24.08.04  DAS VORSTANDSINTERVIEW
GFT Technologies AG

Interviewpartner: Herr Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender
Das Interview wurde am 23.08.04 geführt. Kurs am 23.08.04 bei 1,27 Euro.

GFT HomepageHintergrund: GFT Technologies AG (GFT) ist eines der führenden Technologie-Unternehmen für integrierte e-Business-Lösungen in Europa. Als Partner langjähriger und etablierter Kunden implementiert GFT intelligente Geschäftsmodelle und innovative IT-Lösungen die auf modernsten Technologien beruhen. Das Unternehmen hat das Jahr 2003 genutzt, um zu restrukturieren und sich den neuen Marktgegebenheiten anzupassen. Mit Erfolg: Obwohl der Umsatz von 155,7 auf 138,1 Mio. Euro zurückgegangen ist, konnte das EBIT von -34,3 Mio. Euro auf -13,9 Mio. Euro verbessert und der Verlust im Ergebnis je Aktie von -1,09 auf -0,68 Euro reduziert werden. Im zweiten Quartal 2004 lag das Ergebnis je Aktie bei -0,14 Euro. Die Talsohle scheint daher fundamental erreicht zu sein. DVI sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden, Herrn Ulrich Dietz, über die zukünftigen Aussichten des Unternehmens.

Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Dietz, ist die Talsohle in Ihrer Branche erreicht, oder deutet die Entwicklung des Aktienkurses darauf hin – und Sie wissen ja, die Börse hat immer Recht – dass der Abwärtstrend noch nicht gebrochen ist?

Herr Dietz: Die Geschäfte laufen seit dem 4. Quartal 2003 wieder deutlich besser. Auch wenn die aktuellen Zahlen dies noch nicht ganz reflektieren, so spüren wir dennoch eine deutliche Steigerung der Nachfrage. Insofern kann ich ihre Frage mit einem absolutem „Ja“ beantworten, die Talsohle ist bereits durchschritten. Unsere sehr gute internationale Positionierung sowie die Fokussierung auf wenige Branchen wird sich schon kurzfristig auszahlen. Insbesondere laufen die Geschäfte in UK und Spanien sehr gut. Allein Deutschland und die Schweiz liegen noch etwas zurück.

DVI: In Ihrem Ausblick für die 2. Hälfte des laufenden Jahres waren Sie relativ optimistisch. Wie sicher sind Sie, dass dies nicht nur ein vorübergehendes Aufflackern des Geschäftes auf tiefem Niveau, sondern tatsächlich eine Trendwende im laufenden Jahr darstellt?

Herr Dietz: Aus den Gesprächen mit unseren Kunden gewinnen wir verstärkt den Eindruck, dass die Nachfrage gerade nach innovativen IT- Serviceleistungen über die kommenden Jahre weiter zunimmt. Wenn wir auch die traumhaften Wachstumsraten der 90er Jahre nicht so schnell wieder sehen werden, erwarten wir dennoch Wachstumsraten im IT-Sektor, die merklich über der Gesamtmarktentwicklung liegen.

DVI: Sie hatten ja bereits frühzeitig – zusammen mit dem Q1-Bericht – ein positives EBT in Aussicht gestellt. In welcher Größenordnung wird dies liegen, und was bedeutet das für das Ergebnis je Aktie?

Herr Dietz: Aus heutiger Sicht werden wir in den kommenden sechs Monaten ein positives Ergebnis vor Steuern erzielen. Es wird jedoch die Unterdeckung der ersten sechs Monate nicht kompensieren. Für das Gesamtjahr erwarten wir weiterhin ein positives Ergebnis auf EBITDA-Basis.

DVI: Sie machen rund 60 Prozent des Geschäftes mit der Deutschen Bank. Erwartet Ihr Großaktionär, dass Sie ihm einen Mengenbonus geben, oder sind die Preise mit anderen Großabnehmern vergleichbar?

Herr Dietz: Aufgrund ihrer Position als Großaktionär hat die Deutsche Bank von uns nie vergünstigte Konditionen erhalten. Wenn wir die Preise für die Deutsche Bank senken, dann liegen diese grundsätzlich im Rahmen der branchenweiten Preisbewegungen und stellen keine Ausnahme dar. Was unsere Großkunden im Allgemeinen angeht, so können wir das Key Account Management gezielt auf sie ausrichten, was zu günstigeren Kostenstrukturen im Vertrieb führt. Diese geben wir auch teilweise weiter. Das gilt aber für alle Großkunden, nicht nur für die Deutsche Bank.

DVI: Wie viel Prozent Ihrer Programmierarbeiten lassen Sie in Indien vornehmen, und wie sind die Preisvorteile der indischen Programmierer im Vergleich zu tschechischen und polnischen Anbietern?

Herr Dietz: Der Preisvorteil unserer ungarischen Produktionsstätte gegenüber den deutschen Kostensätzen liegt bei etwa 50 Prozent, der Preisvorteil in Indien bei etwa 90 Prozent. Durch so genanntes Near- oder Offshoring, also die Produktion an Standorten außerhalb Deutschlands, ergeben sich etwas höhere Anforderungen an Management, Organisation und Kommunikation, so dass sich der Gesamtkostenvorteil wiederum je nach Projektgröße um 10 bis 20 Prozent verringert. Das Projektgeschäft in Deutschland wird generell von einer zunehmenden Nachfrage nach internationalen Produktionskapazitäten geprägt. Auf diese Marktsituation hat sich die GFT-Gruppe bereits 2003 eingestellt und kann heute entsprechend agieren. Heute sind unsere rund 60 Mitarbeiter in Indien ausgelastet, bis zum Jahresende gehen wir davon aus, zusätzliche Mitarbeiter einstellen zu müssen. Unsere spanischen Tochtergesellschaften stellen bereits seit Mitte letzten Jahres zusätzliche Mitarbeiter ein.

DVI: Welche Erwartungen haben Sie für das zweite Halbjahr 2004 und um wie viel Prozent sind die beiden letzten Quartale in der Regel stärker als die ersten sechs Monate?

Herr Dietz: Wir rechnen damit, dass die Umsätze im zweiten Halbjahr im Vergleich zum ersten Halbjahr um 10 bis 15 Prozent steigen werden. Bis vor zwei Jahren war in unserer Branche generell davon auszugehen, dass das dritte Quartal aufgrund der Urlaubszeit eher schlechter ausfällt. Das vierte Quartal war meist das stärkste, da die Unternehmen zum Jahresende hin noch ihre Budgets aufbrauchten. Heute kann man dies nicht von vornherein einkalkulieren – unsere Kunden treten das ganze Jahr hindurch auf die Kostenbremse, ob nun zum Jahresanfang oder zum Jahresende.

Aber wir haben unsere Vertriebsaktivitäten in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich forciert und fokussiert und konnten dadurch noch einige sehr interessante internationale Projekte für das zweite Halbjahr und die Zeit danach hinzugewinnen. Dabei bieten unsere kostengünstigen internationalen Produktionsmöglichkeiten echte Wettbewerbsvorteile und werden gerade von unseren Bestandskunden sehr gut in Anspruch genommen. Das stimmt uns optimistisch. Gerade in den letzten Tagen haben wir einige sehr interessante und umfangreiche Projekte gewonnen, was unsere Strategie absolut bestätigt hat.

DVI: Welche Umsatz- und Ertragserwartungen haben Sie für das kommende Jahr?

Herr Dietz: Der deutsche IT-Markt soll 2005 in der Summe um 3,7 Prozent zulegen, wir planen im Vergleich zu dieser Größe ein überdurchschnittliches Wachstum und wollen möglichst zügig wieder alte Wachstumsraten erreichen. Im Klartext: Wir erwarten einen Umsatz deutlich über 140 Mio. € und ein positives EBT von 3-5 % vom Umsatz, also zirka 5 bis 6 Mio. Euro.

DVI: Wo sind Ihre strategischen Ziele für die nächsten fünf Jahre?

Herr Dietz: Unser klares Ziel ist es, die Position von GFT als einer der führenden europäischen Player für innovative und interaktive IT-Lösungen im Markt weiter zu festigen. Wir werden unsere Position in den Branchen Financial Services, Postal Services und Industries verstärkt ausbauen.

Als einer der wenigen Anbieter, der die erste Internet-Euphorie überlebt hat, werden wir unser Angebot für interaktive Lösungen weiter ausbauen und dieses Angebot europaweit unseren Kunden anbieten. Die GFT-Gruppe wird europaweit zu den besten Anbietern für Services, Software und Third Party Management zählen, weil innovative Produkt- und Projektlösungen, kombiniert mit den internationalen Produktionsmöglichkeiten, derzeit von so gut wie keinem anderen mittelständischen Anbieter in dieser Form angeboten werden kann.

Bereits heute sind wir sehr gut aufgestellt. Wir haben eine Größe erreicht, mit der wir auch große Projekte für Multinationals realisieren können, sind aber nichts desto trotz schlank genug, um die persönliche Beziehung zu unseren Kunden und deren individuellen Wünsche nicht zu vernachlässigen.

DVI: Weshalb haben Sie sich jüngst von Ihrer 85%-Beteiligung GfT Systems getrennt?

Herr Dietz: Wir haben uns von der GFT Systems in Ilmenau getrennt, weil wir es uns vorgenommen hatten unsere Produktionsstandorte in Deutschland zu reduzieren.

Das ist die konsequente Umsetzung dieser Strategie. Wir werden aber mit dem Unternehmen sowohl gesellschaftsrechtlich mit 10 % als auch in verschiedenen gemeinsamen Projekten freundschaftlich verbunden bleiben.

In gleichem Maße werden wir dieses Jahr unsere Standorte in Indien, Ungarn und Spanien ausbauen, so dass unter dem Strich ein besseres Cost Income Ratio erzielt werden kann. Dies ist einer der wesentlichen Gründe für die Ertragsverbesserung im kommenden Jahr.

DVI: Worauf führen Sie den Kursrückgang der letzten Wochen zurück? Waren es primär die Abgaben institutioneller Anleger oder ein schlechtes zweites Quartal?

Herr Dietz: Durch den Verkauf des Aktienpaketes der Deutschen Post AG in den letzten sechs Monaten ist bei einigen Aktionären eine gewisse Unsicherheit aufgetreten. Die Post hat in der Zwischenzeit ihren Bestand vollständig abgegeben und meines Wissens ist derzeit nicht mit weiteren Abgaben von institutionellen Anlegern zu rechnen.

Wie sie sich sicher vorstellen können sind weder meine Vorstandskollegen und ich noch unsere Mitarbeiter mit der Kurs-Entwicklung zufrieden.

Bei der anhaltend stabilen bilanziellen Situation unserer Gesellschaft ist dieser Wertverfall der Aktie für uns alle nicht nachvollziehbar. Das zweite Quartal hat sich im Rahmen unserer Erwartungen entwickelt – das kann nicht der Grund für diesen Rückgang sein, zumal diese Information vor Veröffentlichung des Halbjahresberichts nicht im Markt bekannt gewesen sein kann. Allein die Cash-Position betrug pro Aktie per 30.6. rund 0,80 Euro. Die aktuelle Marktkapitalisierung beträgt knapp 32 Mio. Euro. Zieht man davon den Cashbestand von rund 20 Mio. Euro ab, so verbleibt ein Unternehmenswert nach Cash von rund 12 Mio. Euro. Das ist für ein international positioniertes Unternehmen mit mehr als 130 Mio. € Umsatz eine absolute Unterbewertung.

DVI: Werden Sie der Unterbewertung mit besonders intensiver IR-Arbeit begegnen, oder welche Strategien haben Sie für die Kapitalmarktkommunikation in den kommenden Monaten?

Herr Dietz: Wir werden unsere offene Kommunikationspolitik weiter konsequent fortsetzen und die Kapitalmarktteilnehmer laufend, aktuell und umfassend über die Geschäftsentwicklung von GFT informieren. So stehen wir regelmäßig in Kontakt mit institutionellen Anlegern und werden diesen Kontakt im Herbst bei zwei Kapitalmarktkonferenzen in Frankfurt weiter intensivieren. Unser Ziel ist es, Vertrauen zu schaffen und unsere Anleger langfristig für uns zu gewinnen.

DVI: Wo sehen Sie einen fairen Kurs für die Aktie innerhalb der nächsten 10-12 Monate?

Herr Dietz: Unser Kurs war Ende 2003 bei 3,60 Euro, danach sprachen einige große Investoren davon, dass eine faire Bewertung bei 6 Euro liegt. Insofern ist die GFT Aktie zum heutigen Tag ein echtes „Schnäppchen“, zumal das Verhältnis Umsatz/Börsenkapitalisierung für 2005 bei etwa 23 Prozent liegt. Auf Basis des von uns erwarteten EBIT 2005 von zirka 5 ergibt dies ein Ergebnis von 18 Cent je Aktie, dies bedeutet, dass wir ein KGV von ca. 7 haben. Auch nach dem Kursrutsch vieler großer Technologieaktien in Deutschland bewegen wir uns damit am absolut unteren Ende der Bewertungsskala, und dies wird die Börse mittelfristig wieder korrigieren.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.

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