GFT Technologies AG
Interviewpartner: Herr Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender
Das Interview wurde am 23.08.04 geführt. Kurs am 23.08.04 bei 1,27
Euro.
Hintergrund:
GFT Technologies AG (GFT) ist eines der führenden Technologie-Unternehmen
für integrierte e-Business-Lösungen in Europa. Als Partner
langjähriger und etablierter Kunden implementiert GFT intelligente
Geschäftsmodelle und innovative IT-Lösungen die auf modernsten
Technologien beruhen. Das Unternehmen hat das Jahr 2003 genutzt, um
zu restrukturieren und sich den neuen Marktgegebenheiten anzupassen.
Mit Erfolg: Obwohl der Umsatz von 155,7 auf 138,1 Mio. Euro zurückgegangen
ist, konnte das EBIT von -34,3 Mio. Euro auf -13,9 Mio. Euro verbessert
und der Verlust im Ergebnis je Aktie von -1,09 auf -0,68 Euro reduziert
werden. Im zweiten Quartal 2004 lag das Ergebnis je Aktie bei -0,14
Euro. Die Talsohle scheint daher fundamental erreicht zu sein. DVI sprach
mit dem Vorstandsvorsitzenden, Herrn Ulrich Dietz, über die zukünftigen
Aussichten des Unternehmens.
Das Vorstandsinterview (DVI): Herr Dietz, ist die Talsohle
in Ihrer Branche erreicht, oder deutet die Entwicklung des Aktienkurses
darauf hin – und Sie wissen ja, die Börse hat immer Recht
– dass der Abwärtstrend noch nicht gebrochen ist?
Herr Dietz: Die Geschäfte laufen seit dem 4. Quartal
2003 wieder deutlich besser. Auch wenn die aktuellen Zahlen dies noch
nicht ganz reflektieren, so spüren wir dennoch eine deutliche Steigerung
der Nachfrage. Insofern kann ich ihre Frage mit einem absolutem „Ja“
beantworten, die Talsohle ist bereits durchschritten. Unsere sehr gute
internationale Positionierung sowie die Fokussierung auf wenige Branchen
wird sich schon kurzfristig auszahlen. Insbesondere laufen die Geschäfte
in UK und Spanien sehr gut. Allein Deutschland und die Schweiz liegen
noch etwas zurück.
DVI: In Ihrem Ausblick für die 2. Hälfte
des laufenden Jahres waren Sie relativ optimistisch. Wie sicher sind
Sie, dass dies nicht nur ein vorübergehendes Aufflackern des Geschäftes
auf tiefem Niveau, sondern tatsächlich eine Trendwende im laufenden
Jahr darstellt?
Herr Dietz: Aus den Gesprächen mit unseren Kunden
gewinnen wir verstärkt den Eindruck, dass die Nachfrage gerade
nach innovativen IT- Serviceleistungen über die kommenden Jahre
weiter zunimmt. Wenn wir auch die traumhaften Wachstumsraten der 90er
Jahre nicht so schnell wieder sehen werden, erwarten wir dennoch Wachstumsraten
im IT-Sektor, die merklich über der Gesamtmarktentwicklung liegen.
DVI: Sie hatten ja bereits frühzeitig –
zusammen mit dem Q1-Bericht – ein positives EBT in Aussicht gestellt.
In welcher Größenordnung wird dies liegen, und was bedeutet
das für das Ergebnis je Aktie?
Herr Dietz: Aus heutiger Sicht werden wir in den kommenden
sechs Monaten ein positives Ergebnis vor Steuern erzielen. Es wird jedoch
die Unterdeckung der ersten sechs Monate nicht kompensieren. Für
das Gesamtjahr erwarten wir weiterhin ein positives Ergebnis auf EBITDA-Basis.
DVI: Sie machen rund 60 Prozent des Geschäftes
mit der Deutschen Bank. Erwartet Ihr Großaktionär, dass Sie
ihm einen Mengenbonus geben, oder sind die Preise mit anderen Großabnehmern
vergleichbar?
Herr Dietz: Aufgrund ihrer Position als Großaktionär
hat die Deutsche Bank von uns nie vergünstigte Konditionen erhalten.
Wenn wir die Preise für die Deutsche Bank senken, dann liegen diese
grundsätzlich im Rahmen der branchenweiten Preisbewegungen und
stellen keine Ausnahme dar. Was unsere Großkunden im Allgemeinen
angeht, so können wir das Key Account Management gezielt auf sie
ausrichten, was zu günstigeren Kostenstrukturen im Vertrieb führt.
Diese geben wir auch teilweise weiter. Das gilt aber für alle Großkunden,
nicht nur für die Deutsche Bank.
DVI: Wie viel Prozent Ihrer Programmierarbeiten lassen
Sie in Indien vornehmen, und wie sind die Preisvorteile der indischen
Programmierer im Vergleich zu tschechischen und polnischen Anbietern?
Herr Dietz: Der Preisvorteil unserer ungarischen Produktionsstätte
gegenüber den deutschen Kostensätzen liegt bei etwa 50 Prozent,
der Preisvorteil in Indien bei etwa 90 Prozent. Durch so genanntes Near-
oder Offshoring, also die Produktion an Standorten außerhalb Deutschlands,
ergeben sich etwas höhere Anforderungen an Management, Organisation
und Kommunikation, so dass sich der Gesamtkostenvorteil wiederum je
nach Projektgröße um 10 bis 20 Prozent verringert. Das Projektgeschäft
in Deutschland wird generell von einer zunehmenden Nachfrage nach internationalen
Produktionskapazitäten geprägt. Auf diese Marktsituation hat
sich die GFT-Gruppe bereits 2003 eingestellt und kann heute entsprechend
agieren. Heute sind unsere rund 60 Mitarbeiter in Indien ausgelastet,
bis zum Jahresende gehen wir davon aus, zusätzliche Mitarbeiter
einstellen zu müssen. Unsere spanischen Tochtergesellschaften stellen
bereits seit Mitte letzten Jahres zusätzliche Mitarbeiter ein.
DVI: Welche Erwartungen haben Sie für das zweite
Halbjahr 2004 und um wie viel Prozent sind die beiden letzten Quartale
in der Regel stärker als die ersten sechs Monate?
Herr Dietz: Wir rechnen damit, dass die Umsätze
im zweiten Halbjahr im Vergleich zum ersten Halbjahr um 10 bis 15 Prozent
steigen werden. Bis vor zwei Jahren war in unserer Branche generell
davon auszugehen, dass das dritte Quartal aufgrund der Urlaubszeit eher
schlechter ausfällt. Das vierte Quartal war meist das stärkste,
da die Unternehmen zum Jahresende hin noch ihre Budgets aufbrauchten.
Heute kann man dies nicht von vornherein einkalkulieren – unsere
Kunden treten das ganze Jahr hindurch auf die Kostenbremse, ob nun zum
Jahresanfang oder zum Jahresende.
Aber wir haben unsere Vertriebsaktivitäten in
den vergangenen Monaten noch einmal deutlich forciert und fokussiert
und konnten dadurch noch einige sehr interessante internationale Projekte
für das zweite Halbjahr und die Zeit danach hinzugewinnen. Dabei
bieten unsere kostengünstigen internationalen Produktionsmöglichkeiten
echte Wettbewerbsvorteile und werden gerade von unseren Bestandskunden
sehr gut in Anspruch genommen. Das stimmt uns optimistisch. Gerade in
den letzten Tagen haben wir einige sehr interessante und umfangreiche
Projekte gewonnen, was unsere Strategie absolut bestätigt hat.
DVI: Welche Umsatz- und Ertragserwartungen haben Sie
für das kommende Jahr?
Herr Dietz: Der deutsche IT-Markt soll 2005 in der
Summe um 3,7 Prozent zulegen, wir planen im Vergleich zu dieser Größe
ein überdurchschnittliches Wachstum und wollen möglichst zügig
wieder alte Wachstumsraten erreichen. Im Klartext: Wir erwarten einen
Umsatz deutlich über 140 Mio. € und ein positives EBT von
3-5 % vom Umsatz, also zirka 5 bis 6 Mio. Euro.
DVI: Wo sind Ihre strategischen Ziele für die
nächsten fünf Jahre?
Herr Dietz: Unser klares Ziel ist es, die Position
von GFT als einer der führenden europäischen Player für
innovative und interaktive IT-Lösungen im Markt weiter zu festigen.
Wir werden unsere Position in den Branchen Financial Services, Postal
Services und Industries verstärkt ausbauen.
Als einer der wenigen Anbieter, der die erste Internet-Euphorie
überlebt hat, werden wir unser Angebot für interaktive Lösungen
weiter ausbauen und dieses Angebot europaweit unseren Kunden anbieten.
Die GFT-Gruppe wird europaweit zu den besten Anbietern für Services,
Software und Third Party Management zählen, weil innovative Produkt-
und Projektlösungen, kombiniert mit den internationalen Produktionsmöglichkeiten,
derzeit von so gut wie keinem anderen mittelständischen Anbieter
in dieser Form angeboten werden kann.
Bereits heute sind wir sehr gut aufgestellt. Wir haben
eine Größe erreicht, mit der wir auch große Projekte
für Multinationals realisieren können, sind aber nichts desto
trotz schlank genug, um die persönliche Beziehung zu unseren Kunden
und deren individuellen Wünsche nicht zu vernachlässigen.
DVI: Weshalb haben Sie sich jüngst von Ihrer 85%-Beteiligung
GfT Systems getrennt?
Herr Dietz: Wir haben uns von der GFT Systems in Ilmenau
getrennt, weil wir es uns vorgenommen hatten unsere Produktionsstandorte
in Deutschland zu reduzieren.
Das ist die konsequente Umsetzung dieser Strategie.
Wir werden aber mit dem Unternehmen sowohl gesellschaftsrechtlich mit
10 % als auch in verschiedenen gemeinsamen Projekten freundschaftlich
verbunden bleiben.
In gleichem Maße werden wir dieses Jahr unsere
Standorte in Indien, Ungarn und Spanien ausbauen, so dass unter dem
Strich ein besseres Cost Income Ratio erzielt werden kann. Dies ist
einer der wesentlichen Gründe für die Ertragsverbesserung
im kommenden Jahr.
DVI: Worauf führen Sie den Kursrückgang der
letzten Wochen zurück? Waren es primär die Abgaben institutioneller
Anleger oder ein schlechtes zweites Quartal?
Herr Dietz: Durch den Verkauf des Aktienpaketes der
Deutschen Post AG in den letzten sechs Monaten ist bei einigen Aktionären
eine gewisse Unsicherheit aufgetreten. Die Post hat in der Zwischenzeit
ihren Bestand vollständig abgegeben und meines Wissens ist derzeit
nicht mit weiteren Abgaben von institutionellen Anlegern zu rechnen.
Wie sie sich sicher vorstellen können sind weder
meine Vorstandskollegen und ich noch unsere Mitarbeiter mit der Kurs-Entwicklung
zufrieden.
Bei der anhaltend stabilen bilanziellen Situation unserer
Gesellschaft ist dieser Wertverfall der Aktie für uns alle nicht
nachvollziehbar. Das zweite Quartal hat sich im Rahmen unserer Erwartungen
entwickelt – das kann nicht der Grund für diesen Rückgang
sein, zumal diese Information vor Veröffentlichung des Halbjahresberichts
nicht im Markt bekannt gewesen sein kann. Allein die Cash-Position betrug
pro Aktie per 30.6. rund 0,80 Euro. Die aktuelle Marktkapitalisierung
beträgt knapp 32 Mio. Euro. Zieht man davon den Cashbestand von
rund 20 Mio. Euro ab, so verbleibt ein Unternehmenswert nach Cash von
rund 12 Mio. Euro. Das ist für ein international positioniertes
Unternehmen mit mehr als 130 Mio. € Umsatz eine absolute Unterbewertung.
DVI: Werden Sie der Unterbewertung mit besonders intensiver
IR-Arbeit begegnen, oder welche Strategien haben Sie für die Kapitalmarktkommunikation
in den kommenden Monaten?
Herr Dietz: Wir werden unsere offene Kommunikationspolitik
weiter konsequent fortsetzen und die Kapitalmarktteilnehmer laufend,
aktuell und umfassend über die Geschäftsentwicklung von GFT
informieren. So stehen wir regelmäßig in Kontakt mit institutionellen
Anlegern und werden diesen Kontakt im Herbst bei zwei Kapitalmarktkonferenzen
in Frankfurt weiter intensivieren. Unser Ziel ist es, Vertrauen zu schaffen
und unsere Anleger langfristig für uns zu gewinnen.
DVI: Wo sehen Sie einen fairen Kurs für die Aktie
innerhalb der nächsten 10-12 Monate?
Herr Dietz: Unser Kurs war Ende 2003 bei 3,60 Euro,
danach sprachen einige große Investoren davon, dass eine faire
Bewertung bei 6 Euro liegt. Insofern ist die GFT Aktie zum heutigen
Tag ein echtes „Schnäppchen“, zumal das Verhältnis
Umsatz/Börsenkapitalisierung für 2005 bei etwa 23 Prozent
liegt. Auf Basis des von uns erwarteten EBIT 2005 von zirka 5 ergibt
dies ein Ergebnis von 18 Cent je Aktie, dies bedeutet, dass wir ein
KGV von ca. 7 haben. Auch nach dem Kursrutsch vieler großer Technologieaktien
in Deutschland bewegen wir uns damit am absolut unteren Ende der Bewertungsskala,
und dies wird die Börse mittelfristig wieder korrigieren.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de