17.08.04  DAS VORSTANDSINTERVIEW
Brain Force Software AG

Interviewpartner: Helmut Fleischmann, Vorstandsvorsitzender
Gehaltene Aktien: 2,4 Mio. Aktien privat und über die Fleischmann-Privatstiftung von 10,257 Mio. Aktien des Grundkapitals
Das Interview wurde am 13.08.04 geführt.

Brain Force HomepageHintergrund: BrainForce, ein mittelständischer IT-Solution-Provider, hatte im Vorstands-interview vom 24. Mai 2004 unseren Lesern in Aussicht gestellt, im laufenden Jahr ein EBIT von 2,8 Mio. Euro und im kommenden Jahr ein EBIT von 3,7 Mio. Euro zu erzielen. In den letzten zweieinhalb Monaten hat BrainForce sehr turbulente Zeiten mitmachen müssen: Zum einen hat einer der BrainForce-Akquisitionskandidaten, die Wiener Topcall, in einer adhoc-Mitteilung erklärt, dass die geplante Kapitalerhöhung bei BrainForce von 7,25 Mio. Euro nicht vollständig habe platziert werden können, zum anderen hat Topcall die Übernahme als feindlich erklärt und der Wiener Brain-Force damit einen klaren „Korb“ gegeben. Wir haben wiederum den Vorstands-vorsitzenden, Herrn Helmut Fleischmann, gefragt, wie er die aktuelle Lage in seinem Unter-nehmen einschätzt, denn derzeit liegt der aktuelle Kurs immer noch unter dem Ausgabekurs der neuen Aktien.

DVI: Herr Fleischmann, hatten Sie – was die geplanten Übernahmen betraf – ein glückliches Händchen?

Herr Fleischmann: Ich denke, daß es deutlich zu früh ist, hier eine Wertung vorzunehmen. Wir haben die Kapitalerhöhungen durchgeführt, um unsere Strategie 2005 zu verwirklichen. Diese Strategie sieht vor, dass wir durch Akquisitionen im laufenden und im nächsten Geschäftsjahr die Going Rate für das geplante Umsatzvolumen von EUR 110 Mio. erreichen. Dafür stehen wir mit mehreren Unternehmen in Übernahmeverhandlungen.

Ein sehr interessanter Kandidat ist die Topcall International AG, die sicher sehr gut zu unserem Segment Communication Networks passen würde. Darum haben wir auch im ersten Schritt eine Beteiligung in der Höhe von etwa 8 Prozent erworben. Auch der Vorstand der Topcall war in den ersten Gesprächen der Ansicht, dass die beiden Unternehmen gut zueinander passen würden und das es interessante Synergien geben könnte. Laut der öffentlich zugänglichen Informationen und laut Information der Kapitalmarktaufsicht in Österreich gab es nur zwei Aktionäre, die mehr als 5 Prozent der Aktien der Topcall hielten. Es handelte sich dabei um die IF Innovationsförderungs-stiftung mit 12,79 Prozent der Anteile und um Herrn Martin Hannah, der 5,18 Prozent der Anteile hält.

Die restlichen Aktien sollten sich im Streubesitz befinden. Auch der Börseneinführungsprospekt der Topcall für die Wiener Börse bestätigte diese Anteilsverhältnisse und enthielt auch keine Hinweise auf das Bestehen von Syndikatsverträgen. Für uns waren das geradezu ideale Voraussetzungen für ein öffentliches Übernahmeangebot. Leider hat dann der Aufsichtsrat der Topcall, getrieben durch die IF Innovationsförderungsstiftung den Vorstand der Topcall untersagt, weiter Verhandlungen mit dem Vorstand der Brain Force zu führen. Zusätzlich hatte diese Stiftung eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen um, so der Brief an den Vorstand, Ihre einflussreiche Position in der Topcall zu sichern. In dieser außerordentlichen Hauptversammlung wurden die Anträge der IF Innovationsförderungsprivatstiftung durch ein gemeinsames Vorgehen mit dem Gründer Dr. Reumann und anderen Aktionären durchgebracht. Unter anderem wurde der Aufsichtsrat um 4 Mitglieder, die diese Aktionärsgruppe vorschlug, erweitert und langfristig bestellt und die Satzung in verschiedenen Punkten geändert.

Wir sehen in diesem gemeinsamen Vorgehen der Aktionäre einen klaren Verstoß gegen das Übernahmegesetz, nachdem eine Aktionärsgruppe, die die Kontrolle über eine Gesellschaft erlangt auch ein Übernahmeangebot legen muß. Unserer Meinung nach hätten die Stimmen dieser Aktionärsgruppe bei der außerordentlichen Hauptversammlung und auch danach solange ruhen müssen, bis ein Übernahmeangebot vorgelegt wird. Darum haben wir die Übernahme-kommission in Wien jetzt zu einer Überprüfung der Vorgänge aufgefordert und die Hauptver-sammlungsbeschlüsse, für die Widersprüche zu Protokoll gegeben wurden gerichtlich angefochten. Am 12.08.04 wurde veröffentlicht, dass die Übernahmekommission die Einleitung eines Feststellungsverfahrens beschlossen hat. Sollte dies zu einem positiven Abschluß führen, dann werden die HV-Anträge unter Auschluß der Stimmen dieser Aktionärsgruppe betrachtet und gefaßt. In diesem Fall würde ich selbst in den Aufsichtsrat der Topcall gewählt und die Satzungsänderungen würden unterbleiben. Einem Übernahmeangebot würde dann nichts mehr im Wege stehen. Entscheidet die Übernahmekommission gegen uns, dann werden wir unsere Beteiligung weiter halten und bei interessanten Kursen sogar aufstocken, aber vorerst kein Übernahmeangebot machen. Jetzt, wo Sie den Sachverhalt genauer kennen, überlasse ich es Ihnen zu beurteilen, ob wir in dieser Angelegenheit ein glückliches Händchen hatten.

DVI: Wenn ich Sie richtig verstehe, ist die derzeitige Situation bei Topcall beileibe kein Beinbruch und Sie finden auch genügend andere – vielleicht noch preiswertere – Übernahmekandidaten. Sehen Sie das auch so?

Herr Fleischmann: Wie gesagt ist Topcall nur eine von mehreren Chancen. Wir sehen aber keine Notwendigkeit jetzt mit Hochdruck zu verhandeln. Wir werden das für Übernahmen zur Verfügung stehende Kapital sehr überlegt einsetzten. Wer unter Druck verhandelt, der erzielt in der Regel keine guten Ergebnisse und ganz sicher keine guten Preise. Wir sehen uns die Unternehmen, die wir als potentielle Kandidaten identifiziert haben genau an und überprüfen die Werthaltigkeit in Bezug auf die zu bezahlenden Preise detailliert. Wir werden sicher keine überhöhten Preise bezahlen, das haben wir aber auch in den Gesprächen mit Topcall eindeutig klar gemacht.

DVI: Sind die Expansionspläne jetzt reduziert, nachdem Sie die Kapitalerhöhung nicht voll unter-gebracht haben?

Herr Fleischmann: Nein, die uns zur Verfügung stehenden Mittel ermöglichen uns nach wie vor die Umsetzung unserer Pläne. Wir haben ja immer klargemacht, dass wir die Expansionsstrategie durch Eigenmittel, Aktien und Fremdmittel finanzieren werden.

DVI: Welche Eigenkapitalquote haben Sie per 30.6. nach der Kapitalerhöhung, und welche ist für Sie wünschenswert?

Herr Fleischmann: Unsere Eigenkapitalquote per 30.06.2004 beträgt 57,1 Prozent. Langfristig streben wir an die Quote zumindest über 50 Prozent zu halten. Es hat sich gezeigt, dass wir mit dieser Quote in der Lage sind, Akquisitionen durch Beimischung von Fremdkapital zu finanzieren und so einen Leverage für unsere Aktionäre erzielen.

DVI: Sind Sie mit den erreichten Ergebnissen des ersten Halbjahres zufrieden, oder liegt dies unter Ihren Erwartungen?

Herr Fleischmann: Wir sind mit der laufenden Geschäftsentwicklung sehr zufrieden. Die Ergebnisse des 1. Halbjahres liegen innerhalb unserer Erwartungen. Das bedeutet, dass wir den eingeplanten deutlichen Ergebnissprung auch tatsächlich realisieren können.

DVI: Können Sie an den ursprünglich gegebenen Prognosen von ca. 66 Mio. Euro Umsatz und einem EBIT von 2,8 Mio. Euro für 2004 festhalten, und wo wird dann das Ergebnis je Aktie liegen?

Herr Fleischmann: Ja, am EBIT Ziel halten wir ganz klar fest. Für das Ergebnis pro Aktie erwarten wir 0,16 EUR für dieses Jahr.

DVI: Gibt es einen Revisionsbedarf für das geplante Umsatzniveau von 110 Mio. Euro und das ursprünglich avisierte EBIT von 6,9 Mio. Euro?

Herr Fleischmann: Nein, wir halten an den Zielen, die wir in unserer Strategie 2005 formuliert haben, nach wie vor fest. Wir stehen auch nicht unter Zeitdruck und verfügen über genügend Chancen, die dafür nötigen Akquisitionen auch umsetzen zu können.

DVI: Sie machen mehr als 50% Ihrer Umsätze in Deutschland, sind auch Ihre Aktionäre schwer-punktmäßig hier vertreten oder sitzen diese vornehmlich in Österreich?

Herr Fleischmann: Unserer Information nach sind, außer den Kernaktionären, die aus der Helmut Fleischmann Privatstiftung und mir selbst bestehen, fast ausschließlich deutsche Investoren beteiligt. Dazu zählen führende Fondsgesellschaften wie DWS, DIT, Kepler (vormals Bank Bär) und VCH.

DVI: Warum haben Sie keine deutsche Emissionsbank gesucht oder auch nicht gefunden?

Herr Fleischmann: Die Kapitalerhöhung wurde von der Capital Bank in Österreich und der Baader Wertpapierbank in Deutschland begleitet. Die Emission wurde an der Wiener Börse notiert, wird aber selbstverständlich auch in Deutschland gehandelt. Es war eine strategische Entscheidung, eine österreichische Bank als Lead-Bank zu nominieren. Das Ziel war, verstärkt Investoren aus Österreich dazu zu gewinnen.

DVI: Wie können Sie die steuerlichen Verlustvorträge in der Gruppe optimal verwerten?

Herr Fleischmann: Wir haben nun eine Struktur gefunden, die es uns ermöglicht die steuerlichen Verlustvorträge in Höhe von ca. 60 Mio. EUR, die wir mit der Brain Force Financial Solutions AG erworben haben, deutlich schneller zu kapitalisieren und die Ertragskraft sämtlicher Geschäfts-einheiten in Deutschland erheblich zu steigern. Dazu wird es in der Gesellschaftsstruktur in Deutschland zu einer Reorganisation bis zum Jahresende kommen.

DVI: Wie stufen Sie das derzeitige Kursniveau ein und wie werden Sie Ihr Versprechen erfüllen, verstärkt IR-Arbeit zu betreiben?

Herr Fleischmann: Wir halten die Brain Force Aktie für deutlich unterbewertet. Wir notieren derzeit auf Eigenkapitalniveau. Das Eigenkapital pro Aktie beträgt zur Zeit EUR 2,71 und das Cash pro Aktie beträgt EUR 1,57. Zusätzlich verfügen wir über stille Reserven aus der Beteiligung an der Brain Force Financial Solutions AG, der ehemaligen NSE Software AG, von etwa EUR 4,0 Millionen. Der Wert dieser stillen Reserve pro Aktie beträgt ungefähr EUR 0,4. Berücksichtigt man diese stillen Reserven, dann übersteigt der Net Asset Value den Wert der Börsennotierung.

DVI: Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.

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