcus Wolfinger: Hintergrund hierfür ist, dass
ein sehr wichtiger Meilenstein in einem unserer wichtigsten Entwicklungsprojekte
planmäßig im Zeitraum des Jahreswechsels 2004 / 2005 liegt.
Die mit dem Meilenstein im Zusammenhang stehenden Ereignisse, befinden
sich weitestgehend außerhalb unseres Einflussbereichs, sprich
beim Kunden. Wir hielten es für unangemessen ein derart wichtiges
Ereignis bei einer Projektlaufzeit von mehr als 2 Jahren auf den Stichtag
genau verbindlich zu prognostizieren. Daher haben wir eine nicht unaggressive
Prognose bis Ende 2005 aufgestellt.
DVI: Das Ergebniswachstum, das Sie vorlegen, ist außergewöhnlich
hoch, wenn man berück-sichtigt, dass das EBIT im Jahr 2000 noch
bei 384 T€ lag. Kann man dieses Ertragswachstum extrapolieren,
oder wird sich dieses möglicherweise noch beschleunigen?
Marcus Wolfinger: Wir haben verschiedene Faktoren,
die uns voraussichtlich ein überpro-portionales Ergebniswachstum
ermöglichen. Diese sind insbesondere die Umstellung in der Fertigungs-
und Logistikstrategie, das Hinzukommen deckungsbeitragsstarker Produkte
und die eingangs erwähnten Degressionseffekte. Auf unserer Analystenveranstaltung
im Dezember 2003 haben wir die Analysteneinschätzungen zu einem
CAGR im Ergebnis bis 2008 in der Größenordnung von 30% bestätigt.
DVI: Starkes Umsatzwachstum bedeutet auch in jedem
Unternehmen Integrationsprobleme. Ihre Belegschaft hat sich innerhalb
der letzten vier Jahre fast verdoppelt. Wie schaffen Sie das, dass alle
neuen Mitarbeiter so schnell „online“ bekommen?
Marcus Wolfinger: Neue Mitarbeiter konnten wir bisher
sehr schnell integrieren. Dies ist insbesondere auf die Aufspaltung
und Ergänzung von Entwicklungs- und Fertigungsteams und die hohe
Motivation der Belegschaft zurückzuführen. Die Stratec-Truppe
ist jederzeit bereit, getreu dem amerikanischen Motto: "Go the
extra mile" zu handeln.
DVI: Neben den steigenden Stückzahlen arbeiten
Sie auch ganz erheblich an der Reduktion der Materialeinsatzquote. Können
Sie trotz geringerem Materialaufwand die geforderte Garantie und Präzision
für Ihre Kunden weiterhin gewährleisten?
Marcus Wolfinger: Die Materialkosten, und damit die
Materialquote pro Produkt, wird in den ersten 20% der Gesamtentwicklungszeit
nahezu unumstößlich festgelegt. Daher haben Gewährleis-tungen
und Präzisionen in der Lieferphase nichts mehr mit den Herstellkosten
eines Produktes zu tun. Zum erreichen der gesteckten Ziele betreiben
wir bei neueren Produkten bereits in der frühen Entwicklungsphase
ein effektives Zielkostenmanagement.
DVI: Um das kommende Umsatzwachstum zu bewältigen,
müssen Sie alle Kapazitäten deutlich erhöhen. Welche
Auswirkungen wird dies auf cash-flow und Dividende haben?
Marcus Wolfinger: Im Sinne des Shareholder Value gehen
wir davon aus, dass unsere Aktionäre neben einer Firmenwerterhöhung
auch eine angemessene Dividende erwarten. Dass es uns gelingt unser
Wachstum weitestgehend aus eigenem Cash flow zu erzielen, zeigt der
Sachverhalt, dass wir in den vergangenen 4 Jahren nahezu 10 Mio. EUR
eigene Mittel in Entwicklungsprojekte investiert haben.
DVI: Mit einer Kapitalerhöhung könnten Sie
nicht nur sämtliche Bankverbindlichkeiten tilgen, sondern auch
noch eine ordentliche Kriegskasse schaffen. Bestehen bei Ihnen keine
Pläne dieser Art?
Marcus Wolfinger: Derzeit bestehen keine konkreten
Pläne. Sollten sich zusätzlich große Wachstumschancen
bieten, möchten wir eine entsprechende Maßnahme jedoch nicht
kategorisch ausschließen. Solche Chancen könnten z.B. Projekte
mit weitreichenden Abnahmegarantien aber hohen eigenen Finanzierungs-notwendigkeiten
sein.
DVI: Sie haben sich zum ersten Mal öffentlich
zu Ihrer Biotech-Tochter NewGen geäußert. Welche Erwartungen
muss der Anleger damit verbinden?
Marcus Wolfinger: Mit NewGen haben wir Zugriff auf
eine Technologie zur Aufreinigung und Stabilisierung von RNA und DNA.
Insbesondere im Bereich der molekularen Diagnostik wird von potentiellen
OEM-Partnern das Vorhandensein einer solchen Grundlagentechnologie als
added value, den STRATEC bieten kann, gesehen. Wir gehen davon aus,
dass NewGen langfristig einen erheblichen Beitrag zum Wachstum des STRATEC-Konzerns
bringen wird.
DVI: Ist die so zu verstehen, dass mit dem Know-how
von NewGen Ihr Produktspektrum erheblich erweitert werden kann, da Sie
zum ersten Mal in Ihrer Firmengeschichte neben Geräten auch Reagenztechnologie
auslizensieren. Welcher Impuls geht davon auf den Verkauf der Geräte
aus?
Marcus Wolfinger: Langfristig von einem sehr deutlichen.
DVI: Welchen fairen Ergebnismultiplikator messen Sie
Stratec aufgrund der aktuellen Ertragslage zu?
Marcus Wolfinger: Bei Faktoren, wie dem deutlichen
Übertreffen von zum Teil sehr aggressiven eigenen Prognosen, der
hohen Planbarkeit hinsichtlich Umsatz und Ertrag, aufgrund des Geschäftsmodells
und dem absehbaren deutlichen Wachstum der Gesellschaft, halte ich STRATEC
selbst bei einem KGV von 20 noch nicht für deutlich überbewertet.
DVI: Hielten Sie ein Ergebnis je Aktie von knapp unter
1 Euro für 2005 bei STRATEC für möglich?
Marcus Wolfinger: Das hielte ich für sehr sportlich.
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir an den im Dezember
2003 bestätigten Prognosen festhalten und gegebenenfalls für
eine Über-raschung gut sind.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de