16.03.04  DAS VORSTANDSINTERVIEW
COMTRADE AG

Interviewpartner: Dr. Babette Sievers, Vorstandsvorsitzende (seit 2003)
Gehaltene Aktien: Keine; Grundkapital ist in 9,8 Mio. Aktien eingeteilt

COMTRADE HomepageDie Hamburger Comtrade AG ist ein herstellerunabhängiges IT-Leasingunternehmen. In 2003 erfolgte eine radikale Re-strukturierung, mit dem Ziel sich wieder voll auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Ausflüge in die Bereiche eSolutions und allgemeines Mobilienleasing hatten die Gesellschaft in den letzten Jahren in Probleme gebracht. Nun sind diese Bereiche ausgegliedert worden bzw. in die Abwicklung gegangen. Im Kerngeschäft, der Finanzierung von IT für Großunternehmen und große Mittelständler sowie der Handel mit im wesentlichen gebrauchtem IT Equipment besitzt Comtrade Alleinstellungsmerkmale. Auch im Vorstand gab es in 2003 wesentliche Veränderungen zu denen wir die Vorstandsvorsitzende Dr. Babette Sievers befragt haben.

Das Vorstandsinterview (DVI): Frau Dr. Sievers, bitte erläutern Sie unseren Lesern, ob Sie Ihr Geschäftsmodell umgestellt haben oder was die Gründe sind, dass Sie jetzt so gut wachsen können.

Frau Dr. Sievers: Wir haben das Geschäftsmodell nicht umgestellt, sondern uns durch die Restrukturierung im Jahr 2003 wieder voll auf unser Kerngeschäft konzentriert. Die Ausflüge in den Bereich eSolutions und allgemeines Mobilienleasing haben die Gesellschaft viel Geld gekostet. Dementsprechend sind diese Bereiche ausgegliedert worden bzw. in die Abwicklung gegangen. In unserem Kerngeschäft, der Finanzierung von IT für Großunternehmen und große Mittelständler sowie der Handel mit im wesentlichen gebrauchtem IT Equipment haben wir Alleinstellungsmerk-male, die uns Wettbewerbsvorteile sichern. Diese Alleinstellungsmerkmale liegen in der Verknüp-fung von IT-Finance und Brokerage sowie dem ISO-zertifizierten Servicecenter in Moerfelden (hohes knowhow bei der Überholung von Leasing-Rückläufern). Die Hersteller- und Banken-unabhängigkeit erlaubt uns freie Entscheidungsfähigkeit.

DVI: Welche Umsatz- und Ergebnisplanungen haben Sie für das laufende Jahr?

Frau Dr. Sievers: Wir haben bisher keine Planungen herausgegeben. Nur soviel an dieser Stelle: Unser Schwerpunkt liegt in der Ergebnisverbesserung. Dementsprechend gehen wir von einem substantiell positiven Ergebnis für das Jahr 2004 aus. Wie sich der Umsatz entwickeln wird, hängt davon ab, wie viel Liquidität wir in Neugeschäft bzw. Trade investieren werden. In jedem Fall wird sich der Umsatz im Vergleich zu 2003 wesentlich erhöhen. Der Ertrag in 2004 wird deutlich positiv, die Wende wird ab dem zweiten Quartal absehbar sein.

DVI: Welche Risiken liegen denn in Ihrem Geschäftsmodell?

Frau Dr. Sievers: Das Geschäftsmodell ist erprobt, da die Gesellschaft bereits seit 1987 am Markt operiert. In der Vergangenheit sind natürlich auch Fehler gemacht worden, auch im Kerngeschäft, aber wir haben aus diesen Fehlern gelernt. Dementsprechend refinanzieren wir uns im Bereich IT-Finance bei Banken im Wege der Forfaitierung und sind im Bereich IT-Brokerage über die inter-nationalen Brokerplattformen am Markt mit der Folge, dass wir keine wesentliche Vorratswirtschaft betreiben bzw. Veräußern unsere Leasingausläufer, von denen wir bereits im Schnitt mit sechs Monaten Vorlauf wissen, dass diese zur Veräußerung stehen. Das gibt uns genug Zeit, den besten Käufer zu suchen. Wir finden die Käufer aus Banken, Versicherungen und Industrie-unternehmen, so daß das Risiko relativ gering ist, dass wir auf diesen Ausläufern sitzen bleiben.

DVI: Sie haben Ihren Mitarbeiterstab in 2003 um 60% reduziert. Wie werden Sie die geplanten Umsätze mit der derzeitigen Crew schaffen?

Frau Dr. Sievers: Die Reduktion hängt mit der Restrukturierung zusammen. Indem wir Bereiche geschlossen haben, die keine Erträge erwirtschaften, haben wir durch die Reduzierung Kosten eingespart, denen keine Gewinne gegenüberstanden. Den oben genannten Umsatz können wir auf alle Fälle mit dem Mitarbeiterstamm bewältigen, da wir im Kernbereich nicht abgebaut haben.

DVI: In Ihrer Bilanz haben Sie noch eine Eigenkapitalquote von 12% per 30.9.03 (nach 16% per 12/02) ausgewiesen. Der Zinsaufwand ist seit 2001 kontinuierlich gestiegen auf nunmehr fast 4 Mio Euro pro Jahr – obwohl die Zinsen allgemein gesunken sind. Wie werden sich diese Zahlen nach den durchgeführten Kapitalmaßnahmen verändern?

Frau Dr. Sievers: Die Kapitalmaßnahmen werden sich positiv auf die Eigenkapitalquote aus-wirken. Der erhöhte Zinsaufwand resultiert aus der notwendigen Fremdkapitalzuführung, die nicht immer unter den günstigsten Voraussetzung abgeschlossen werden konnte. Indem wir nunmehr Kapitalmaßnahmen am Kapitalmarkt durchführen, reduziert dies die Fremdfinanzierung und damit den Zinsaufwand gemessen am Volumen des Neugeschäfts.

DVI: Per 30.9.03 war Ihr Vorratsvermögen von 1,6 Mio Euro (31.12.02) fast vollständig abgebaut, die Sachanlagen haben sich in den ersten neun Monaten 03 um fast 3 Mio Euro reduziert. Welcher Handlungsbedarf besteht hier in naher Zukunft?

Frau Dr. Sievers: Grundsätzlich ist es unser Bestreben, ein möglichst geringes Vorratsvermögen zu haben. Wenn jedoch die Gegenstände für einen Leasingvertrag bereits angeschafft sind, der Leasingvertrag aber erst in der nächsten Periode beginnt, dann stellen diese Vermögensgegen-stände Vorratsvermögen dar. Der Unterschied aus den Sachanlagen ergibt sich aus der Bilanzierung von Operate Lease-Verträgen der Vergangenheit. Da die Verträge vor 1999 alle als Operate Lease eingestuft wurden, diese Verträge aber nunmehr kontinuierlich weniger werden und von den Neuverträgen weniger Verträge als Operate Lease einzustufen sind, entsteht eine Verringerung dieser Position.

DVI: Ihre Leasing-Forderungen betrugen per 30.9. insgesamt zirka 31 Mio Euro. Wie haben Sie sich gegen Forderungsausfälle abgesichert?

Frau Dr. Sievers: Wie oben bereits dargestellt, haben wir unser Geschäft im wesentlich forfaitiert, so dass wir das Ausfallrisiko nicht tragen. Auf unsere eigenen Bücher nehmen wir nur Kunden, die § 18 KWG nicht erfüllen, d.h. keine Bilanz herausgeben, jedoch bonitätsmäßig so hervorragend sind, dass wir in diesen kein Ausfallrisiko sehen. In den Jahren 2000/2001 hat man allerdings diese Prüfung nicht gemacht und dementsprechend einige Insolvenzen von Neue Markt Unternehmen gehabt. Diese Ausfälle hatte die Gesellschaft in den letzten zwei Jahren liquiditäts-mäßig zu verdauen.

DVI: Ist der Vertragsbestand mit historischen Anschaffungskosten von 127,5 Mio. Euro eine Belastung oder eine Chance?

Frau Dr. Sievers: Das ist das Asset der Gesellschaft. Schließlich sind die Anlagegegenstände aus dem Vertragsbestand dasjenige, welches nach Ablauf der Grundmietzeit entweder in Verlänge-rungen oder Abverkauf geht. Da wir im wesentlichen Vollamortisationsverträge schließen, fängt dort die Musik für uns an, dies bedeutet, dass wir darauf unsere Margen erwirtschaften, da nach Ablauf der Grundmietzeit in der Regel keine Belastungen entgegen stehen.

DVI: Welche Akquisitionsmöglichkeiten für Neukunden und in welchen Ländern haben Sie für die nächsten Jahre geplant?

Frau Dr. Sievers: Hier müssen Sie unterscheiden. Für Finanzierungen werden wir uns nach derzeitiger Planung auf den deutschen Raum beschränken, da eine Expansion in andere Länder aufgrund der unterschiedlichen Rechtssituationen mit erheblichen Anlaufkosten verbunden wäre. Für den Bereich Brokerage sind wir bereits jetzt weltweit aktiv, da wir auf den beiden Hauptbroker-plattformen in den USA und den Niederlanden aktiv sind. Da die Abwicklung aber nicht durch vor Ort Akquise sondern über das Internet erfolgt, brauchen wir dafür keine Niederlassungen in anderen Ländern.

DVI: Sind Sie jetzt so aufgestellt, dass Sie auch einige Durststrecken überstehen könnten, wenn die Konjunktur nicht so anspringt, wie es alle Experten erwarten?

Frau Dr. Sievers: Ja. Das ist ein weiterer Vorteil von Comtrade. Das Geschäftsmodell ist so aufgestellt, dass es für beide Konjunkturentwicklungen gewappnet ist. Springt die Konjunktur nicht wie erwartet an, dann machen wir mehr Nachmietgeschäft und Trade mit gebrauchter IT (da der Kunde nicht neu investieren will und hier Einsparpotential hat), springt die Konjunktur an, dann machen wir mehr Neugeschäft.

DVI: Sind Sie durch die Pläne der Bundesregierung, die Miet- und Leasingaufwendungen der Gewerbesteuer zu unterwerfen, in Ihren Akquisitionsanstrengungen nicht stark behindert?

Frau Dr. Sievers: Viel gravierender sind die Restriktionen , die durch Basel II ausgehen. Dahin wird die Nachfrage nach Leasing eher erhöht. Wir sind bestrebt, jetzt uns stärker im Ausland zu refinanzieren.

DVI: Nennen Sie unseren Lesern einige gute Gründe, warum Ihre Aktie kaufenswert ist.

Frau Dr. Sievers: Derzeit ein günstiger Kurs, da dieser noch die orientierungslose Vergangenheit beinhaltet. Wir haben jetzt einer saubere Bilanz, die von den „Altlasten“ bereinigt ist. Der IT-Leasingmarkt, in dem wir uns bewegen, ist ein absoluter Wachstumsmarkt. Gerade der IT-Bereich verspricht hohes Wachstum. Als flexibles und herstellerunabhängiges Unternehmen wollen wir daran überdurchschnittlich partizipieren. Comtrade ist die klassische Turnaround-Story mit hohem Potential. Wir wollen in 2004 ein positives Ebit erreichen. Wir haben zudem eine stabile und kapitalkräftige Aktionärsstruktur, nachdem FM Fund Management Limited 29,57 Prozent der Aktien übernommen hat. Durch diese Veränderung und weitere Institutionelle, die in die Aktie eingestiegen sind, hat die Gesellschaft die Aktionärsstruktur, die die Gesellschaft nach vorn bringt durch professionelles Know How des Kapitalmarkts.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.

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