Drillisch AG
Interviewpartner: Paschalis Choulidis, Vorstandssprecher
Gehaltene Aktien: 687.400 Aktien (von 32,7 Mio.) des Grundkapitals, Optionen
Das Interview wurde am 14.03.05 geführt.
Hintergrund:
Obwohl Drillisch den vierten Platz unter den deutschen Mobilfunk-Serviceprovidern
einnimmt, ist die Gesellschaft relativ unbekannt. Dabei sind die Erfolge
der vergangenen Jahre sehr beachtlich und Drillisch ist auf der aktuellen
Kursbasis sehr günstig bewertet. Die Aktie war in den letzten Monaten
jedoch nicht so richtig von der Stelle gekommen, weil aus der Übernahme
des fast doppelt so großen Konkurrenten VICTORVOX noch Aktienmaterial
über dem Markt schwebte. Durch die Übernahme von VICTORVOX
ist nicht nur das Umsatzvolumen von zirka 142 Mio. Euro auf 355,8 Mio.
Euro gesprungen, sondern auch das EBITDA hat sich um 78% von 13 auf
mehr als 23 Mio. Euro erhöht. Nachdem es in den vergangenen Wochen
eine Umplatzierung von Altaktionären zu institutionellen Anlegern
gegeben hat, scheint die Markttechnik nun besser und bereinigt zu sein,
und Drillisch kann sich entsprechend der fundamentalen Bewertung kursmäßig
besser entwickeln. Vor kurzem gab es Irritationen, weil der bisherige
Vorstandssprecher und Großaktionär Marc Brucherseifer, per
31.3.05 aus dem Management von Drillisch ausscheidet. Wir haben den
Finanzvorstand Herrn Paschalis Choulidis, der seit Ende Januar die Sprecherfunktion
übernommen hat zu den mittelfristigen Aussichten des Unternehmens
befragt.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Choulidis, warum
wird Herr Brucherseifer das Unternehmen verlassen und was wird mit seinen
Aktien passieren, nachdem er per 31. März Drillisch verlassen wird?
Gibt es etwa nochmals Kursdruck?
Herr Choulidis: Der Wunsch von Herrn Brucherseifer,
seinen Vertrag nicht zu verlängern, kommt für uns nicht überraschend.
Wir haben das schon länger besprochen und gut vorbereitet. Nach
20 Jahren im Mobilfunk möchte Herr Brucherseifer sich anderen Aufgaben
widmen. Was genau er machen wird, ist uns jedoch nicht bekannt. Zu seinen
Aktien – Herr Brucherseifer ist mit uns einer Meinung, dass das
Mobilfunkgeschäft noch viel Potenzial hat. In den Gesprächen
mit Investoren in den vergangenen Monaten hat Herr Brucherseifer immer
wieder betont, dass er sich zurzeit nicht von größeren Paketen
trennen möchte.
DVI: Zu Ihrem Geschäft, Drillisch ist eine Holding
für drei operativ tätige Gesellschaften. Bitte schildern Sie
unseren Lesern die Tätigkeit Ihrer Tochterunternehmen.
Herr Choulidis: Wir sind die Nummer vier unter den
Mobilfunk-Service-Providern. Nach der Übernahme der VICTORVOX Ende
2003 und der erfolgreichen Integration in den Konzernverbund 2004 betreuen
wir nun 1,626 Millionen Kunden. Die VICTORVOX konzentriert sich hauptsächlich
auf die Vertragskunden. Im Mittelpunkt der Aktivitäten der Alphatel
stehen die Pre-Paid-Kunden. Unsere Software-Tochter IQ-work verantwortet
im Drillisch-Konzern das Geschäftsfeld Software-Dienstleistungen.
Das Unternehmen entwickelt und vermarktet eine eigene Workflow-Management-Software,
die die Kunden unterstützt, ihre operativen Prozesse zu beschleunigen,
zu optimieren und zu automatisieren. Und natürlich – und
das ist die Keimzelle der IQ-work – betreut sie den gesamten Drillisch-Konzern
und sichert das schnelle zuverlässige Billing – das Herzstück
eines Service-Providers.
DVI: Drillisch- wie auch Ihre Wettbewerber verdienen
Ihr Geld damit, dass Sie Mobilfunkminuten von den vier existenten Netzbetreibern
weiterverkaufen: Kann man Sie als eine Art Großhändler verstehen,
oder wie muss sich der Leser Ihr Geschäft vorstellen?
Herr Choulidis: Unter Großhändler verstehe
ich jemanden der ein Produkt kauft und eins zu eins weiter vermarktet.
Das ist nicht das Geschäft des Service Providers, wir kaufen als
Rohleistung Gesprächsminuten und generieren daraus unsere eigene
Tarife, die wir unseren Kunden anbieten.
Die neuen Breitbanddienste versetzen uns in die Lage,
künftig eigene Produkte zu kreieren und diese allen Mobilfunknutzern
zur Verfügung zu stellen. Dabei sprechen wir nicht nur unsere eigenen
Kunden, sondern auch die von anderen Service Providern oder Netzbetreibern
an. Ein erstes Beispiel ist QuickTalk. Über unser Mehrwertdienste-Internet-Portal
www.dialing.de bieten wir mit diesem Dienst allen Mobilfunknutzern die
Möglichkeit netzübergreifend das Handy zum Walkie Talkie zu
machen. Weitere Anwendungen werden folgen.
DVI: Welches Geschäft ist für Drillisch interessanter:
Das mit den Vertragskunden oder mit den Kunden, die mit pre-paid Karten
telefonieren?
Herr Choulidis: Beide Kunden sind uns willkommen. Die
Akquisition von Prepaid-Kunden erfordert keine große Investition,
und wir erhalten das Geld vom Kunden im Voraus. Dafür ist der Umsatz
aber nicht so hoch wie bei den Vertragskunden. In Vertragskunden investieren
wir zuerst und bekommen über die Vertragslaufzeit die Investition
zurück. So haben wir 2004 in diese Kunden-gruppe rund 12 Mio. €
Investiert und in 2005 planen wir 17 Mio. € in die Gewinnung neuer
Kunden zu investieren.
DVI: Wie viele neue Kunden können Sie voraussichtlich
aus diesem Investment in 2005 und in den späteren Jahren gewinnen?
Herr Choulidis: Wir hatten bereits mitgeteilt, dass
wir im Jahr 2004 4,3% mehr Kunden hinzugewonnen haben. Unsere Kundenstruktur
haben wir aber noch nicht nach Vertrags- und Prepaid-Kunden aufgeschlüsselt.
Wir werden erst in den kommenden Wochen, spätestens zur Hauptversammlung,
unsere Guidence für das Jahr 2005 bekannt geben. Dann werden wir
Ihnen auch darlegen, wie viele Vertragskunden wir für das laufende
Jahr erwarten.
DVI: Welches Marktsegment – pre-paid oder Vertragskunden
– wird Ihrer Meinung nach schneller wachsen?
Herr Choulidis: In den vergangenen Jahren sind die
Prepaid Kunden tendenziell schneller gewachsen. Allerdings erwarten
wir, dass sich die Verhältnisse stabilisieren werden.
DVI: Wie heben Sie sich in Ihrem Geschäftsmodell
von den drei großen Mitbewerbern debitel, mobilcom und talkline
ab?
Herr Choulidis: Über unsere Wettbewerber möchte
ich nicht sprechen. Wir haben jedoch rechtzeitig unsere Geschäftsprozesse
optimiert und immer auf eine eigenständige IT Wert gelegt. Das
hat uns auch beim Kauf und der Integration von VICTORVOX geholfen. Wir
sind jederzeit in der Lage, eigenständig - ohne auf Externe angewiesen
zu sein - schnell auf Marktgegebenheiten zu reagieren oder selbst zu
agieren und innovative Produkte den Kunden anzubieten, wie z.B. QuickTalk
oder unsere Fair Tarife. Wir sind der einzige Serviceprovider in Deutschland,
der einen netzübergreifenden Dienst anbieten kann. Dieses sehen
wir als besonderen Wettbewerbsvorteil an.
DVI: Was verstehen Sie unter dem Begriff „Fair
Tarife“?
Herr Choulidis: Unsere Kunden haben die Möglichkeit,
die Tarife nach ihren eigenen Bedürfnissen zusammenzustellen. Sie
sehen also, dass wir daran interessiert sind, unseren Kunden in größtmöglichem
Umfang entgegen zu kommen.
DVI: Wenn 87 Prozent der Bevölkerung bereits ein
Handy besitzen, sind Ihre organischen Wachstumschancen relativ stark
limitiert. Wie können Sie sich weiterentwickeln?
Herr Choulidis: Neben dem normalen Marktwachstum entscheiden
sich ca. 18 – 20 Mio. Kunden jährlich neu, bei welchem Anbieter
sie Ihr nächstes Handy kaufen. Des Weiteren wird auch O2 als 4
Netzbetreiber sein Netz für die Service-Provider öffnen, dieser
Markt war uns bis jetzt nicht zugänglich. Die weitere Entwicklung
geht zu Lasten des Festnetzes. Mobilfunk wird künftig eine sehr
gute Alternative für die komplette Ablösung eines Festnetzanschlusses
darstellen.
DVI: Wohin wollen Sie das Geschäftsvolumen Ihrer
Tochter IQ-work Software AG mittelfristig entwickeln?
Herr Choulidis: In diesem Jahr ist das Ziel ein EBITDA
von 200.000 Euro. Nach oben ist – wenn sich das Produkt bei den
Kunden durchsetzt - theoretisch keine Grenze gesetzt. Also warten wir’s
ab.
DVI: Wie kommentieren Sie die Analystenschätzungen
von SES mit 27 Cent für das vergangene Jahr und 40 Cent für
das laufende Jahr?
Herr Choulidis: Analystenschätzungen kommentieren
wir nicht. Für 2004 kann ich Ihnen heute sagen, dass wir über
den 27 Cent liegen, aber die genauen Zahlen geben wir erst am 23.03.2005
bekannt.
Ich habe den SES-Analysten Jochen Reichert, den ich
wegen seiner profunden Marktkenntnis sehr schätze, vor einigen
Wochen besucht und ihm die jüngste Entwicklung erläutert.
In seiner fundamentalen Analyse des Drillisch Konzerns habe ich auf
den ersten Blick für 2005 keinen groben Fehler entdeckt.
Auf die 40 Cent Ergebnis je Aktie kommt man ja schon,
wenn man den Nettoeffekt aus dem Wegfall der Firmenwertabschreibungen
von zirka 3,9 Mio. Euro berücksichtigt. Aber wie Sie wissen, sind
die Verhandlungen mit den Netzanbietern noch nicht vollständig
abgeschlossen, und deshalb wollen wir heute noch keine genauere Prognose
geben.
DVI: Auf welches Umsatz- und Ertragsvolumen wächst
Drillisch im Jahr 2008?
Herr Choulidis: Eine seriöse Prognose lässt
sich für solch einen langen Zeitraum nicht abgeben. Aber Ziele
kann der Mensch haben. Wir streben bis etwa 2008 die halbe Milliarde
Euro Umsatz an.
DVI: Ihre Eigenkapitalrendite ist mit mehr als 20%
in 2004 überdurchschnittlich hoch, obwohl Sie sehr konservativ
bilanzieren. Warum ist Ihre Aktie darüber hinaus noch attraktiv?
Herr Choulidis: Die 20 Prozent Eigenkapitalquote sind
Ihre Schätzung. Es ist die Aufgabe der Analysten herauszuarbeiten,
warum eine Aktie attraktiv ist. Der Vorstand wird dafür bezahlt,
diese Gründe zu liefern. Ich glaube, dass unserer Geschäftsmodell
und unsere professionelle Umsetzung die wichtigsten Gründe sind,
die für die Aktie sprechen. Ich persönlich und mein Bruder
haben vor wenigen Wochen Aktien zugekauft, weil wir davon überzeugt
sind, dass die Drillisch-Aktie unterbewertet ist. Ein attraktiveres
Investment haben wir persönlich jedenfalls nicht gefunden.
DVI: Worauf führen Sie es zurück, dass deutsche
Service-Provider im internationalen Vergleich sehr niedrig bewertet
sind?
Herr Choulidis: Meiner Meinung nach ist die Rolle der
Service-Provider bei den Analysten noch nicht so in den Vordergrund
gestellt worden. Es gibt sehr wenige, die dieses Geschäftsmodel
mit seinen Chancen schon richtig erkannt haben. Unsere Zahlen haben
es bewiesen und werden es auch in Zukunft beweisen, dass man mit Mobilfunk-Service-Providing
überdurchschnittlich Geld verdienen und organisch wachsen kann.
DVI: Gibt es Indikationen, wonach Sie von einer ausländischen
Beteiligungsgesellschaft „geschluckt“ werden könnten,
weil Drillisch so niedrig bewertet ist?
Herr Choulidis: Dass wir niedrig bewertet sind, dem
will ich nicht widersprechen. Allerdings liegen mir zur Zeit keine Informationen
vor, dass wir „geschluckt“ werden.
DVI: Wo sehen Sie den fairen Wert Ihrer Aktie?
Herr Choulidis: Es gibt Analystenschätzung, die
den fairen Wert der Aktie bei 6 Euro sehen. Dem will ich nicht widersprechen,
auch wenn das nur eine Bewertung der Drillisch AG mit dem achtfachen
EBITDA entspricht.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de