13.12.04  DAS VORSTANDSINTERVIEW
Intershop Communications AG

Interviewpartner: Dr. Jürgen Schöttler, Vorstandsvorsitzender
Das Interview wurde am 10.12.04 geführt. Kurs am 10.12.04 bei 0,74 Euro.

Intershop HomepageHintergrund: Intershop emittiert in diesen Tagen eine äußerst attraktive Wandelanleihe, die von Intershop-Aktionären über das Bezugsrecht erworben werden kann. Doch warum bietet die Wandelanleihe eine einmalige Investitionsmöglichkeit?

DAS VORSTANDSINTERVIEW (DVI): Herr Schöttler, ein weiteres Jahr der Restrukturierung geht für Intershop zu Ende. Wie geht es Ihrem Unternehmen? Welche Bilanz können Sie ziehen?

SCHÖTTLER: Im Rahmen der Restrukturierung von Intershop wurden in den vergangenen Jahren einschneidende Maßnahmen ergriffen. Ein massiver Personalabbau auf mittlerweile weltweit 230 Mitarbeiter war wesentlicher Teil der Konsolidierung des Unternehmens. Intershop konzentriert sich heute mit seinem Direktvertrieb allein auf den deutschen und US-amerikanischen Markt. Weitere Schlüsselmärkte in Europa und Asien werden über Vertriebspartner bedient. Die juristische Unternehmensstruktur von Intershop wurde vereinfacht. Nicht zuletzt haben wir als einziges deutsches Unternehmen ein Nasdaq-Delisting und eine SEC-Deregistrierung erreicht. Insgesamt ist es uns gelungen, die Kosten seit 2002 drastisch zu reduzieren: von 25,6 Mio. Euro im Q1 2002 auf 6,1 Mio. Euro im Q3 2004.

DVI: Bleiben offene Punkte beim Thema Restrukturierung?

SCHÖTTLER: Wir haben nahezu alle unsere Altlasten aus der Hype-Phase gelöst. Noch nicht ganz abgeschlossen sind die Probleme der langfristigen Anmietung des Intershop Towers in Jena sowie des bestehenden Class-Action-Verfahrens in den USA. Vor allem beim Tower-Problem bin ich optimistisch, dass wir mit dem Vermieter bald zu einer einvernehmlichen Lösung kommen. Sicherlich wird es weitere Kosteneinsparungen bis zu 20 Prozent und einige Personalanpassungen geben.

DVI: Intershop ist als Anbieter von E-Commerce-Software in einem Geschäftsfeld tätig, dass sich ständig weiterentwickelt. Haben Sie Ihr Produkt im Rahmen der massiven Kostenreduzierung nicht aus den Augen verloren?

SCHÖTTLER: Unsere Restrukturierungsmaßnahmen zielten stets auch darauf ab, die technische Kompetenz des Unternehmens zu bewahren. Ein Softwareunternehmen muss ständig seine Produkte weiterentwickeln, um im Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich gebe Ihnen recht: es wäre fatal, wenn sich ein Unternehmen in seiner Kernkompetenz zu Tode spart. Das ist bei Intershop keineswegs der Fall, im Gegenteil: zur CeBIT 2004 präsentierten wir mit einer brand-neuen Software Enfinity Suite 6 ein Produkt, das verschiedene Individualsysteme bzw. -anwen-dungen konsolidiert. In puncto Produkte und Technologie bekommen wir seit Jahren sehr gute Bewertungen. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

DVI: Mit der Ausgabe einer Wandelanleihe führt Intershop in diesem Jahr bereits die dritte Kapitalmaßnahme durch. Bei einem von Ihnen prognostizierten Jahresverlust von 4 bis 5 Mio. Euro stellt sich die Frage: überlebt Ihr Unternehmen allein durch Kapitalbeschaffungs-maßnahmen?

SCHÖTTLER: Das Unternehmen Intershop ist jetzt effizient aufgestellt, voll zahlungsfähig und schuldenfrei. Die Gesamtliquidität betrug zum 30. September 2004 insgesamt 10,3 Mio. Euro, davon waren rund 3,6 Mio. Euro frei verfügbar. Das genügt, um im laufenden Tagesgeschäft voll funktionsfähig zu sein. Für große Entwicklungssprünge und Investitionen reicht es allerdings nicht aus. In den vergangenen Monaten stellte sich für uns auch das Problem, dass unsere Kunden zunehmend die langfristige finanzielle Stabilität von Intershop in Frage stellten. Allein die Tatsache, dass zum einen unsere großen Bestandskunden wie Otto, die Deutsche Telekom oder Tchibo große Umsatzzuwächse im Online-Geschäft verbuchen und nach wie vor uneingeschränkt zu uns stehen, zum anderen unsere Software in Rankings technologisch weit vorne liegt, reicht als Argumentation nicht aus. Unsere Position bei potenziellen Kunden wäre deutlich besser, wenn unser Barmittelbestand größer wäre.

DVI: Welche Konditionen sind mit der Wandelschuldverschreibung im einzelnen verbunden?

SCHÖTTLER: Die Nullkupon-Wandelanleihe umfasst ein Gesamtvolumen von bis zu 20 Mio. Euro. Sie hat eine Laufzeit bis 15. Dezember 2008 und eine effektive Verzinsung von 10 Prozent p.a., so dass zum Ende der Laufzeit eine Rückzahlung zu 146 Prozent erfolgt. Jede Teilwandelschuld-verschreibung im Nennwert von 1,00 Euro kann in eine Stückaktie umgetauscht werden. Dieses Umtauschverhältnis bleibt auch im Falle einer geplanten Kapitalherabsetzung unberührt. Das heißt, die „Wandelanleihe ist im Geld“. Hierzu ein Beispiel: Wenn es bei einem Kurs der Intershop-Aktie von 0,74 Euro zu einer Kapitalherabsetzung von 2:1 kommt, dann wäre der rechnerische Kurs der Aktie nach Kapitalherabsetzung bei 1,48 Euro. Inhaber der Wandelanleihe könnten die Aktie trotzdem zu lediglich 1,00 Euro beziehen bzw. tauschen, also mit einem Abschlag von 32 Prozent. Bei einer Kapitalherabsetzung 3:1 wäre der Abschlag sogar bei 54 Prozent.

DVI: Wie wären die Zeichner der Wandelanleihe im schlimmsten Falle – der Insolvenz des Unternehmens – abgesichert?

SCHÖTTLER: Die Wandelanleihe ist mit den Rechten an der Intershop-Software besichert.

DVI: Hat Intershop ein Problem, wenn ein Mindestemissionserlös von 5 Mio. Euro nicht zustande kommt?

SCHÖTTLER: Sollte dieses Mindestemissionsvolumen nicht erreicht werden, erfolgt eine Rückabwicklung. Die Lage des Unternehmens würde sich in Bezug zur aktuellen Situation nicht maßgeblich verändern. Intershop würde auch in einem solchen Fall als Unternehmen voll funktionsfähig sein. Ich gehe davon aus, dass wir im kommenden Jahr keine Verluste mehr schreiben. Wir hätten allerdings beim Thema Kundengewinnung die gleichen Argumentations-probleme wie im Moment. Ich gehe allerdings davon aus, dass wir vor diesem Problem nicht stehen werden. Unsere emissionsbegleitende Bank, die VEM Aktienbank AG, hat diese Art von Kapitalmaßnahmen in der Vergangenheit schon häufig erfolgreich durchgeführt und verfügt über eine große Erfahrung. Sie ist sehr zuversichtlich, dass Intershop der Mindestemissionserlös von 5 Mio. Euro zufließen wird.

DVI: Wird das Intershop-Management in die Wandelanleihe investieren?

SCHÖTTLER: Ja, sowohl das Management als auch Intershop-Mitarbeiter beteiligen sich an der Wandelanleihe.

DVI: Wann wird Intershop wieder Neukunden gewinnen und Umsatzzuwächse verzeichnen?

SCHÖTTLER: Wir haben auch im laufenden Geschäftsjahr mit NetCologne, smart, der Dänischen Telekom, Ministerien aus den Niederlanden und aus Norwegen sowie mit dem Mittelständler Mindfactory eine Reihe namhafter Neukunden gewonnen. Hinzu kam, dass wichtige Bestands-kunden ihr Online-Geschäft massiv ausbauten und dementsprechend erneut in neuere Intershop-Software-Lizenzen und Services investierten. Richtig ist, dass unser Neukundengeschäft momen-tan nur etwa ein Drittel des Gesamtumsatzes mit Lizenzen ausmacht. Der restliche Lizenz-Umsatz wird über Bestandskunden erzielt. Diese Situation ist aber nicht Intershop-spezifisch. Auch unsere Wettbewerber stehen vor der gleichen Situation. Wir befinden uns nach wie vor in einem schwierigen Marktumfeld. Da wir Investitionsgüter herstellen, sind wir von der Investitions-bereitschaft großer Unternehmen abhängig.

DVI: Was wird aus Intershop im Jahr 2005?

SCHÖTTLER: Mit dem frischen Kapital aus der aktuellen Bezugsemission werden wir in den Vertrieb investieren, neue Mitarbeiter einstellen. In dem Bereich besteht großer Nachholbedarf. Unser neuer Vertriebsvorstand Ralf Männlein, der seit Juli 2004 das Intershop-Management verstärkt, hat bei der Umstrukturierung der Vertriebsorganisation bereits große Fortschritte erzielt. Mit zusätzlichen Produktangeboten, die preislich und technologisch auch für den Mittelstand attraktiv sind, wollen wir in diesem Segment punkten. Das bedeutet aber keineswegs, dass sich Intershop vom Markt der Großkunden zurückzieht. Bestehende Großkunden sollen sukzessive auf Intershops aktuelle Software Enfinity Suite 6 migrieren, um im Wettbewerb mithalten zu können. Kurzum: wir werden im Jahr 2005 schwarze Zahlen schreiben.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.

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