21.12.04  DAS VORSTANDSINTERVIEW
Nemetschek AG

Interviewpartner: Gerhard Weiß, Vorstandsvorsitzender
Das Interview wurde am 18.12.04 geführt.

Nemetschek HomepageHintergrund: Die Münchner Nemetschek AG ist Europas größter Hersteller von Software für die Baubranche. Im Jahr 2002 wurde die Bilanz richtig bereinigt und alle Vergangenheitslasten aus den Zeiten des Neuen Marktes abgeschrieben. Schon im vergangenen Jahr konnte das Unternehmen ein Ergebnis je Aktie von 41 Cent (nach Firmenwertabschreibungen) und von 75 Cent (vor Firmenwertabschreibungen) erzielen. Dies war ein Swing im Ergebnis je Aktie von 1,47 Euro. Nach Analystenschätzungen wird das Ergebnis im kommenden Jahr um zirka 17% steigen. Besonders bemerkenswert bei Nemetschek ist, dass die liquiden Mittel aus dem freien Cashflow pro Jahr um mindestens 8 Mio. Euro wachsen. Zum Jahresende 2004 wird Nemetschek daher einen Kassenbestand von knapp 40 Mio. Euro aufweisen, was 4,15 Euro Cash je Aktie entspricht. Wir haben den Vorstands-vorsitzenden, Herrn Gerhard Weiß, zu den mittelfristigen Geschäftsaussichten befragt.

Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Weiß, bitte erläutern Sie unseren Lesern die drei Säulen Ihres Geschäftsmodells.

Herr Weiß: Mit unseren Lösungen decken wir den gesamten Prozess ab: Vom „Planen“ über das „Bauen“ bis hin zum langjährigen „Nutzen“ von Gebäuden und Immobilien. Beginnen wir beim Bereich Planen und stellen Sie sich die viel zitierte „grüne Wiese“ vor. Bereits an dieser Stelle bieten wir Produkte für den Entwurf und schnelle, computergestützte Skizzen. Das Ganze mündet dann mit Hilfe von CAD-Software in die Werks- und Ausführungsplanung, dann muss ein Ingenieur u. a. die Statik berechnen. Es gilt auch, das Gebäude energietechnisch zu prüfen und zu optimieren. Eine hohe Bedeutung kommt ebenfalls einer möglichst genauen Kostenschätzung zu.

Nach Abschluss der Planung führt der Architekt die Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung durch. Als nächstes kommen die Bauunternehmen ins Spiel. Hier bieten wir Komplettlösungen für die kaufmännische Verwaltung (ERP-Systeme) und Baukalkulation an. Nach Fertigstellung des Gebäudes führen Facility- und Immobilienmanager die technisch/infrastrukturelle und kauf-männische Verwaltung durch.

All diese Aufgaben, und noch ein paar mehr, decken wir mit unseren Softwarelösungen ab, und das mit Schwerpunkt Europa – insbesondere natürlich Deutschland. Aber wir haben auch Programme, die weltweit vermarktet werden. Nemetschek steht im Markt für die Kompetenz-führerschaft bei Software für die Baubranche in wesentlichen Teilen der Welt.

DVI: Wie waren Sie mit dem Neunmonatsabschluss zum 30.09.2004 zufrieden, und was werden Sie künftig anders machen?

Herr Weiß: Nun, wir haben unsere Erwartungen nicht ganz getroffen. Statt eines Umsatzes auf Vorjahresniveau hatten wir eine leichte Steigerung erwartet und eine weitere Verbesserung des Ergebnisses. Während wir im Ausland zulegen konnten, hat uns der deutsche Markt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vor dem Hintergrund, dass sich die wirtschaftliche Lage der deutschen Bauwirtschaft entgegen allen Prognosen deutlich verschlechtert hat, haben wir uns jedoch sehr gut geschlagen mit Umsatzerlösen von 68,4 Mio. EUR und einem Nettoergebnis von 4,3 Mio. EUR vor Firmenwertabschreibungen. Wenn wir in die Zukunft blicken, so werden sich Änderungen beispielsweise in unserem Geschäftsfeld „Nutzen“ ergeben. Hier haben wir Ende November 2004 die Durchführung von Restrukturierungsmaßnahmen bekannt gegeben, und wir erwarten, dass das Geschäftsfeld nach einem Verlust von über 1,5 Mio. EUR in 2004 im nächsten Jahr wieder schwarze Zahlen schreiben wird.

DVI: Welche Erwartungen haben Sie für das gesamte Geschäftsjahr 2004?

Herr Weiß: Für das Gesamtjahr erwarten wir, dass wir an das gute Ergebnis des Vorjahres anknüpfen können. Hier erzielten wir bei Umsatzerlösen von 95,6 Mio. EUR ein EBIT bei 5,6 Mio. EUR und das EBITDA lag sogar bei 13,5 Mio. EUR. Vielleicht können wir beim Betriebsergebnis sogar leicht zulegen. Wichtig ist dabei, dass wir nicht nur auf dem Papier die Gewinne erzielen, sondern auch in barer Münze auf unserem Konto. So haben wir zum 30.9.2004 unsere liquiden Mittel um knapp 7 Mio. EUR im Vergleich zum Jahresbeginn vermehrt.

DVI: Wie ist es möglich, dass Sie im Segment „Bauen“ vor dem Hintergrund der schlechten Baukonjunktur in Deutschland eine außergewöhnlich hohe EBIT-Marge von knapp 23% erzielen können?

Herr Weiß: Im Segment “Bauen“ haben wir zwei Standbeine, eines davon ist die Nemetschek Bausoftware GmbH in Deutschland, das andere die ING. AUER – Die Bausoftware GmbH in Österreich. Beide haben in ihren Märkten eine hervorragende Positionierung und sind sehr profitabel. Insbesondere die AUER Bausoftware weist eine weit überdurchschnittliche Rentabilität auf. Übrigens hat AUER einen Marktanteil von über 80 % in Österreich.

DVI: Sie haben mit der ING. AUER – die Bausoftware GmbH in Mondsee – ja eine regelrechte „Goldgrube“. Was ist das Geheimnis dieser Gesellschaft?

Herr Weiß: Wie ich schon sagte, ist AUER in Österreich ausgezeichnet positioniert. Das Kernprodukt AUER Success ist äußerst einfach zu erlernen, intuitiv zu bedienen und sehr schnell in der Anwendung. Die Gesamtkosten, die dem Kunden durch die Nutzung der Software entstehen, die so genannten „total cost of ownership“, sind also sehr niedrig, und das wird im Markt immer wichtiger. AUER Success trifft damit den Nerv der Zeit und hat dadurch den Markt revolutioniert. Ich bin sicher, dass die Erfolgsgeschichte auch in Zukunft weitergeht. Großes Potenzial sehe ich dabei in Deutschland, wo AUER bislang nur mit einem Umsatzanteil von rund 7 % präsent ist.

DVI: Bitte schildern Sie uns Ihre „Highlights“ im Auslandsgeschäft, das immerhin 47 % Ihres Umsatzes ausmacht.

Herr Weiß: Sicherlich gehört dazu die gerade erwähnte AUER Bausoftware, die im laufenden Jahr zweistellig im Umsatz und im Ertrag etwas überproportional zulegen wird. Sehr gut verläuft auch das Geschäft bei unserer amerikanischen Tochter der Nemetschek North America, deren CAD-Software VectorWorks insbesondere bei Architekten weltweit sehr erfolgreich ist. Beispielsweise werden rund 20 % der Umsätze in Asien, speziell Japan, getätigt. Für das laufende Jahr rechnen wir bei der Nemetschek North America mit einem Umsatzwachstum von knapp 10 %. Der einzige Wermutstropfen ist, dass hier der fallende US-Dollar die auf Euro-Basis konsolidierten Umsätze drückt. Aber auch im internationalen Vertrieb unserer CAD-Lösung Allplan gibt es Länder in Europa mit ausgezeichnetem Wachstum, zum Beispiel Italien, wo wir gegenüber 2003 über 10 % zulegen werden. Fazit: Wir sind also keineswegs nur von der Baukonjunktur in Deutschland abhängig.

DVI: Welche Erwartungen haben Sie für das kommende Jahr?

Herr Weiß: Wir glauben, dass wir trotz der anhaltend schwierigen Lage am deutschen Markt unsere Inlandsumsätze halten können. Wir haben einige neue Produkte auf den Markt gebracht, von denen wir uns Umsatzbeiträge erwarteten. Als Beispiel sind Lösungen für das Bauen im Bestand zu nennen, wo wir den Architekten dabei unterstützen, Gebäude zu vermessen, für die keine Pläne mehr existieren. Dabei setzen wir auf die Kombination unserer CAD-Software und eines laserbasierten Distographs, oder auch der Photogrammetrie. Die Wachstumschancen sehen wir im internationalen Geschäft, insbesondere bei der AUER Bausoftware, der Nemetschek North America und unseren internationalen Vertriebsgesellschaften. Insgesamt erwarten wir in 2004 eine leichte Umsatzsteigerung. Beim Betriebergebnis wird ein Umsatzzuwachs aufgrund des geringen Anteils an variablen Kosten deutlich positiv durchschlagen. Aber nicht nur durch eine Umsatzsteigerung erwarten wir eine Ergebnisverbesserung, sondern auch durch die bereits angesprochenen Maßnahmen im Geschäftsfeld Nutzen.

DVI: Können Sie das bitte in Ergebnis je Aktie in 2005 – exklusive Goodwill-Abschreibungen (also nach der neuen IFRS-Methode) – quantifizieren?

Herr Weiß: Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr bei Umsatz und Betriebsergebnis auf Vorjahresniveau liegen werden. Gleichermaßen dürfte das Nettoergebnis (nach Firmenwert-abschreibungen) an den Vorjahreswert anknüpfen, der bei 0,41 Euro je Aktie lag. Leider schauen viele Anleger und auch teilweise Finanzexperten nur auf das Nettoergebnis je Aktie und leiten daraus das Kurs-Gewinn-Verhältnis ab. Das ist zwar formal richtig, aber andererseits auch nur die Hälfte der Wahrheit, da über die Ergebnisqualität nichts ausgesagt wird. Ein Beispiel ist die Abschreibung von Firmenwerten. In 2004 werden wir hier aus Gründen der Kontinuität und der Vergleichbarkeit – wie in den Vorjahren – die Firmenwerte planmäßig abschreiben. Dies belastet das Nettoergebnis mit gut 3 Mio. Euro. Andere Unternehmen haben jedoch ihre Bilanzierung während des Jahres auf die neuen IFRS Richtlinien, nach der diese Abschreibung künftig entfällt, umgestellt und die planmäßige Abschreibung von Firmenwerten beendet. Ab 2005 werden wir unsere Bilanzierung umstellen, so dass dann der Jahresüberschuss allein aufgrund dieses Effekts um über 3 Mio. EUR höher ausfallen wird. Je Aktie sind das übrigens über 0,30 Euro. Insgesamt wird von Analysten für das nächste Jahr ein Gewinnanstieg auf rund 90 Cents je Aktie geschätzt. Im übrigen wird man auch bei genauerer Betrachtung unserer Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung erkennen, dass wir eine äußerst konservative Bilanzierungspolitik verfolgen.

DVI: Branchenkenner bezeichnen Sie auch als „kleine Bank mit angehängtem Geschäftsbetrieb“. Wollen Sie nicht den Aktionären einen Teil Ihrer 40 Mio. Euro Liquidität ausschütten oder hier einen attraktiveren Kurs fahren, anstelle nur Festgeld anzulegen?

Herr Weiß: Wir haben angekündigt, den gesamten Gewinn der Nemetschek AG des Geschäfts-jahres 2004 als Dividende auszuschütten und dabei eine Dividendenhöhe von 0,40 – 0,50 Cents in Aussicht gestellt. Daran halten wir fest. Auch in Zukunft wollen wir eine kontinuierliche Dividendenpolitik verfolgen. Zu beachten ist dabei, dass es der Gewinn der Nemetschek AG ist, der zur Ausschüttung kommt, und nicht der Konzerngewinn, den wir im Geschäftsbericht ausweisen. Die Erträge der Nemetschek AG als Holdinggesellschaft resultieren im Wesentlichen aus Gewinnausschüttungen von Tochtergesellschaften für 2003 sowie aus Ergebnisabführungs-verträgen, die mit 3 Tochtergesellschaften bestehen.

DVI: Wenn man die liquiden Mittel abzieht, dann wird Ihr ganzer Geschäftsbetrieb mit 21 operativ tätigen Mehrheitsbeteiligungen gerade mal mit rund 36 Mio. Euro bewertet. Welche Gründe sehen Sie, dass der Kapitalmarkt Sie nicht versteht?

Herr Weiß: Wir sehen hier verschiedene Gründe, die die Anleger zögern lassen. Einer davon ist sicherlich, dass wir in den vergangenen Jahren durch unbefriedigende Ergebnisse aus dem Fokus geraten sind und die guten Ergebnisse des Jahres 2003 und der ersten drei Quartale 2004 nur von wenigen Anlegern wahrgenommen wurden.

Ganz anders im institutionellen Bereich. Hier ist das Interesse sehr hoch, allerdings werden an den Börsen zu wenige Stücke unserer Aktie aktiv gehandelt, so dass sich institutionelle Investoren schwer tun, ein von der Größenordnung sinnvolles Aktienpaket zu erwerben.

DVI: Was wollen Sie künftig anders machen?

Herr Weiß: Wir tun bereits jetzt schon viel, beispielsweise präsentieren wir uns auf verschiedenen Veranstaltungen, und das Interesse an Nemetschek nimmt stetig zu. Beispielsweise auf dem Eigenkapitalforum am 23.11.2004 hatten wir eine hervorragende Resonanz. Auch arbeiten wir hart daran, unsere guten Ergebnisse auch international zu verbreiten, beispielsweise in England und in der Schweiz gibt es ein großes Interesse an unserer Aktie. Im Januar wird es eine Research-studie über Nemetschek geben, die den Anlegern das Unternehmen noch transparenter machen soll und eine unabhängige Meinung darstellt. Wenn im nächsten Jahr die Firmenwertabschreibun-gen entfallen und dadurch unser Nettoergebnis in die Höhe katapultiert wird, werden die Inves-toren auch unmittelbar die günstige Bewertung feststellen. Schließlich wird auch die attraktive Dividende eine positive Wirkung auf die Aktienentwicklung haben. Sie sehen also, wir tun schon sehr viel, um auf uns aufmerksam zu machen, und dieses Interview ist ebenfalls eine Maßnahme in diese Richtung.

DVI: Wo sehen Sie den fairen Wert Ihrer Aktie?

Herr Weiß: Das überlasse ich dem Kapitalmarkt. Auf dem erwarteten Jahresüberschuss 2004 von rund 0,75 Cents je Aktie inklusive Firmenwertabschreibungen beträgt das KGV circa 10 und wird sich voraussichtlich weiter reduzieren. Die Liquidität beträgt zum 30.9.04 über 3,50 Euro je Aktie, sichert also knapp 50 % der Marktkapitalisierung. Und wir werden auch weiterhin einen hohen Cashflow erwirtschaften und wir halten eine nachhaltige Steigerung der liquiden Mittel von rund 1 Euro je Aktie pro Jahr (vor Ausschüttungen) durchaus im Bereich des Möglichen. Sie sehen, die fundamentalen Daten sind günstig, und ich bin überzeugt, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis der Markt das mit höheren Kursen auch honorieren wird.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.

http://www.das-vorstandsinterview.de