Intershop Communications AG
Interviewpartner: Dr. Jürgen Schöttler, Vorstandsvorsitzender
Das Interview wurde am 10.12.04 geführt. Kurs am 10.12.04 bei 0,74
Euro.
Hintergrund:
Intershop emittiert in diesen Tagen eine äußerst attraktive
Wandelanleihe, die von Intershop-Aktionären über das Bezugsrecht
erworben werden kann. Doch warum bietet die Wandelanleihe eine einmalige
Investitionsmöglichkeit?
DAS VORSTANDSINTERVIEW (DVI): Herr Schöttler,
ein weiteres Jahr der Restrukturierung geht für Intershop zu Ende.
Wie geht es Ihrem Unternehmen? Welche Bilanz können Sie ziehen?
SCHÖTTLER: Im Rahmen der Restrukturierung von
Intershop wurden in den vergangenen Jahren einschneidende Maßnahmen
ergriffen. Ein massiver Personalabbau auf mittlerweile weltweit 230
Mitarbeiter war wesentlicher Teil der Konsolidierung des Unternehmens.
Intershop konzentriert sich heute mit seinem Direktvertrieb allein auf
den deutschen und US-amerikanischen Markt. Weitere Schlüsselmärkte
in Europa und Asien werden über Vertriebspartner bedient. Die juristische
Unternehmensstruktur von Intershop wurde vereinfacht. Nicht zuletzt
haben wir als einziges deutsches Unternehmen ein Nasdaq-Delisting und
eine SEC-Deregistrierung erreicht. Insgesamt ist es uns gelungen, die
Kosten seit 2002 drastisch zu reduzieren: von 25,6 Mio. Euro im Q1 2002
auf 6,1 Mio. Euro im Q3 2004.
DVI: Bleiben offene Punkte beim Thema Restrukturierung?
SCHÖTTLER: Wir haben nahezu alle unsere Altlasten
aus der Hype-Phase gelöst. Noch nicht ganz abgeschlossen sind die
Probleme der langfristigen Anmietung des Intershop Towers in Jena sowie
des bestehenden Class-Action-Verfahrens in den USA. Vor allem beim Tower-Problem
bin ich optimistisch, dass wir mit dem Vermieter bald zu einer einvernehmlichen
Lösung kommen. Sicherlich wird es weitere Kosteneinsparungen bis
zu 20 Prozent und einige Personalanpassungen geben.
DVI: Intershop ist als Anbieter von E-Commerce-Software
in einem Geschäftsfeld tätig, dass sich ständig weiterentwickelt.
Haben Sie Ihr Produkt im Rahmen der massiven Kostenreduzierung nicht
aus den Augen verloren?
SCHÖTTLER: Unsere Restrukturierungsmaßnahmen
zielten stets auch darauf ab, die technische Kompetenz des Unternehmens
zu bewahren. Ein Softwareunternehmen muss ständig seine Produkte
weiterentwickeln, um im Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich
gebe Ihnen recht: es wäre fatal, wenn sich ein Unternehmen in seiner
Kernkompetenz zu Tode spart. Das ist bei Intershop keineswegs der Fall,
im Gegenteil: zur CeBIT 2004 präsentierten wir mit einer brand-neuen
Software Enfinity Suite 6 ein Produkt, das verschiedene Individualsysteme
bzw. -anwen-dungen konsolidiert. In puncto Produkte und Technologie
bekommen wir seit Jahren sehr gute Bewertungen. Das wird sich auch in
Zukunft nicht ändern.
DVI: Mit der Ausgabe einer Wandelanleihe führt
Intershop in diesem Jahr bereits die dritte Kapitalmaßnahme durch.
Bei einem von Ihnen prognostizierten Jahresverlust von 4 bis 5 Mio.
Euro stellt sich die Frage: überlebt Ihr Unternehmen allein durch
Kapitalbeschaffungs-maßnahmen?
SCHÖTTLER: Das Unternehmen Intershop ist jetzt
effizient aufgestellt, voll zahlungsfähig und schuldenfrei. Die
Gesamtliquidität betrug zum 30. September 2004 insgesamt 10,3 Mio.
Euro, davon waren rund 3,6 Mio. Euro frei verfügbar. Das genügt,
um im laufenden Tagesgeschäft voll funktionsfähig zu sein.
Für große Entwicklungssprünge und Investitionen reicht
es allerdings nicht aus. In den vergangenen Monaten stellte sich für
uns auch das Problem, dass unsere Kunden zunehmend die langfristige
finanzielle Stabilität von Intershop in Frage stellten. Allein
die Tatsache, dass zum einen unsere großen Bestandskunden wie
Otto, die Deutsche Telekom oder Tchibo große Umsatzzuwächse
im Online-Geschäft verbuchen und nach wie vor uneingeschränkt
zu uns stehen, zum anderen unsere Software in Rankings technologisch
weit vorne liegt, reicht als Argumentation nicht aus. Unsere Position
bei potenziellen Kunden wäre deutlich besser, wenn unser Barmittelbestand
größer wäre.
DVI: Welche Konditionen sind mit der Wandelschuldverschreibung
im einzelnen verbunden?
SCHÖTTLER: Die Nullkupon-Wandelanleihe umfasst
ein Gesamtvolumen von bis zu 20 Mio. Euro. Sie hat eine Laufzeit bis
15. Dezember 2008 und eine effektive Verzinsung von 10 Prozent p.a.,
so dass zum Ende der Laufzeit eine Rückzahlung zu 146 Prozent erfolgt.
Jede Teilwandelschuld-verschreibung im Nennwert von 1,00 Euro kann in
eine Stückaktie umgetauscht werden. Dieses Umtauschverhältnis
bleibt auch im Falle einer geplanten Kapitalherabsetzung unberührt.
Das heißt, die „Wandelanleihe ist im Geld“. Hierzu
ein Beispiel: Wenn es bei einem Kurs der Intershop-Aktie von 0,74 Euro
zu einer Kapitalherabsetzung von 2:1 kommt, dann wäre der rechnerische
Kurs der Aktie nach Kapitalherabsetzung bei 1,48 Euro. Inhaber der Wandelanleihe
könnten die Aktie trotzdem zu lediglich 1,00 Euro beziehen bzw.
tauschen, also mit einem Abschlag von 32 Prozent. Bei einer Kapitalherabsetzung
3:1 wäre der Abschlag sogar bei 54 Prozent.
DVI: Wie wären die Zeichner der Wandelanleihe
im schlimmsten Falle – der Insolvenz des Unternehmens –
abgesichert?
SCHÖTTLER: Die Wandelanleihe ist mit den Rechten
an der Intershop-Software besichert.
DVI: Hat Intershop ein Problem, wenn ein Mindestemissionserlös
von 5 Mio. Euro nicht zustande kommt?
SCHÖTTLER: Sollte dieses Mindestemissionsvolumen
nicht erreicht werden, erfolgt eine Rückabwicklung. Die Lage des
Unternehmens würde sich in Bezug zur aktuellen Situation nicht
maßgeblich verändern. Intershop würde auch in einem
solchen Fall als Unternehmen voll funktionsfähig sein. Ich gehe
davon aus, dass wir im kommenden Jahr keine Verluste mehr schreiben.
Wir hätten allerdings beim Thema Kundengewinnung die gleichen Argumentations-probleme
wie im Moment. Ich gehe allerdings davon aus, dass wir vor diesem Problem
nicht stehen werden. Unsere emissionsbegleitende Bank, die VEM Aktienbank
AG, hat diese Art von Kapitalmaßnahmen in der Vergangenheit schon
häufig erfolgreich durchgeführt und verfügt über
eine große Erfahrung. Sie ist sehr zuversichtlich, dass Intershop
der Mindestemissionserlös von 5 Mio. Euro zufließen wird.
DVI: Wird das Intershop-Management in die Wandelanleihe
investieren?
SCHÖTTLER: Ja, sowohl das Management als auch
Intershop-Mitarbeiter beteiligen sich an der Wandelanleihe.
DVI: Wann wird Intershop wieder Neukunden gewinnen
und Umsatzzuwächse verzeichnen?
SCHÖTTLER: Wir haben auch im laufenden Geschäftsjahr
mit NetCologne, smart, der Dänischen Telekom, Ministerien aus den
Niederlanden und aus Norwegen sowie mit dem Mittelständler Mindfactory
eine Reihe namhafter Neukunden gewonnen. Hinzu kam, dass wichtige Bestands-kunden
ihr Online-Geschäft massiv ausbauten und dementsprechend erneut
in neuere Intershop-Software-Lizenzen und Services investierten. Richtig
ist, dass unser Neukundengeschäft momen-tan nur etwa ein Drittel
des Gesamtumsatzes mit Lizenzen ausmacht. Der restliche Lizenz-Umsatz
wird über Bestandskunden erzielt. Diese Situation ist aber nicht
Intershop-spezifisch. Auch unsere Wettbewerber stehen vor der gleichen
Situation. Wir befinden uns nach wie vor in einem schwierigen Marktumfeld.
Da wir Investitionsgüter herstellen, sind wir von der Investitions-bereitschaft
großer Unternehmen abhängig.
DVI: Was wird aus Intershop im Jahr 2005?
SCHÖTTLER: Mit dem frischen Kapital aus der aktuellen
Bezugsemission werden wir in den Vertrieb investieren, neue Mitarbeiter
einstellen. In dem Bereich besteht großer Nachholbedarf. Unser
neuer Vertriebsvorstand Ralf Männlein, der seit Juli 2004 das Intershop-Management
verstärkt, hat bei der Umstrukturierung der Vertriebsorganisation
bereits große Fortschritte erzielt. Mit zusätzlichen Produktangeboten,
die preislich und technologisch auch für den Mittelstand attraktiv
sind, wollen wir in diesem Segment punkten. Das bedeutet aber keineswegs,
dass sich Intershop vom Markt der Großkunden zurückzieht.
Bestehende Großkunden sollen sukzessive auf Intershops aktuelle
Software Enfinity Suite 6 migrieren, um im Wettbewerb mithalten zu können.
Kurzum: wir werden im Jahr 2005 schwarze Zahlen schreiben.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de