Nemetschek AG
Interviewpartner: Gerhard Weiß, Vorstandsvorsitzender
Das Interview wurde am 18.12.04 geführt.
Hintergrund:
Die Münchner Nemetschek AG ist Europas größter Hersteller
von Software für die Baubranche. Im Jahr 2002 wurde die Bilanz
richtig bereinigt und alle Vergangenheitslasten aus den Zeiten des Neuen
Marktes abgeschrieben. Schon im vergangenen Jahr konnte das Unternehmen
ein Ergebnis je Aktie von 41 Cent (nach Firmenwertabschreibungen) und
von 75 Cent (vor Firmenwertabschreibungen) erzielen. Dies war ein Swing
im Ergebnis je Aktie von 1,47 Euro. Nach Analystenschätzungen wird
das Ergebnis im kommenden Jahr um zirka 17% steigen. Besonders bemerkenswert
bei Nemetschek ist, dass die liquiden Mittel aus dem freien Cashflow
pro Jahr um mindestens 8 Mio. Euro wachsen. Zum Jahresende 2004 wird
Nemetschek daher einen Kassenbestand von knapp 40 Mio. Euro aufweisen,
was 4,15 Euro Cash je Aktie entspricht. Wir haben den Vorstands-vorsitzenden,
Herrn Gerhard Weiß, zu den mittelfristigen Geschäftsaussichten
befragt.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Weiß, bitte
erläutern Sie unseren Lesern die drei Säulen Ihres Geschäftsmodells.
Herr Weiß: Mit unseren Lösungen decken wir
den gesamten Prozess ab: Vom „Planen“ über das „Bauen“
bis hin zum langjährigen „Nutzen“ von Gebäuden
und Immobilien. Beginnen wir beim Bereich Planen und stellen Sie sich
die viel zitierte „grüne Wiese“ vor. Bereits an dieser
Stelle bieten wir Produkte für den Entwurf und schnelle, computergestützte
Skizzen. Das Ganze mündet dann mit Hilfe von CAD-Software in die
Werks- und Ausführungsplanung, dann muss ein Ingenieur u. a. die
Statik berechnen. Es gilt auch, das Gebäude energietechnisch zu
prüfen und zu optimieren. Eine hohe Bedeutung kommt ebenfalls einer
möglichst genauen Kostenschätzung zu.
Nach Abschluss der Planung führt der Architekt
die Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung durch. Als nächstes kommen
die Bauunternehmen ins Spiel. Hier bieten wir Komplettlösungen
für die kaufmännische Verwaltung (ERP-Systeme) und Baukalkulation
an. Nach Fertigstellung des Gebäudes führen Facility- und
Immobilienmanager die technisch/infrastrukturelle und kauf-männische
Verwaltung durch.
All diese Aufgaben, und noch ein paar mehr, decken
wir mit unseren Softwarelösungen ab, und das mit Schwerpunkt Europa
– insbesondere natürlich Deutschland. Aber wir haben auch
Programme, die weltweit vermarktet werden. Nemetschek steht im Markt
für die Kompetenz-führerschaft bei Software für die Baubranche
in wesentlichen Teilen der Welt.
DVI: Wie waren Sie mit dem Neunmonatsabschluss zum
30.09.2004 zufrieden, und was werden Sie künftig anders machen?
Herr Weiß: Nun, wir haben unsere Erwartungen
nicht ganz getroffen. Statt eines Umsatzes auf Vorjahresniveau hatten
wir eine leichte Steigerung erwartet und eine weitere Verbesserung des
Ergebnisses. Während wir im Ausland zulegen konnten, hat uns der
deutsche Markt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vor dem Hintergrund,
dass sich die wirtschaftliche Lage der deutschen Bauwirtschaft entgegen
allen Prognosen deutlich verschlechtert hat, haben wir uns jedoch sehr
gut geschlagen mit Umsatzerlösen von 68,4 Mio. EUR und einem Nettoergebnis
von 4,3 Mio. EUR vor Firmenwertabschreibungen. Wenn wir in die Zukunft
blicken, so werden sich Änderungen beispielsweise in unserem Geschäftsfeld
„Nutzen“ ergeben. Hier haben wir Ende November 2004 die
Durchführung von Restrukturierungsmaßnahmen bekannt gegeben,
und wir erwarten, dass das Geschäftsfeld nach einem Verlust von
über 1,5 Mio. EUR in 2004 im nächsten Jahr wieder schwarze
Zahlen schreiben wird.
DVI: Welche Erwartungen haben Sie für das gesamte
Geschäftsjahr 2004?
Herr Weiß: Für das Gesamtjahr erwarten wir,
dass wir an das gute Ergebnis des Vorjahres anknüpfen können.
Hier erzielten wir bei Umsatzerlösen von 95,6 Mio. EUR ein EBIT
bei 5,6 Mio. EUR und das EBITDA lag sogar bei 13,5 Mio. EUR. Vielleicht
können wir beim Betriebsergebnis sogar leicht zulegen. Wichtig
ist dabei, dass wir nicht nur auf dem Papier die Gewinne erzielen, sondern
auch in barer Münze auf unserem Konto. So haben wir zum 30.9.2004
unsere liquiden Mittel um knapp 7 Mio. EUR im Vergleich zum Jahresbeginn
vermehrt.
DVI: Wie ist es möglich, dass Sie im Segment „Bauen“
vor dem Hintergrund der schlechten Baukonjunktur in Deutschland eine
außergewöhnlich hohe EBIT-Marge von knapp 23% erzielen können?
Herr Weiß: Im Segment “Bauen“ haben
wir zwei Standbeine, eines davon ist die Nemetschek Bausoftware GmbH
in Deutschland, das andere die ING. AUER – Die Bausoftware GmbH
in Österreich. Beide haben in ihren Märkten eine hervorragende
Positionierung und sind sehr profitabel. Insbesondere die AUER Bausoftware
weist eine weit überdurchschnittliche Rentabilität auf. Übrigens
hat AUER einen Marktanteil von über 80 % in Österreich.
DVI: Sie haben mit der ING. AUER – die Bausoftware
GmbH in Mondsee – ja eine regelrechte „Goldgrube“.
Was ist das Geheimnis dieser Gesellschaft?
Herr Weiß: Wie ich schon sagte, ist AUER in Österreich
ausgezeichnet positioniert. Das Kernprodukt AUER Success ist äußerst
einfach zu erlernen, intuitiv zu bedienen und sehr schnell in der Anwendung.
Die Gesamtkosten, die dem Kunden durch die Nutzung der Software entstehen,
die so genannten „total cost of ownership“, sind also sehr
niedrig, und das wird im Markt immer wichtiger. AUER Success trifft
damit den Nerv der Zeit und hat dadurch den Markt revolutioniert. Ich
bin sicher, dass die Erfolgsgeschichte auch in Zukunft weitergeht. Großes
Potenzial sehe ich dabei in Deutschland, wo AUER bislang nur mit einem
Umsatzanteil von rund 7 % präsent ist.
DVI: Bitte schildern Sie uns Ihre „Highlights“
im Auslandsgeschäft, das immerhin 47 % Ihres Umsatzes ausmacht.
Herr Weiß: Sicherlich gehört dazu die gerade
erwähnte AUER Bausoftware, die im laufenden Jahr zweistellig im
Umsatz und im Ertrag etwas überproportional zulegen wird. Sehr
gut verläuft auch das Geschäft bei unserer amerikanischen
Tochter der Nemetschek North America, deren CAD-Software VectorWorks
insbesondere bei Architekten weltweit sehr erfolgreich ist. Beispielsweise
werden rund 20 % der Umsätze in Asien, speziell Japan, getätigt.
Für das laufende Jahr rechnen wir bei der Nemetschek North America
mit einem Umsatzwachstum von knapp 10 %. Der einzige Wermutstropfen
ist, dass hier der fallende US-Dollar die auf Euro-Basis konsolidierten
Umsätze drückt. Aber auch im internationalen Vertrieb unserer
CAD-Lösung Allplan gibt es Länder in Europa mit ausgezeichnetem
Wachstum, zum Beispiel Italien, wo wir gegenüber 2003 über
10 % zulegen werden. Fazit: Wir sind also keineswegs nur von der Baukonjunktur
in Deutschland abhängig.
DVI: Welche Erwartungen haben Sie für das kommende
Jahr?
Herr Weiß: Wir glauben, dass wir trotz der anhaltend
schwierigen Lage am deutschen Markt unsere Inlandsumsätze halten
können. Wir haben einige neue Produkte auf den Markt gebracht,
von denen wir uns Umsatzbeiträge erwarteten. Als Beispiel sind
Lösungen für das Bauen im Bestand zu nennen, wo wir den Architekten
dabei unterstützen, Gebäude zu vermessen, für die keine
Pläne mehr existieren. Dabei setzen wir auf die Kombination unserer
CAD-Software und eines laserbasierten Distographs, oder auch der Photogrammetrie.
Die Wachstumschancen sehen wir im internationalen Geschäft, insbesondere
bei der AUER Bausoftware, der Nemetschek North America und unseren internationalen
Vertriebsgesellschaften. Insgesamt erwarten wir in 2004 eine leichte
Umsatzsteigerung. Beim Betriebergebnis wird ein Umsatzzuwachs aufgrund
des geringen Anteils an variablen Kosten deutlich positiv durchschlagen.
Aber nicht nur durch eine Umsatzsteigerung erwarten wir eine Ergebnisverbesserung,
sondern auch durch die bereits angesprochenen Maßnahmen im Geschäftsfeld
Nutzen.
DVI: Können Sie das bitte in Ergebnis je Aktie
in 2005 – exklusive Goodwill-Abschreibungen (also nach der neuen
IFRS-Methode) – quantifizieren?
Herr Weiß: Wir gehen davon aus, dass wir in diesem
Jahr bei Umsatz und Betriebsergebnis auf Vorjahresniveau liegen werden.
Gleichermaßen dürfte das Nettoergebnis (nach Firmenwert-abschreibungen)
an den Vorjahreswert anknüpfen, der bei 0,41 Euro je Aktie lag.
Leider schauen viele Anleger und auch teilweise Finanzexperten nur auf
das Nettoergebnis je Aktie und leiten daraus das Kurs-Gewinn-Verhältnis
ab. Das ist zwar formal richtig, aber andererseits auch nur die Hälfte
der Wahrheit, da über die Ergebnisqualität nichts ausgesagt
wird. Ein Beispiel ist die Abschreibung von Firmenwerten. In 2004 werden
wir hier aus Gründen der Kontinuität und der Vergleichbarkeit
– wie in den Vorjahren – die Firmenwerte planmäßig
abschreiben. Dies belastet das Nettoergebnis mit gut 3 Mio. Euro. Andere
Unternehmen haben jedoch ihre Bilanzierung während des Jahres auf
die neuen IFRS Richtlinien, nach der diese Abschreibung künftig
entfällt, umgestellt und die planmäßige Abschreibung
von Firmenwerten beendet. Ab 2005 werden wir unsere Bilanzierung umstellen,
so dass dann der Jahresüberschuss allein aufgrund dieses Effekts
um über 3 Mio. EUR höher ausfallen wird. Je Aktie sind das
übrigens über 0,30 Euro. Insgesamt wird von Analysten für
das nächste Jahr ein Gewinnanstieg auf rund 90 Cents je Aktie geschätzt.
Im übrigen wird man auch bei genauerer Betrachtung unserer Bilanz
und der Gewinn- und Verlustrechnung erkennen, dass wir eine äußerst
konservative Bilanzierungspolitik verfolgen.
DVI: Branchenkenner bezeichnen Sie auch als „kleine
Bank mit angehängtem Geschäftsbetrieb“. Wollen Sie nicht
den Aktionären einen Teil Ihrer 40 Mio. Euro Liquidität ausschütten
oder hier einen attraktiveren Kurs fahren, anstelle nur Festgeld anzulegen?
Herr Weiß: Wir haben angekündigt, den gesamten
Gewinn der Nemetschek AG des Geschäfts-jahres 2004 als Dividende
auszuschütten und dabei eine Dividendenhöhe von 0,40 –
0,50 Cents in Aussicht gestellt. Daran halten wir fest. Auch in Zukunft
wollen wir eine kontinuierliche Dividendenpolitik verfolgen. Zu beachten
ist dabei, dass es der Gewinn der Nemetschek AG ist, der zur Ausschüttung
kommt, und nicht der Konzerngewinn, den wir im Geschäftsbericht
ausweisen. Die Erträge der Nemetschek AG als Holdinggesellschaft
resultieren im Wesentlichen aus Gewinnausschüttungen von Tochtergesellschaften
für 2003 sowie aus Ergebnisabführungs-verträgen, die
mit 3 Tochtergesellschaften bestehen.
DVI: Wenn man die liquiden Mittel abzieht, dann wird
Ihr ganzer Geschäftsbetrieb mit 21 operativ tätigen Mehrheitsbeteiligungen
gerade mal mit rund 36 Mio. Euro bewertet. Welche Gründe sehen
Sie, dass der Kapitalmarkt Sie nicht versteht?
Herr Weiß: Wir sehen hier verschiedene Gründe,
die die Anleger zögern lassen. Einer davon ist sicherlich, dass
wir in den vergangenen Jahren durch unbefriedigende Ergebnisse aus dem
Fokus geraten sind und die guten Ergebnisse des Jahres 2003 und der
ersten drei Quartale 2004 nur von wenigen Anlegern wahrgenommen wurden.
Ganz anders im institutionellen Bereich. Hier ist das
Interesse sehr hoch, allerdings werden an den Börsen zu wenige
Stücke unserer Aktie aktiv gehandelt, so dass sich institutionelle
Investoren schwer tun, ein von der Größenordnung sinnvolles
Aktienpaket zu erwerben.
DVI: Was wollen Sie künftig anders machen?
Herr Weiß: Wir tun bereits jetzt schon viel,
beispielsweise präsentieren wir uns auf verschiedenen Veranstaltungen,
und das Interesse an Nemetschek nimmt stetig zu. Beispielsweise auf
dem Eigenkapitalforum am 23.11.2004 hatten wir eine hervorragende Resonanz.
Auch arbeiten wir hart daran, unsere guten Ergebnisse auch international
zu verbreiten, beispielsweise in England und in der Schweiz gibt es
ein großes Interesse an unserer Aktie. Im Januar wird es eine
Research-studie über Nemetschek geben, die den Anlegern das Unternehmen
noch transparenter machen soll und eine unabhängige Meinung darstellt.
Wenn im nächsten Jahr die Firmenwertabschreibun-gen entfallen und
dadurch unser Nettoergebnis in die Höhe katapultiert wird, werden
die Inves-toren auch unmittelbar die günstige Bewertung feststellen.
Schließlich wird auch die attraktive Dividende eine positive Wirkung
auf die Aktienentwicklung haben. Sie sehen also, wir tun schon sehr
viel, um auf uns aufmerksam zu machen, und dieses Interview ist ebenfalls
eine Maßnahme in diese Richtung.
DVI: Wo sehen Sie den fairen Wert Ihrer Aktie?
Herr Weiß: Das überlasse ich dem Kapitalmarkt.
Auf dem erwarteten Jahresüberschuss 2004 von rund 0,75 Cents je
Aktie inklusive Firmenwertabschreibungen beträgt das KGV circa
10 und wird sich voraussichtlich weiter reduzieren. Die Liquidität
beträgt zum 30.9.04 über 3,50 Euro je Aktie, sichert also
knapp 50 % der Marktkapitalisierung. Und wir werden auch weiterhin einen
hohen Cashflow erwirtschaften und wir halten eine nachhaltige Steigerung
der liquiden Mittel von rund 1 Euro je Aktie pro Jahr (vor Ausschüttungen)
durchaus im Bereich des Möglichen. Sie sehen, die fundamentalen
Daten sind günstig, und ich bin überzeugt, dass es nicht mehr
lange dauern wird, bis der Markt das mit höheren Kursen auch honorieren
wird.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de