09.09.04  DAS VORSTANDSINTERVIEW
STRATEC Biomedical Systems AG

Interviewpartner: Marcus Wolfinger, Finanzvorstand (seit 1999)
Das Interview wurde am 07.09.04 geführt.

STRATEC HomepageHintergrund: In unserer Ausgabe vom 5. Mai 2004 hatte sich STRATEC-Finanzvorstand Marcus Wolfinger bei einem Aktienkurs von 11,50 Euro hinsichtlich der Aussichten für das Jahr 2005 relativ bedeckt gehalten. Er sprach von möglichen Umsatzerlösen größer 45 Mio. Euro und bezeichnete das von DVI angesprochene Ergebnis je Aktie von 1,00 Euro als „sehr sportliche Variante“.

In der Zwischenzeit hat STRATEC den Halbjahres-Bericht veröffentlicht. Im ersten Halbjahr wurde ein Ergebnis von 37 Cent (Vorjahr: 16 Cent) je Aktie erzielt. Der Umsatz ist in den ersten sechs Monaten um 31,3% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Nachdem STRATEC angibt, Entwicklungsprojekte in der Regel innerhalb 24 bis 36 Monate bearbeiten zu können, müsste das im April 2002 per Ad hoc-Mitteilung gemeldete Entwicklungsprojekt mit Bayer derzeit in die entscheidende Phase gelangen.

Wir haben Herrn Wolfinger zu den Fortschritten von STRATEC in den letzten vier Monaten befragt.

DAS VORSTANDSINTERVIEW (DVI): Herr Wolfinger, was waren die Highlights des zweiten Quartals?

Herr Wolfinger: Von unserer Seite aus gibt es hierzu zwei Betrachtungsweisen: Zum einen ist dies die Betrachtung der aktuellen Situation hinsichtlich Entwicklungsprojekten, zum anderen die hinsichtlich der Serienfertigung. Bei interdisziplinären Projekten, bei denen die Fortschritte nicht nur durch eigenes Zutun sondern auch durch die Entwicklungsprozesse unserer Partner geprägt sind, sind wir gewisse Planungsunschärfen gewohnt.

In den Entwicklungsprojekten verlaufen die Aufgaben zu unserer vollsten Zufriedenheit im Rahmen des Geplanten. Bei den Projekten in Serienfertigung belegen die sehr guten Zahlen zum Halbjahr, dass wir mit dem Absatz an Analysensystemen nicht unzufrieden sein können.

Auch in der Akquisition neuer Projekte mit unseren bestehenden und neuen Kunden bewegen wir uns in der hierfür üblichen Phase. Wir gehen normalerweise davon aus, dass Akquisitionsphasen bis zu 24 Monaten dauern können.

DVI: Sie haben im Juli das 1.500ste 4-Plattensystem verkauft. Ist dieses Analysensystem typisch im STRATEC Geschäftsmodell und welche Erwartungen haben Sie für dieses Produkt für die kommenden Jahre?

Herr Wolfinger: Das 4-Plattensystem wurde nach sehr kurzer Entwicklungszeit 1999 durch den ersten OEM-Kunden in den Markt eingeführt. Mittlerweile wird es sehr erfolgreich von insgesamt 5 OEM-Partnern in ihren kundenspezifischen Varianten vertrieben. Es steht somit zum Teil repräsentativ für das STRATEC Geschäftsmodell, bei dem von STRATEC Systemplattformen entwickelt werden, die später in einem „Customizing-Prozess“ an die kundenspezifischen Erfordernisse angepasst werden. Das 4-Plattensystem wird weiterhin ständig verbessert und mit Möglichkeiten und Eigenschaften ausgestattet, die nach wie vor die Trends im relevanten Marktsegment vorgeben.

DVI: Ein anderes, sehr erfolgreiches Produkt, ist das auf der Systemplattform „PlateRunner“ basierende Analysensystem „Galileo“, das mehrere Monate früher als erwartet die Zulassung der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA erhalten hat. Welche Erwartungen haben Sie selbst und Ihr USA-Kunde Immucor für dieses Analysensystem?

Herr Wolfinger: Immucor hat durch eigene Pressemitteilungen, bei denen für die verschiedenen Regionen der Welt unterschiedliche Platzierungspotentiale genannt wurden, unsere Möglichkeiten jeweils deutlich nach oben geschraubt. Als wir 1999 per Ad hoc-Mitteilung den damals größten Vertrag für die STRATEC zum Entwicklungsbeginn des Galileo meldeten, gingen wir von einem Gesamtumsatz für das System von 25 Mio. EUR („50 Mio. DM“) aus. Ob sich das höhere Volumen, das nach veröffentlichtem Platzierungspotential von Immucor mehr als das doppelte des ursprünglich vorgesehenen Volumens betragen kann, einstellen wird, hängt schlussendlich von der Erfüllung des Platzierungspotentials durch Immucor ab. Die Indikatoren, die wir derzeit haben, zeigen deutlich, dass Immucor hier durchaus erfolgreich ist und wir optimistisch sein können.

DVI: Welche Produkte haben Sie sonst noch in der Pipeline?

Herr Wolfinger: Neben einigen OEM-Projekten, zu denen wir derzeit leider noch nichts näheres sagen können, laufen derzeit einige Projekte zur Produktweiterentwicklung. Auch Vorentwicklungen für Systemplattformen sind derzeit in Arbeit.

Chiron, unser Partner auf dem Gebiet der molekularen Diagnostik, ist – technologisch gesehen – ein führendes Unternehmen. Mit den beiden durch uns entwickelten Produkten sind wir in ein neues Tätigkeitsgebiet vorgestoßen, in dem neben den gewohnten technologischen Heraus-forderungen weitere hochsensible Anforderungen erfüllt werden müssen. Wir sehen gute Chancen, dass wir nach erfolgreicher Markteinführung eine Reihe von neuen Kunden in der molekularen Diagnostik finden können. Insofern ist dieses Projekt ein Türöffner für künftiges Wachstum.

DVI: Auf verschiedenen Veranstaltungen haben Sie ihr Point-of-Care Plattformkonzept "Vivaldi" präsentiert. Wie sehen hier die Chancen aus?

Herr Wolfinger: Vivaldi ist zunächst kein klassisches Produkt der Point-of-Care-Diagnostik. Vielmehr ist diese Systemplattform in den Bereich „Near Patient Testing“ oder „Bedside Testing“ adressiert. Das bedeutet, dass es nicht im Bereich der „Selbsttestung“ einzusetzen ist, sondern dass es, bedient durch medizinisches Fachpersonal in „Patientennähe“ Tests in gewohnter diagnostischer Qualität mit bereits zugelassenen Reagenzien – beispielsweise wie im Hoch-durchsatzlabor – ausführen kann.

Durch die Wirtschaftlichkeitserfordernisse im Gesundheitswesen weltweit ist es notwendig, dass der untersuchende Arzt in der Lage ist, den diagnostischen Befund innerhalb von kurzer Zeit zu erzeugen. Das System ist insbesondere in der Notaufnahme, in Rettungsfahrzeugen, aber auch im Laboratorium des niedergelassenen Arztes, beispielsweise Gemeinschaftspraxen, ein ganz wesentlicher Fortschritt. Das Gerät "Vivaldi" zeigt, dass dieses als Prototyp bestehende System die Erwartungshaltung der potentiellen Kunden für die diagnostische Zukunft trifft.

DVI: Wenn man all die positiven Argumente addiert, dann sind doch 45 Mio. Euro Umsatz für das kommende Jahr zu konservativ. Wie sehen aus heutiger Sicht Ihre realistischen Perspektiven aus?

Herr Wolfinger: Wir haben diese Prognose im Dezember 2003 abgegeben und damals hatten wir gerade das Umsatzziel von knapp 32 Mio. Euro für das Gesamtjahr 2003 vor Augen. Insofern war das damals schon ein sehr mutiger Schritt, der sogar teilweise von fachkundigen Betrachtern als äußerst aggressiv bezeichnet, ja sogar teilweise belächelt wurde.

Bei unseren STRATEC-Mitarbeitern gilt: „Go the extra mile“, und wir sind heute sicherlich einige deutliche Schritte in unseren Zielen vorangekommen. Wir planen, die 45 Mio. Euro zu übertreffen; den eigentlichen Umsatz- und Ertragssprung erwarten wir jedoch in 2005/2006.

DVI: Bitte beschreiben Sie uns kurz welche Fortschritte sich bei Ihrer Tochtergesellschaft NewGen in den letzten vier Monaten ergeben haben.

Herr Wolfinger: Die STRATEC NewGen GmbH hat weltweit exklusiven Zugriff auf eine Technologie zur Aufreinigung und Stabilisierung von DNA und RNA in unterschiedlichen humanen Proben. Die Technologie wurde erfolgreich in mehreren unabhängigen Studien getestet.

Wir sind in Kontakt mit unseren bestehenden und neuen Partnern zur Weiterentwicklung der Technologie, mit dem Ziel der Sublizenzierung durch diese Partner. Neben der Technologie selbst entsteht somit ein Türöffner in Zukunftsprojekte unserer Kunden. Für die weitere Entwicklung von NewGen haben wir pro Jahr ca. 500.000 Euro budgetiert, die vollumfänglich eingeplant sind und aus laufendem Cash Flow finanziert werden. Die erwartet steilen Returns of Investment ergeben sich durch potentielle Skaleneffekte.

DVI: Sie haben im Mai von einem Gewinnmultiplikator von 20 gesprochen. Nimmt man unsere STRATEC-Ergebnisprognose von 2005, dann müsste der Kurs bei 16,80 Euro stehen. Welche Erklärung haben Sie dafür, dass STRATEC noch so weit von diesem Kursziel entfernt ist?

Herr Wolfinger: Der Multiplikator von 20 resultiert aus einem Peergroup-Vergleich einer großen süddeutschen Bank. Diese Meinung ist sicherlich nicht realitätsfremd, weil STRATEC neben dem bereits bewiesenen Umsatz- und Gewinnwachstum sehr gute Aussichten hat und die Anleger in ihrer Erwartungshaltung meist bestätigt hat. Die STRATEC-Aktie hat in den letzten Quartalen gut performt, aber auch wir können uns den Börseneinflüssen nicht entziehen. Von Fachleuten wurde interpretiert, dass die Situation im August 2004 durch das Auslösen von Stop-Loss-Limiten herbeigeführt wurde, was unsere Aktie von 14,40 Euro auf 11,80 Euro drückte. Dies hat jedoch mit der fundamentalen Geschäftsentwicklung nichts zu tun. STRATEC ist sicherlich kein Wertpapier für Trader, sondern für langfristig orientierte Anleger, die die gute Kalkulierbarkeit unseres Geschäfts-modells verstanden haben. Wir tun alles um von unserer Seite dazu beizutragen, das Verständnis am Kapitalmarkt für STRATEC zu erleichtern.

DVI: Sie sind ja für Ihre konservative Publikationspolitik bekannt, können Sie das starke Umsatzwachstum des ersten halben Jahres im zweiten Halbjahr halten und was für ein Ergebnis je Aktie wird STRATEC in 2004 voraussichtlich erzielen?

Herr Wolfinger: Der derzeitige Umsatz wird nur zum geringen Teil durch den Verkauf von Neusystemen verursacht. Für die Neusysteme hat die Markteinführung durch unsere Kunden zum Teil erst begonnen bzw. steht noch bevor. Daneben sehen wir zusätzliches Potenzial durch die Zulassung von Analysensystemen in neuen geographischen Regionen – beispielsweise des Galileo für die Vermarktung in Nordamerika und Japan. All dies und der Projektfortschritt in einem dezidierten Entwicklungsprojekt haben uns dazu bewegt, für 2004 keine Prognose zu veröffent-lichen. Bitte gehen Sie jedoch davon aus, dass auch für 2004 die STRATEC-Kenner nicht enttäuscht sein werden.

Wir gehen davon aus, dass das zweite Halbjahr 2004, wie in den Vorjahren auch, im Ergebnisbeitrag deutlich mithalten wird. Bisher erzielten wir zwischen 55% und 60 % unserer Jahresergebnisse im zweiten Halbjahr. Langfristig, d.h. bis 2008, liegt die Einschätzung der Analysten, die wir mehrfach bestätigt haben, bei einem durchschnittlichen jährlichem Wachstum im EBT von 30 % und im Umsatz von etwa 18%.

Durch das gute Halbjahresergebnis und der Ergebnisverteilung innerhalb der Quartale, liegt die Messlatte für 2004 im EPS oberhalb von 74 Cent je Aktie.

Wenn man berücksichtigt, dass das EPS 2001 noch bei 14 Cent je Aktie lag, dann haben wir bereits heute den Nachweis erbracht ein Wachstumsunternehmen zu sein. Bedingt durch die hohes Potential bietenden Entwicklungsprojekte ist davon auszugehen, dass wir diesen Kurs beibehalten und möglicherweise noch verstärken können.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.

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