Mensch und Maschine
Software AG
Interviewpartner: Adi Drotleff, Vorstandsvorsitzender
Gehaltene Aktien: 5.178.312 von 10.971.000, Gehaltene Optionen: 168.853
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Das Interview wurde am 01.12.04 geführt. Kurs am 02.12.04 bei 2,78 Euro.
Hintergrund:
Die Mensch und Maschine Software AG (MuM) wurde bereits 1984 von Herrn
Adi Drotleff, dem heutigen Vorstandsvor-sitzenden, gegründet. MuM
zählt mittlerweile zu den führenden europäischen Anbietern
auf dem Gebiet des CAD (Computer Aided Design). Im Jahr 2002 hat das
Unternehmen eine Technologieoffensive gestartet und ein Reihe von Software-Entwicklungsunternehmen
über-nommen. Dadurch wurde einerseits der Ertrag mit eigener Software-Technologie
gestärkt, anderseits aber auch erhebliche Zusatzkosten kreiert.
Diese Zusatzkosten haben Restruktu-rierungsmaßnahmen ausgelöst,
die schon in diesem Jahr abgeschlossen werden sollen. Die Betriebskosten
liegen heute ca. 15% niedriger als noch vor zwei Jahren. Für 2004
wird nach zwei Verlustjahren ein deutlich positives operatives Ergebnis
und der Break-Even im Nettoergebnis erwartet. Dabei soll der Umsatz
nach einem Rückgang um insgesamt 10% in den beiden Verlustjahren
wieder um 7% steigen. Wir haben Herrn Drotleff zu den mittelfristigen
Aussichten und Plänen für sein Unternehmen befragt.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Drotleff, bitte
schildern Sie unseren Lesern Ihr Drei-Säulen-
Geschäftsmodell.
Herr Drotleff: Wir sind innerhalb des CAD-Marktes relativ
breit aufgestellt und decken mit Maschinenbau, Architektur, Geographie
und Elektrotechnik fast alle erreichbaren Branchen ab. Das Drei-Säulen-Geschäftsmodell
bezeichnet, die in den letzten Jahren im Produktportfolio erfolgte Diversifizierung
in die drei Bereiche MuMTechnologie, und Standardlösungen der beiden
Marktführer Autodesk und PTC. Unsere Strategie ist hier, bezüglich
der CAD-Basistechnologie auf die Value-Added-Distribution (VAD) Autodesk
und PTC, also auf Standardlösungen zu setzen, während wir
uns mit unserer eigenen Software-Technologie auf Branchenlösungen
konzentrieren, die auf diese Standards aufbauen bzw. mit diesen kompatibel
sind.
DVI: Und wie verteilt sich der Rohertrag auf Ihre drei
Säulen?
Herr Drotleff: Wir haben jetzt eine recht stabile Verteilung
des Rohertrages von etwa 50/15/35% zwischen MuM, PTC und Autodesk erreicht.
Insgesamt sind wir mit dieser Aufteilung sehr zufrieden, zumal wenn
man bedenkt, dass wir vor 5 Jahren noch 90% unseres Rohertrags mit Autodesk-Produkten
erwirtschaftet haben. Aus dieser Abhängigkeit haben wir uns völlig
gelöst, ohne unser Gewicht im Autodesk-Markt allzusehr zu verringern.
Immerhin laufen 20-25% des gesamten Europa-Geschäfts von Autodesk
durch unsere Bücher.
DVI: Welches sind die bekanntesten Technologielösungen,
die von MuM selbst entwickelt wurden, und für welchen Kundenkreis
bzw. für welche Branchen bieten Sie hauptsächlich Lösungen
an?
Herr Drotleff: Wenn ich hier in der Reihenfolge der
Bedeutung für unser Geschäft aufzähle, dann kommen zuerst
die CAM-Lösungen von unseren Töchtern Open Mind und Euklid.
CAM steht für Computer Aided Manufacturing, also die rechnergestützte
Fertigung auf 2,5- bis 5-achsigen Werkzeugmaschinen. Dann kommt der
Bereich Garten- und Landschaftsbau, den wir mit den Lösungen unserer
Tochter DATAflor abdecken. Knapp dahinter das im Moment heißeste
Wachstumsfeld PLM (Product Lifecycle Management), also die Datenbank
mäßige Begleitung des gesamten Konstruktions- und Lebensprozesses
von Produkten. Hier sind wir mit unserer Lösungsfamilie COMPASS
am Markt und verfügen mit 20.000 Benutzern über eine beachtliche
Marktstellung. Ebenfalls gute Marktpositionen haben unsere Branchenlösungen
ecscad für die Elektrokonstruktion und RoCAD für die Haustechnik-Planung.
Und last but not least decken wir den Low-Cost-Markt mit unserer Marke
CAD erschwinglich ab, deren Symbolbibliotheken und Zusatzapplikationen
mit Einzelpreisen von 50 bis 400 Euro das unterste Ende unserer Preisspanne
markieren.
DVI: Wo sehen Sie die Wachstumstreiber für die
nächsten Jahre?
Herr Drotleff: Nach unserer Einschätzung wird
sich das geplante Umsatzwachstum von 5-10% für die nächsten
zwei, drei Jahre recht gleichmäßig auf unsere drei Säulen
verteilen. Bei den eigenen Technologien sehen wir vor allem bei CAM,
PLM und Elektrotechnik stärkeres Wachstum, das die eher stagnativen
Bereiche Garten- und Landschaftsbau sowie Haustechnik locker überkompen-sieren
dürfte. Im PTC-Geschäft sind wir noch in der Anstiegsrampe,
da wir hier erst vor knapp 2 Jahren begonnen haben. Von daher fällt
eine Wachstumsprognose nicht schwer. Und bei Autodesk nehmen wir jetzt
wieder an deren starkem Umsatzwachstum teil, nachdem wir hier ja zwei
Jahre lang eher Marktanteile abgegeben haben, um die Abhängigkeit
zu verringern. Allerdings ist Umsatzwachstum ohnehin nicht unsere entscheidende
Größe für die nahe Zukunft, sondern Optimierung der
Gewinnmarge. Wir dürften zwar dieses Jahr wieder auf eine EBIT-Marge
von 2% kommen, aber das ist natürlich nicht alles, was unser Geschäftsmodell
hergibt. Mittelfristig sind hier bis zu 10% drin, beim Nettoergebnis
mehr als 5%. Damit können wir in ein paar Jahren bei einem Umsatz
zwischen 150 und 200 Millionen Euro ein EBIT von etwa 15 Mio. und ein
Nettoergebnis in der Größenordnung bis zu 10 Mio. erreichen.
DVI: Welche Vorteile haben Ihre Kunden, wenn sie sich
zur Zusammenarbeit mit Ihnen – anstelle Ihrer Konkurrenten –
entscheiden?
Herr Drotleff: Der Reiz liegt in der Kombination aus
verbreiteten Standardlösungen von Autodesk oder PTC und passgenauen
Branchenlösungen für den einzelnen Kunden. Zudem haben wir
durch unser weitgehend indirektes Vertriebsmodell mit unseren autorisierten
Fachhandels-partnern einen sehr breiten und gut skalierbaren Marktzugang.
DVI: Geographisch gesehen, sind Sie in Europa (bis
auf die Balkan- und iberische Halbinsel) gut vertreten. Wie sehen Ihre
Pläne hinsichtlich Osteuropa aus – werden Sie neben Polen,
wohin Sie bereits 1998 expandiert haben, in weitere neue EU-Ostländer
expandieren?
Herr Drotleff: In den nächsten zwei, drei Jahren
wollen wir, wie bereits erwähnt, unsere Profitabilität optimieren
und haben von daher wenig Expansionsgelüste, sondern werden weiter
auf Kon-solidierungskurs bleiben. Aber wenn danach geografische Expansion
angesagt ist, dann wird auf jeden Fall Osteuropa in der engeren Wahl
sein, schließlich winken in diesen Emerging Markets in mittlerer
Zukunft die höchsten Zuwachsraten.
DVI: Sie sind aber auch in den USA, Japan und Singapur
vertreten. Welche Entwicklungs-möglichkeiten sehen Sie für
diese Märkte?
Herr Drotleff: Wir sind hier nur mit CAM - und Elektrolösungen
vertreten, aber in diesen Nischen sehen wir großes Entwicklungspotential,
vor allem in Asien. Der japanische Markt ist heute schon recht interessant
für uns, und der chinesische wird es immer mehr, zumal eine unserer
Schlüsselbranchen im Bereich CAM, der Formenbau, in China enorm
boomt.
DVI: Werden für diese Expansionspläne die
derzeitigen Kosten von etwa 7 Mio. Euro Forschungs- und Entwicklungskosten
ausreichend sein, oder ist hier mit einer wesentlichen Erhöhung
der Aufwendungen zu rechnen?
Herr Drotleff: Das reicht absolut aus. Wir konnten
in diesem Bereich in den letzten zwei, drei Jahren die Kosten absenken,
weil sich zwischen den Entwicklungsabteilungen der zugekauften Software-Töchter
hohe Synergie-Potentiale ergeben haben. Dabei haben wir bisher hauptsächlich
die „harten“ Potentiale, also echte Doppelbelegungen im
Entwicklungsbereich, ausgeschöpft.
Die „weichen“ Potentiale, die in einer
noch effizienteren Zusammenarbeit aller Entwicklungs-abteilungen im
Konzern schlummern, gehen wir erst jetzt allmählich an. Von daher
sehe ich auf absehbare Zeit keine signifikanten Kostensteigerungen bei
F&E.
DVI: Durch die Restrukturierungskosten, die insgesamt
5,6 Mio. Euro (2002-2004) kosteten, haben Sie es geschafft, die Bilanzsumme
zu reduzieren und die Netto-Bankverschuldung im selben Zeitraum um 24%
auf 28,4 Mio. Euro abzubauen. Werden Sie die Bankschulden weiterhin
in diesem Tempo reduzieren können?
Herr Drotleff: Wir haben uns für Ende 2004 die
Marke 25 Mio. und für Ende 2005 eine weitere Entschuldung um 10
Millionen auf 15 Mio. vorgenommen. Das ist weitgehend aus dem geplanten
operativen Cashflow darstellbar, allerdings schließen wir kurz-
und mittelfristig Desinvestments ebenfalls nicht aus. Da schlummern
noch ein paar Möglichkeiten in unserer Bilanz. Beispiels-weise
haben wir noch etwa vier Mio. Euro in Minderheitsbeteiligungen investiert,
die strategisch nicht so bedeutend sind und von daher gut veräußert
werden können, wenn der Preis stimmt.
DVI: Können Sie Ihre Planzahlen für 2005
(Umsatz 150 Mio. Euro, EBIT von 7 Mio. Euro) durch internes Wachstum
verwirklichen, oder planen Sie auch Akquisitionen?
Herr Drotleff: Das ist zu 100% internes Wachstum, Akquisitionen
stehen 2005 sicher noch nicht auf der Agenda.
DVI: Von den 10,971 Mio. Aktien sind bis April 2005
fast 10% für den Handel gesperrt. Wer hält diese 10%, und
was erwarten Sie, wird nach diesem Stichtag mit den Aktien geschehen?
Herr Drotleff: Diese Aktien stammen aus der Akquisition
unserer größten Technologietochter Open Mind, die 2002 komplett
durch Aktientausch übernommen wurde. Dabei hat sich vor allem deren
Gründer und heutige MuM-Technologievorstand Werner Schwenkert einer
dreijährigen Verkaufssperre unterworfen. Er allein hält aus
diesem Paket 820.000 Aktien, die übrigen liegen bei Führungskräften
und einer VC-Gesellschaft, die an der Open Mind beteiligt war. Aus diesem
Kreis will niemand schnell Kasse machen, so dass ich nach Aufhebung
der Sperre keinen Verkaufsdruck erwarte.
DVI: Mit dem derzeitigen Kurs von 2,78 Euro sind Sie
sicherlich nicht zufrieden. Wo sehen Sie den fairen Wert der MuM-Aktie?
Herr Drotleff: Für die Entwicklung des Aktienkurses
in den nächsten 6-12 Monaten gibt es ja einige Analystenmeinungen,
die alle im Preisbereich 4 bis 5 Euro liegen.
Der langfristige faire Wert lässt sich meines
Erachtens am besten an Größen wie Kurs/Umsatz-Verhältnis
oder KGV abschätzen. Wir haben heute ein Kurs-Umsatz-Verhältnis
unter 0,25 – fair wäre ein Wert zwischen 0,7 und 1,2. Zum
Vergleich: Autodesk hat ein KUV von über 5, PTC liegt bei 2-3.
Meine Schätzung impliziert hier also schon einen Abschlag um den
Faktor 3 für unser gemischtes Geschäftsmodell, bei dem der
Handels-Anteil natürlich niedriger gewichtet werden muss als bei
einem reinen Software-Entwickler.
Damit kommen wir mit dem KUV bei unserem Umsatz um
die 150 Mio Euro auf einen Firmenwert in der gleichen Größenordnung.
Geteilt durch 11 Mio. Aktien landet man bei etwa 13 bis 14 Euro fairem
Wert der Aktie. Auf dieselbe Größenordnung kommt man beim
mittelfristigen KGV. Ich habe ja vorhin vorgerechnet, dass unser Geschäftsmodell
für ein Nettoergebnis von bis zu 10 Mio. Euro gut ist. Damit kommen
wir dann bei einem für einen Wachstumswert recht moderaten KGV
von 15 auf den gleichen langfristigen fairen Wert wie bei der Abschätzung
über das KUV. Natürlich erscheint ein solcher Wert sehr hoch,
wenn man gerade bei knapp 3 Euro steht. Außerdem ist das natürlich
keine Kursprognose, sondern die Antwort auf Ihre Frage nach meiner Meinung
zum fairen Wert der Aktie. Aber zumindest sehen Sie daran, warum ich
so auf meinem 47%-Aktienpaket sitze und warum ich im Sommer bei der
Wandelanleihe mit einem Strike-Preis von EUR 5,75 auch noch kräftig
mitgezogen habe.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de