Brain Force Software
AG
Interviewpartner: Helmut Fleischmann, Vorstandsvorsitzender
Gehaltene Aktien: 2,4 Mio. Aktien privat und über die Fleischmann-Privatstiftung
von 10,257 Mio. Aktien des Grundkapitals
Das Interview wurde am 13.08.04 geführt.
Hintergrund:
BrainForce, ein mittelständischer IT-Solution-Provider, hatte im
Vorstands-interview vom 24. Mai 2004 unseren Lesern in Aussicht gestellt,
im laufenden Jahr ein EBIT von 2,8 Mio. Euro und im kommenden Jahr ein
EBIT von 3,7 Mio. Euro zu erzielen. In den letzten zweieinhalb Monaten
hat BrainForce sehr turbulente Zeiten mitmachen müssen: Zum einen
hat einer der BrainForce-Akquisitionskandidaten, die Wiener Topcall,
in einer adhoc-Mitteilung erklärt, dass die geplante Kapitalerhöhung
bei BrainForce von 7,25 Mio. Euro nicht vollständig habe platziert
werden können, zum anderen hat Topcall die Übernahme als feindlich
erklärt und der Wiener Brain-Force damit einen klaren „Korb“
gegeben. Wir haben wiederum den Vorstands-vorsitzenden, Herrn Helmut
Fleischmann, gefragt, wie er die aktuelle Lage in seinem Unter-nehmen
einschätzt, denn derzeit liegt der aktuelle Kurs immer noch unter
dem Ausgabekurs der neuen Aktien.
DVI: Herr Fleischmann, hatten Sie – was die geplanten
Übernahmen betraf – ein glückliches Händchen?
Herr Fleischmann: Ich denke, daß es deutlich
zu früh ist, hier eine Wertung vorzunehmen. Wir haben die Kapitalerhöhungen
durchgeführt, um unsere Strategie 2005 zu verwirklichen. Diese
Strategie sieht vor, dass wir durch Akquisitionen im laufenden und im
nächsten Geschäftsjahr die Going Rate für das geplante
Umsatzvolumen von EUR 110 Mio. erreichen. Dafür stehen wir mit
mehreren Unternehmen in Übernahmeverhandlungen.
Ein sehr interessanter Kandidat ist die Topcall International
AG, die sicher sehr gut zu unserem Segment Communication Networks passen
würde. Darum haben wir auch im ersten Schritt eine Beteiligung
in der Höhe von etwa 8 Prozent erworben. Auch der Vorstand der
Topcall war in den ersten Gesprächen der Ansicht, dass die beiden
Unternehmen gut zueinander passen würden und das es interessante
Synergien geben könnte. Laut der öffentlich zugänglichen
Informationen und laut Information der Kapitalmarktaufsicht in Österreich
gab es nur zwei Aktionäre, die mehr als 5 Prozent der Aktien der
Topcall hielten. Es handelte sich dabei um die IF Innovationsförderungs-stiftung
mit 12,79 Prozent der Anteile und um Herrn Martin Hannah, der 5,18 Prozent
der Anteile hält.
Die restlichen Aktien sollten sich im Streubesitz befinden.
Auch der Börseneinführungsprospekt der Topcall für die
Wiener Börse bestätigte diese Anteilsverhältnisse und
enthielt auch keine Hinweise auf das Bestehen von Syndikatsverträgen.
Für uns waren das geradezu ideale Voraussetzungen für ein
öffentliches Übernahmeangebot. Leider hat dann der Aufsichtsrat
der Topcall, getrieben durch die IF Innovationsförderungsstiftung
den Vorstand der Topcall untersagt, weiter Verhandlungen mit dem Vorstand
der Brain Force zu führen. Zusätzlich hatte diese Stiftung
eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen um, so der Brief
an den Vorstand, Ihre einflussreiche Position in der Topcall zu sichern.
In dieser außerordentlichen Hauptversammlung wurden die Anträge
der IF Innovationsförderungsprivatstiftung durch ein gemeinsames
Vorgehen mit dem Gründer Dr. Reumann und anderen Aktionären
durchgebracht. Unter anderem wurde der Aufsichtsrat um 4 Mitglieder,
die diese Aktionärsgruppe vorschlug, erweitert und langfristig
bestellt und die Satzung in verschiedenen Punkten geändert.
Wir sehen in diesem gemeinsamen Vorgehen der Aktionäre
einen klaren Verstoß gegen das Übernahmegesetz, nachdem eine
Aktionärsgruppe, die die Kontrolle über eine Gesellschaft
erlangt auch ein Übernahmeangebot legen muß. Unserer Meinung
nach hätten die Stimmen dieser Aktionärsgruppe bei der außerordentlichen
Hauptversammlung und auch danach solange ruhen müssen, bis ein
Übernahmeangebot vorgelegt wird. Darum haben wir die Übernahme-kommission
in Wien jetzt zu einer Überprüfung der Vorgänge aufgefordert
und die Hauptver-sammlungsbeschlüsse, für die Widersprüche
zu Protokoll gegeben wurden gerichtlich angefochten. Am 12.08.04 wurde
veröffentlicht, dass die Übernahmekommission die Einleitung
eines Feststellungsverfahrens beschlossen hat. Sollte dies zu einem
positiven Abschluß führen, dann werden die HV-Anträge
unter Auschluß der Stimmen dieser Aktionärsgruppe betrachtet
und gefaßt. In diesem Fall würde ich selbst in den Aufsichtsrat
der Topcall gewählt und die Satzungsänderungen würden
unterbleiben. Einem Übernahmeangebot würde dann nichts mehr
im Wege stehen. Entscheidet die Übernahmekommission gegen uns,
dann werden wir unsere Beteiligung weiter halten und bei interessanten
Kursen sogar aufstocken, aber vorerst kein Übernahmeangebot machen.
Jetzt, wo Sie den Sachverhalt genauer kennen, überlasse ich es
Ihnen zu beurteilen, ob wir in dieser Angelegenheit ein glückliches
Händchen hatten.
DVI: Wenn ich Sie richtig verstehe, ist die derzeitige
Situation bei Topcall beileibe kein Beinbruch und Sie finden auch genügend
andere – vielleicht noch preiswertere – Übernahmekandidaten.
Sehen Sie das auch so?
Herr Fleischmann: Wie gesagt ist Topcall nur eine von
mehreren Chancen. Wir sehen aber keine Notwendigkeit jetzt mit Hochdruck
zu verhandeln. Wir werden das für Übernahmen zur Verfügung
stehende Kapital sehr überlegt einsetzten. Wer unter Druck verhandelt,
der erzielt in der Regel keine guten Ergebnisse und ganz sicher keine
guten Preise. Wir sehen uns die Unternehmen, die wir als potentielle
Kandidaten identifiziert haben genau an und überprüfen die
Werthaltigkeit in Bezug auf die zu bezahlenden Preise detailliert. Wir
werden sicher keine überhöhten Preise bezahlen, das haben
wir aber auch in den Gesprächen mit Topcall eindeutig klar gemacht.
DVI: Sind die Expansionspläne jetzt reduziert,
nachdem Sie die Kapitalerhöhung nicht voll unter-gebracht haben?
Herr Fleischmann: Nein, die uns zur Verfügung
stehenden Mittel ermöglichen uns nach wie vor die Umsetzung unserer
Pläne. Wir haben ja immer klargemacht, dass wir die Expansionsstrategie
durch Eigenmittel, Aktien und Fremdmittel finanzieren werden.
DVI: Welche Eigenkapitalquote haben Sie per 30.6. nach
der Kapitalerhöhung, und welche ist für Sie wünschenswert?
Herr Fleischmann: Unsere Eigenkapitalquote per 30.06.2004
beträgt 57,1 Prozent. Langfristig streben wir an die Quote zumindest
über 50 Prozent zu halten. Es hat sich gezeigt, dass wir mit dieser
Quote in der Lage sind, Akquisitionen durch Beimischung von Fremdkapital
zu finanzieren und so einen Leverage für unsere Aktionäre
erzielen.
DVI: Sind Sie mit den erreichten Ergebnissen des ersten
Halbjahres zufrieden, oder liegt dies unter Ihren Erwartungen?
Herr Fleischmann: Wir sind mit der laufenden Geschäftsentwicklung
sehr zufrieden. Die Ergebnisse des 1. Halbjahres liegen innerhalb unserer
Erwartungen. Das bedeutet, dass wir den eingeplanten deutlichen Ergebnissprung
auch tatsächlich realisieren können.
DVI: Können Sie an den ursprünglich gegebenen
Prognosen von ca. 66 Mio. Euro Umsatz und einem EBIT von 2,8 Mio. Euro
für 2004 festhalten, und wo wird dann das Ergebnis je Aktie liegen?
Herr Fleischmann: Ja, am EBIT Ziel halten wir ganz
klar fest. Für das Ergebnis pro Aktie erwarten wir 0,16 EUR für
dieses Jahr.
DVI: Gibt es einen Revisionsbedarf für das geplante
Umsatzniveau von 110 Mio. Euro und das ursprünglich avisierte EBIT
von 6,9 Mio. Euro?
Herr Fleischmann: Nein, wir halten an den Zielen, die
wir in unserer Strategie 2005 formuliert haben, nach wie vor fest. Wir
stehen auch nicht unter Zeitdruck und verfügen über genügend
Chancen, die dafür nötigen Akquisitionen auch umsetzen zu
können.
DVI: Sie machen mehr als 50% Ihrer Umsätze in
Deutschland, sind auch Ihre Aktionäre schwer-punktmäßig
hier vertreten oder sitzen diese vornehmlich in Österreich?
Herr Fleischmann: Unserer Information nach sind, außer
den Kernaktionären, die aus der Helmut Fleischmann Privatstiftung
und mir selbst bestehen, fast ausschließlich deutsche Investoren
beteiligt. Dazu zählen führende Fondsgesellschaften wie DWS,
DIT, Kepler (vormals Bank Bär) und VCH.
DVI: Warum haben Sie keine deutsche Emissionsbank gesucht
oder auch nicht gefunden?
Herr Fleischmann: Die Kapitalerhöhung wurde von
der Capital Bank in Österreich und der Baader Wertpapierbank in
Deutschland begleitet. Die Emission wurde an der Wiener Börse notiert,
wird aber selbstverständlich auch in Deutschland gehandelt. Es
war eine strategische Entscheidung, eine österreichische Bank als
Lead-Bank zu nominieren. Das Ziel war, verstärkt Investoren aus
Österreich dazu zu gewinnen.
DVI: Wie können Sie die steuerlichen Verlustvorträge
in der Gruppe optimal verwerten?
Herr Fleischmann: Wir haben nun eine Struktur gefunden,
die es uns ermöglicht die steuerlichen Verlustvorträge in
Höhe von ca. 60 Mio. EUR, die wir mit der Brain Force Financial
Solutions AG erworben haben, deutlich schneller zu kapitalisieren und
die Ertragskraft sämtlicher Geschäfts-einheiten in Deutschland
erheblich zu steigern. Dazu wird es in der Gesellschaftsstruktur in
Deutschland zu einer Reorganisation bis zum Jahresende kommen.
DVI: Wie stufen Sie das derzeitige Kursniveau ein und
wie werden Sie Ihr Versprechen erfüllen, verstärkt IR-Arbeit
zu betreiben?
Herr Fleischmann: Wir halten die Brain Force Aktie
für deutlich unterbewertet. Wir notieren derzeit auf Eigenkapitalniveau.
Das Eigenkapital pro Aktie beträgt zur Zeit EUR 2,71 und das Cash
pro Aktie beträgt EUR 1,57. Zusätzlich verfügen wir über
stille Reserven aus der Beteiligung an der Brain Force Financial Solutions
AG, der ehemaligen NSE Software AG, von etwa EUR 4,0 Millionen. Der
Wert dieser stillen Reserve pro Aktie beträgt ungefähr EUR
0,4. Berücksichtigt man diese stillen Reserven, dann übersteigt
der Net Asset Value den Wert der Börsennotierung.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de