AZEGO AG (vormals:
ACG Advanced Component Group AG)
Interviewpartner: Dr. Cornelius Boersch, Vorstandsvorsitzender
Das Interview wurde am 20.10.04 geführt. Kurs am 25.10.04 bei 1,11
Euro.
Hintergrund:
Gerüchte gab es schon seit Jahren, jetzt ist es Fakt: Vor kurzem
wurde der geplante Zusammenschluss zwischen den beiden deutschen Chiphändlern
CE Consumer Electronics und AZEGO bekannt gegeben. Bei AZEGO läuft
derzeit eine Kapitalerhöhung und die Bezugsrechtsfrist geht noch
bis 29.Oktober 2004. Ein Bezugsrechtshandel findet jedoch nicht statt.
Der Vorstand von AZEGO spricht klar davon, dass durch die Barkapitalerhöhung
die liquiden Mittel weiter gestärkt werden sollen, um den eingeschlagenen
Weg der Restrukturierung auch erfolgreich abschließen zu können.
Wir vermuten aber, dass AZEGO durch diese Kapitalmaßnahme die
eigene Position gegenüber CE Consumer Electronics, dem avisierten
Partner im Rahmen des Zusammen-schlusses, gestärkt werden soll.
AZEGO sieht den Turn-Around in greifbare Nähe gerückt, obwohl
im ersten Halbjahr 2004 nochmals ein negatives EBITDA von zirka –2,25
Mio. Euro angefallen ist. DVI hat den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn
Dr. Cornelius Boersch zu den Aussichten des Unternehmens befragt.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Dr. Boersch, bitte
erläutern Sie unseren Lesern Ihr Geschäftsmodell.
Dr. Boersch: Die AZEGO AG hat sich in den vergangenen
zwei Jahren aus einigen Geschäftsbereichen und Märkten zurückgezogen.
Seit dem Verkauf der Divisionen „Identification Technologies“
und „microIDENTT“ sind wir nicht mehr im Bereich Smart Cards
und RFID tätig, sondern fokussieren uns ausschließlich auf
den Bereich „AZEGO Technology Services“ und damit auf den
Markt für Halbleiterkomponenten. Unser Geschäftsmodell ist
dabei ganz einfach zu verstehen: Wir positionieren uns bei unseren Kunden,
den führenden Elektronikkonzernen weltweit, als Partner für
Beschaffung und Vermarktung von Elektronikkomponenten. Wenn einer unserer
Kunden dringend einen Elektronikbaustein benötigt, den er auf dem
freien Markt kurzfristig nicht beschaffen kann, dann liefern wir innerhalb
von 48 Stunden dieses Produkt rund um den Globus. Entweder wir finden
diesen Baustein in unserem eigenen Lagerbestand oder in den Überbeständen
von anderen Kunden, auf die wir vollen Zugriff haben. Es ist sicherlich
auch nachvollziehbar, dass die Margen im Einzelfall sehr attraktiv sein
können, je höher die Dringlichkeit seitens des Kunden ist.
Andererseits bieten wir unseren Kunden auch Lösungen an, wenn sie
zu viel Lagerbestand aufgebaut haben, der sich negativ auf die Bilanz
und Gewinn- und Verlustrechnung auswirkt. Wir nehmen die Überbestände
an Elektronikkomponenten in unser eigenes Lager, verpacken und inventarisieren
diese. Anschließend vermarkten wir diese Überbestände,
die zumeist von anderen Unternehmen benötigt werden. Der Vorteil:
Unser Kunde reduziert seine obsoleten Lagerbestände und erhält
zusätzlich noch einen außerordentlichen Ertrag, da er meistens
die Bestände bereits abgeschrieben hat. AZEGO erhält risikofrei
die Überbestände des Kunden, ohne sie in die eigene Bilanz
zu übernehmen. Im Erfolgsfall teilt sich AZEGO den Ertrag aus der
Vermarktung mit dem Kunden. Eine Win-Win- Situation!
DVI: Müssen Sie nicht grundsätzlich die
Befürchtung haben, dass die Hersteller von Halbleitern und die
Verbraucher alles daran setzen werden, um Dienstleistungen nicht mehr
in Anspruch nehmen zu müssen und dadurch Kosten sparen zu können?
Dr. Boersch: Dies trifft sicherlich nicht für
die Dienstleistungen zu, die AZEGO anbietet. Wir verstehen uns als Partner
unserer Kunden. Eine Grundprämisse unseres Services besteht darin,
dass wir unsere Kunden erfolgreich machen wollen. Es geht uns nicht
um einen kurzen „Deal“ mit unseren Kunden, sondern darum,
den Kunden und seine Bedürfnisse im Einkauf und Logistikmanagement
zu verstehen. Wenn unser Kunde einen Fehler macht, indem er zuviel oder
zu wenig bestellt, dann müssen wir als AZEGO zur Stelle sein und
diesen Fehler ausgleichen. Diese Fehlallokationen sind eher die Regel
als die Ausnahme. Am Ende muss das Ziel sein, dass unser Kunde seine
finanzielle Situation durch perfektes Lagermanagement durch AZEGO optimiert.
Durch AZEGO wird unser Kunde niemals in die Situation kommen, dass seine
Produktion still steht, weil ihm ein wichtiges Teil fehlt.
DVI: Von welchem Umsatz und Ergebnis gehen Sie für
das Jahr 2005 aus?
Dr. Boersch: Im Rahmen der Gespräche mit CE Consumer
Electronics ist es unabdingbar, dass beide Gesellschaften eine Finanzplanung
machen, die die nächsten drei Jahre umfasst. Leider hat sich in
den vergangenen Jahren gezeigt, dass es für Unternehmen in unserem
Markt, mit unseren Dienstleistungen denkbar schwierig ist, eine zuverlässige
Planung abzugeben. Dazu kommt noch, dass AZEGO in Jahren 2003 und 2004
wesentliche finanzielle Sondereffekte hatte, die ebenfalls die Planung
negativ beeinflusst haben. Dies ist natürlich auch ein Grund dafür,
dass wir unsere Planzahlen zum Halbjahr 2004 korrigieren mussten. Grundsätzlich
rechnen wir aber in 2004 mit einem Umsatz von über 120 Millionen
Euro. Im Jahr 2005 werden wir bei über 130 Millionen Euro liegen.
Dass wir in 2005 deutlich profitabel sein wollen, versteht sich von
alleine. In der Holding sollen die Kosten bei zirka 3 Mio. Euro (7 Mio.
Euro) liegen, dies ist eine Kostenentlastung auf das alte Kapital von
20 Cent je Aktie.
DVI: Sie haben die Mitarbeiter in der Holding im ersten
Halbjahr von 40 auf unter 10 reduziert und hohe Abfindungen zahlen müssen.
Welche Restrukturierungskosten fallen in den kommenden Monaten noch
an?
Dr. Boersch: Ganz genau. Wir haben die Anzahl der Mitarbeiter
in der Holding drastisch reduziert. Schließlich ist AZEGO eine
Vertriebsgesellschaft. Wir brauchen gute Verkäufer und müssen
die Verwaltung so schlank wie möglich halten. Nachdem wir mit dem
Verkauf der beiden Geschäftsbereiche „Identification Technologies“
und „microIDENTT“ die Komplexität im Unter-nehmen deutlich
reduzieren konnten, mussten wir auch die Verwaltung anpassen. In der
Holding sind wir nur noch drei Vorstände sowie einige Mitarbeiter
in Bereichen Finanzen, IT sowie IR/PR. Als börsennotierte Gesellschaft
im Prime Standard (SDAX) müssen wir die gesamten Publizitätspflichten
erfüllen. Dies kostet leider immer noch sehr viel Kraft und vor
allem Geld. Ich denke aber, dass wir jetzt einen guten Job getan haben
und die Kosten auf ein wirklich angemessenes Niveau gebracht haben.
DVI: In 2004 haben Sie die letzten Smart-Card-Aktivitäten
verkauft. Sind im Abschluß zum 30.6.2004 den Risiken Rechnung
getragen worden, oder kommen im 2. Halbjahr noch eventuelle Belastungen
auf Sie zu?
Dr. Boersch: Selbstverständlich haben wir entsprechend
unseren Erkenntnissen zufolge dem Großteil der Belastungen aus
diesen „discontinued operations“ Rechnung getragen. Die
Belastungen, die noch in den kommenden Quartalen kommen, sind demnach
nicht mit den vorherigen vergleichbar.
DVI: Per 30.6. betrug Ihre Liquidität knapp 16
Mio. Euro (18 Mio. Euro). Welchen Liquiditätszufluß erwarten
Sie im 2. Halbjahr?
Dr. Boersch: Wir erwarten im zweiten Halbjahr noch
einige wesentliche Liquiditätszuflüsse. Neben dem Erlös
aus der laufenden Kapitalerhöhung wird es noch eine weitere Kaufpreisrate
aus dem Verkauf der „Identification Technologies“ von Assa
Abloy geben. Darüber hinaus erwarten wir auch aus dem Verkauf der
microIDENTTUnternehmen noch einen Zufluss, sowie aus unseren griechischen
Aktivitäten. Im nächsten Jahr kommt dann auch noch ein Zufluss
aus dem Verkauf von Logos.
DVI: Per 30.6. weisen Sie eine Liquidität je Aktie
von 81 Cent aus, das heißt, der derzeitige Aktienkurs ist zu gut
65% durch Liquidität unterlegt. Warum machen Sie überhaupt
eine Kapitalerhöhung?
Dr. Boersch: Sicher, eine Kapitalerhöhung ist
auf den ersten Anschein hin nicht notwendig bei der AZEGO. Doch schauen
Sie sich mal unser Geschäftsmodell an: Wir sind ein Handels-unternehmen,
das sich in einem wachsenden Markt bewegt. Wir möchten nun nach
erfolgter Fokussierung unser Geschäftsvolumen erhöhen. Das
bedeutet mehr Handel mit mehr Produkten in mehr Regionen. Sie wissen,
dass wir keinerlei Kreditlinien bei Banken besitzen. Normalerweise würde
jedes Handelsunternehmen den Umsatz durch Fremdkapital finanzieren.
Das ist bei uns leider nicht möglich, durch eine pauschale Aburteilung
der Banken. Wir finanzieren unseren Umsatz ausschließlich durch
Eigenkapital. Lassen Sie mich dies an einem einfachen Beispiel darstellen:
Wir verkaufen an einen Großkunden Computer-Prozessoren im Volumen
von vielleicht 2 Millionen Euro. Unseren Lieferanten müssen wir
oftmals schon innerhalb von 15 Tagen bezahlen, während unser Kunde
die Ware erst nach 45 Tagen bezahlt. Da ist eine Lücke von 30 Tagen,
die wir als AZEGO finanziell überbrücken müssen. Da sind
alleine in einem Geschäft 2 Millionen Euro über 30 Tage gebunden.
Früher mussten wir solche Geschäfte, trotz einer guten Marge,
einfach ablehnen. Das soll uns nicht mehr passieren.
DVI: An Geschäfts- und Firmenwerten haben Sie
per 30.6. noch 22,5 Mio. Euro in der Bilanz stehen. Wie zuversichtlich
sind Sie, dass diese Firmenwerte den Impairmant-Test zum 31.12. halten
werden und Sie keine zusätzlichen Risiken in die Ehe mit CE Consumer
einbringen werden?
Dr. Boersch: Eines kann ich vorweg schon einmal deutlich
machen: Wir haben bereits jetzt uns mit CE Consumer Electronic geeinigt,
dass im Falle eines Zusammenschlusses, wir nach Möglichkeit alle
Risiken ausschließen wollen. Wenn wir zusammengehen, dann nur
um gemeinsam stärker und profitabler zu werden. Wir müssen
den Aktionären beider Unternehmen zeigen, dass wir in der Lage
sind, nachhaltig Gewinne zu erzielen. Diese Risikominimierung bezieht
sich auf alle Bereiche. Wir werden selbstverständlich wieder mittels
Impairment-Test die Werthaltigkeit der Firmenwerte ermitteln, aber auch
unsere bestehenden Verfahren in Sachen Umsatzsteuer werden wir im Rahmen
eines Zusammenschlusses mit CE berücksichtigen.
DVI: Welches Zusammenlegungsverhältnis erwarten
Sie im Rahmen der Fusion mit CE Consumer Electronics?
Dr. Boersch: Das ist in den letzten Wochen sicherlich
eine der häufigsten Fragen gewesen, die mir gestellt worden sind.
Wie Sie wissen, wird ein solches Verhältnis zweier Partner, die
sich zusammenschließen wollen, von externen Wirtschaftsprüfern
objektiv ermittelt werden. Es wird sogar von einem dritten unabhängigen
Wirtschaftsprüfer eine sogenannte „Fairness Opinion“
geben. Ich denke, dass AZEGO und CE eindeutig als gleichberechtigte
Partner in diese Transaktion gehen können. Oftmals wird die Meinung
vertreten, dass CE deutlich mehr Umsatz macht als AZEGO und dies somit
ein Grund dafür ist, dass AZEGO der Junior-Partner ist. Das ist
eindeutig nicht der Fall. Wir, AZEGO, sind sicherlich kleiner im Umsatz,
aber darüber hinaus gibt es sicherlich auch andere wichtige Parameter.
DVI: Wie wird das neue Unternehmen voraussichtlich
heißen?
Dr. Boersch: Auch das ist eine spannende Frage. Ich
bleibe bei meiner Aussage, dass AZEGO und CE als gleichberechtigte Partner
verhandeln. Dies wird sich in allen Bereichen auch widerspiegeln. Management,
Austauschverhältnis und auch im Namen. Eines muss klar sein: Die
Marke „AZEGO“ ist bereits nach nur kurzer Zeit im Markt,
unter unseren Kunden sehr gut angekommen. Wir haben die Marke „AZEGO“
klar positioniert und unsere Kunden wissen genau, welche hohe Service-Qualität
sie von AZEGO erwarten können. Genauso verhält es sich mit
der Marke „CE“. Wir müssen also abwägen, wie wir
den Wert beider Marken positiv einsetzen. Wir werden bestehende Markenwerte
mit Sicherheit nicht zerstören.
DVI: Welche Risiken liegen in der Fusion, und bis wann
wollen Sie diese abgeschlossen haben?
Dr. Boersch: In der Vergangenheit haben wir immer nur
einzelne Unternehmen für den AZEGO-Konzern ge- oder verkauft. Der
Zusammenschlusses von AZEGO und CE ist ein Zusammen-schluss zweier börsennotierter
Gesellschaften, die im höchsten Börsensegment, dem Prime Standard,
notiert sind. Wir sind uns darüber einig, dass ein solcher Zusammenschluss
enorme Komplexität besitzt, der nur dadurch zu bewältigen
ist, dass wir auf beiden Seiten ein großartiges Team zusammengestellt
haben. In den nächsten Monaten werden wir gemeinsam mit unseren
M&A-Teams, mit Wirtschaftsprüfern und Anwälten die notwendigen
Maßnahmen erarbeiten und schnell umsetzen. Am Ende dieses Prozesses
steht eine Hauptversammlung bei beiden Unternehmen an. Wir werden die
Ergebnisse unseren Aktionären vorstellen, die letztendlich darüber
auch entscheiden werden.
DVI: Sie sprechen im Rahmen Ihres Halbjahresberichtes
von einer Unterbewertung der Aktie. Wo liegt nach Ihrer Meinung der
faire Wert?
Dr. Boersch: Die Performance der Aktie ist sicherlich
nicht zufrieden stellend. Wir haben zwar unsere Erwartungen im Halbjahresbericht
revidiert, die Gründe erläuterte ich bereits, doch nach wie
vor haben wir auch gezeigt, dass das neue Geschäftsmodell funktioniert.
Wir haben eine gute Entwicklung der Rohertragsmarge beobachten können:
In 2003 lagen wir noch unter 10% und haben uns nun bei 13% bis 14% etabliert.
Die Kosten konnten wir deutlich senken, auch wenn es Sondereffekte gab
im Rahmen der Restrukturierung. Wir haben unseren strategischen Fahrplan
vor zwei Jahren klar kommuniziert und Punkt für Punkt auch genau
so, konsequent, abgearbeitet. Leider mussten wir in den vergangenen
Jahren immer wieder beobachten, dass alles immer länger dauert
als ursprünglich erwartet. Als Fazit kann ich sagen, dass wir das
Ziel noch nicht endgültig erreicht haben, aber es ist motivierend,
dass wir uns in die richtige Richtung bewegen. Das gesamte Management
unseres Unternehmens ist sehr engagiert und von diesem Weg überzeugt.
Aus diesem Grunde haben wir uns auch dazu entschieden, 15% der gerade
laufenden Kapitalerhöhung zu zeichnen.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de