Merkur Bank KGaA
Interviewpartner: Herr Siegfried Lingel, Geschäftsleitung, persönlich
haftender Gesellschafter
Gehaltene Aktien: 2,8 Mio. Euro (Komplementär), dies würde
1,13 Mio. Aktien entsprechen, d.h. ca. 22,5% des Grundkapitals
Das Interview wurde am 30.06.04 geführt. Kurs am 01.07.04 bei 6,50
Euro
Hintergrund:
Seit dem Börsengang der Merkur Bank im Jahr 1999 zu einem Emissionspreis
von Euro 10,25 ist der Kurs bis Mitte 2003 auf 3 Euro stark zurückgegangen.
Er hat sich in der Folgezeit bei 4 Euro stabilisiert; seit einigen Wochen
ist eine Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen. Der derzeitige Aktienkurs
liegt bei etwa 6,50 Euro. Nach Börsenemission hat sich der Jahresüberschuss
von 2,25 Mio. Euro auf 0,24 Mio. Euro in 2002 reduziert. Die Reduzierung
ist allein auf den erhöhten Risikovorsorgebedarf zurückzuführen.
Im operativen Ergebnis hat die Merkur Bank seit Börsenemission
immer Steigerungsraten verzeichnen können. Mit einem Teilbetriebsergebnis
von 8,2 Mio. Euro hat die Merkur Bank 2003 den bisherigen Rekord von
7,45 Mio. Euro in 2002 sogar leicht übertroffen. Der Jahresüberschuss
stieg in 2003 auf 0,5 Mio. Euro (Vorjahr 0,24 Mio. Euro) an. DVI hat
Herrn Lingel, persönlich haftender Gesellschafter der Merkur Bank,
zur Entwicklung in den kommenden Jahren befragt.
DVI: Herr Lingel, welche Veränderung in Ihrem
Geschäftsmodell hat die Kurserholung bewirkt?
Herr Lingel: Die Kurserholung ist wohl nicht auf die
Änderung unseres Geschäftsmodells zurückzuführen,
da sich diese in der Vergangenheit nicht geändert hat und auch
in Zukunft nicht ändern wird. Die Kurserholung ist wohl auf unsere
Investor Relation Strategie, in Verbindung mit der stärkeren Marktpräsenz
sowie unsere positive operative Geschäftsentwicklung zurückzuführen.
Hinzu kommt, dass durch die Kooperation mit der Hypo Tirol Bank AG und
der vor kurzem erfolgten Kapitalerhöhung weitere Fantasie im Kurs
entstehen.
DVI: Sie konnten das Geschäftsjahr 2003 mit einem
neuen Rekordergebnis abschließen. Welche Bereiche haben dazu besonders
stark beigetragen?
Herr Lingel: Im vergangenen Jahr konnten wir das Kreditvolumen
insbesondere in den Bereichen Leasingrefinanzierung und Bauträgerzwischenfinanzierung
nochmals deutlich ausbauen. Dies hat zu einem höheren Zinsergebnis
geführt. Darüber hinaus konnte ein Anstieg der Kreditbearbei-tungsgebühren
realisiert werden und die Vertriebsleistung im Privatkundengeschäft
führte zu höheren Provisionseinnahmen. Die Verwaltungsaufwendungen
waren weitgehend konstant, so dass unsere Cost-Income-Ratio unverändert
bei 58,5 % liegt.
DVI: Welche Ertragspläne haben Sie im laufenden
Jahr und wie sehen Sie die Perspektiven für die kommenden Jahre?
Herr Lingel: Im laufenden Geschäftsjahr wollen
wir unsere operative Ertragskraft weiter steigern. Wir gehen davon aus,
dass in unseren Kerngeschäftsfeldern weitere Volumenzuwächse
realisierbar sind. Auch die Vertriebsleistung in unserem Privatkundengeschäft
wird dazu führen, dass die Provisionserlöse aus diesem Geschäftsfeld
steigen.
Darüber hinaus versuchen wir unsere Risikokosten
zu reduzieren und haben deshalb verschiedene Maßnahmen in den
letzten Jahren eingeleitet. Einerseits haben wir in unserem Kreditportefeuille
die Größenklassen der Einzelkreditgeschäfte nach unten
gefahren und dafür die Anzahl der Kreditengagements vergrößert.
Somit haben wir eine bessere Risikodiversifikation erreicht. Des weiteren
haben wir bei Neukreditengagements verstärkt auf die Bonitätskriterien
geachtet und somit einen strengeren Auswahlprozess durchgeführt.
Schließlich haben wir im letzten Jahr eine Sanierungsabteilung,
bestehend aus aktuell vier Mitarbeitern, neu gegründet, die sich
ausschließlich mit der Bearbeitung Not leidender und risikobehafteter
Engagements befasst.
In den kommenden Jahren wird sich zudem die Kooperation
mit der Hypo Tirol in unserem operativen Geschäft bemerkbar machen,
so dass wir in den nächsten Jahren von einer weiteren deutlichen
Ertragssteigerung ausgehen.
DVI: Zeigt die Kooperation mit der Hypo Tirol Bank
AG bereits erste positive Auswirkungen auf die Merkur Bank und welchen
Ergebnisimpuls können Sie aus dieser Kooperation erwarten?
Herr Lingel: Die Kooperation mit der Hypo Tirol wurde
im März d. J. abgeschlossen. Bis zum heutigen Zeitpunkt haben wir
ein Neugeschäftsvolumen mit der Hypo Tirol von rd. 40 Mio. Euro
abgewickelt. Wir liegen somit voll im Rahmen unserer Erwartungen. Diese
liegen für 2004 nur in Zusammenarbeit mit der Hypo Tirol bei 80
Mio. Neugeschäft. Die Kooperation wirkt sich bei der Merkur Bank
zum einen im Provisionsergebnis, aber auch im Zinsergebnis aus. Aus
heutiger Sicht gehen wir davon aus, dass in den nächsten 3 Jahren
ein zusätzliches Teilbetriebsergebnis von 1 Mio. Euro allein durch
diese Kooperation erzielt werden kann. In Bezug auf die Eigenkapital-rentabilität
wirkt sich dies überproportional aus, da für die gemeinsamen
Geschäfte kein Eigenkapital unterlegt werden muss.
DVI: An welche Großprojekte ist bei der Kooperation
gedacht und warum ist einer Ihrer Schwerpunkte die Bauträgerfinanzierung,
wo doch diese Branche derzeit überhaupt nicht auf Rosen gebettet
ist?
Herr Lingel: Im Rahmen dieser Kooperation sollen die
Marktpotentiale, die die Merkur Bank hat, weiter ausgebaut und erweitert
werden. Insbesondere können durch die Kooperation mehr und auch
größere Bauträgervolumen (zukünftig bis 15 Mio.
Euro) realisiert werden. Das jährliche Neugeschäftsvolumen
soll von derzeit 170 auf 250 bis 300 Mio. Euro gesteigert werden. Das
gesamte Bauträgergeschäft macht an unseren Kreditvergaben
zirka ein Drittel aus.
Wir haben uns auf wohnwirtschaftliche Objekte beschränkt
und finanzieren fast ausschließlich im Großraum München
und Augsburg. Aufgrund der dortigen Immobilienmärkte sind die Risiken
begrenzt. Hinzu kommt unser hohes know how in der Abwicklung dieser
Projektfinanzierungen.
DVI: Welchen Umfang machen die Immobilienverkäufe
aus? Bieten Sie nur Objekte an, bei denen Sie die Bauträgerfinanzierung
gemacht haben, liegen diese Objekte nur in Bayern? Wie sind in dieser
Sparte Ihre Erwartungen für die nächsten Jahre?
Herr Lingel: Im Vertrieb von Bauträgerobjekten
sind wir so gut wie nicht involviert. Den Umsatzanteil aus Immobilienverkäufen
ist in unserem Haus zu vernachlässigen. Auch zukünftig wollen
wir dieses Geschäft aus Haftungsgründen nicht forcieren.
Unsere Projektfinanzierung wird mit Abverkauf des Immobilienbestandes
von Kaufpreiseingängen zurückgeführt. Zusätzliche
Erträge erwarten wir jedoch zukünftig aus der Vermittlung
von Endfinanzierungsprodukten der Hypo Tirol. Aufgrund des hohen Bauträgervolumens
unseres Hauses gehen wir davon aus, dass zukünftig für die
Hypo Tirol ein interessanter Absatzmarkt für Endfinanzierungsprodukte
entsteht. Wir können dadurch in unserer Bauträgerzwischenfinan-zierung
die Produktpalette erweitern und durch Vermittlungsgebühren ein
weiteres Ertrags-potential für die Merkur Bank schaffen.
DVI: Sie sind ein Nischenanbieter: In welchen Bereichen
sind Sie noch besonders erfolgreich aktiv?
Herr Lingel: Neben dem Leasing- und Bauträgergeschäft
sind wir insbesondere im mittelständischen Firmenkundengeschäft,
aber auch im Privatkundengeschäft aktiv.
Über Cross-selling-Aktionen konnten wir im vergangenen
Jahr unseren Provisionsertrag um 12 Prozent steigern. Die Spareinlagen
sind von 159 Millionen um rd. 20 Prozent auf 191 Millionen gestiegen,
was ein Zeichen unserer Marktposition darstellt.
DVI: Ein weiterer Schwerpunkt Ihrer Aktivitäten
liegt im Vogtland mit drei Filialen. Welches Wachstum erwarten Sie aus
dieser Region für die kommenden Jahre?
Herr Lingel: Hier soll insbesondere das Privatkundengeschäft
forciert werden. Wir sehen Potential durch noch intensivere Kundenbetreuung
in der ganzheitlichen Beratung, also auch im Ver-sicherungs-, Bauspar-
und Wertpapiergeschäft. Im Jahr 2004 gehen wir bei diesen Produkten
von einem Wachstum von zirka 60% aus. Wir gehen sehr stark auf die individuellen
Kundeninteressen ein und können dem durch unseren Produktmix auch
gerecht werden.
DVI: Wie gliedert sich Ihre Kundschaft auf –
Anteil Privatkunden und Firmenkunden? Welcher Klientel können Sie
welche Vorteile – im Vergleich zu den Großbanken –
anbieten?
Herr Lingel: Die Merkur Bank verfügt über
insgesamt rd. 23.000 Kunden, davon sind rd. 75 Prozent Privat- und rd.
25 Prozent Firmenkunden. Im Vergleich zu Großbanken hat die Merkur
Bank verschiedene Vorteile: Aufgrund ihrer Größe verfügt
sie über transparente Strukturen und schnelle Entscheidungswege
und kann auf Marktveränderungen schnell reagieren. Sie ist unabhängig
von Kapitalgebern und deshalb frei von ihren Entscheidungen, was ich
für besonders wesentlich erachte: Unsere Bank ist selbst ein mittelständischer
Betrieb und kennt somit die Sorgen und Probleme ihrer mittelständischen
Kunden besser als andere Institute.
Bei der Merkur Bank stehen der persönliche Kontakt
und die Dauerhaftigkeit im Vordergrund. Nicht umsonst sind die Schlagworte
wie "schlank, persönlich, unabhängig" ein Markenzeichen
der Merkur Bank.
DVI: Haben Sie konkrete Pläne im Zusammenhang
mit der EU-Osterweiterung?
Herr Lingel: Wir werden uns auch in Zukunft ausschließlich
auf dem deutschen Markt bewegen und hier insbesondere in den Bundesländern
Bayern, Thüringen und Sachsen. Die Nieder-lassungen in den neuen
Bundesländern bringen schon seit Jahren positive Deckungsbeiträge,
so dass wir durch die Marktausweitung in diesen Gebieten die Ertragskraft
der Merkur Bank weiter stärken wollen. Eine risikoreiche Expansionspolitik
werden wir in diesen Ländern nicht fahren.
Eine darüber hinausgehende Marktausweitung ist
nicht geplant.
DVI: Die Hypo Tirol AG ist um den Faktor 13 größer
als Sie. Befürchten Sie nicht, dass Ihr Kooperationspartner Sie
eines Tages teilweise oder vollständig übernehmen wird?
Herr Lingel: Nein. Wir wollen die Merkur Bank auch
in der Zukunft als familien- und börsen-notiertes Unternehmen weiterführen.
Mein Sohn, Herr Dr. Marcus Lingel, ist als General-bevollmächtigter
in unserem Haus tätig und wird in absehbarer Zeit als weiterer
persönlich haftender Gesellschafter eintreten. Ich selbst werde
auch in Zukunft weiter als persönlich haftender Gesellschafter
tätig sein.
DVI: Die Kapitalerhöhung mit der Hypo Tirol erfolgte
zu einem Kurs von 7,50 Euro; zum Zeitpunkt dieses Beschlusses waren
dies über 36 % Aufschlag gegenüber dem Aktienkurs. Wie wurde
dieser Kurs gefunden?
Herr Lingel: Die Hypo Tirol hat eine eigene, unabhängige
Unternehmensbewertung durchführen lassen. Die Preisfindung mit
der Hypo Tirol ist auf dieses Gutachten zurückzuführen. Der
Kurs, zu dem diese Kapitalerhöhung erfolgte, wurde einvernehmlich
mit 7,5 Euro pro Aktie, also deutlich über dem aktuellen Börsenkurs,
festgelegt. Dieser hohe Kurs ist ein sehr zuverlässiger Indikator
für das Wertpotential, das in der Aktie der Merkur Bank steckt.
DVI: Fühlen Sie sich durch den aktuellen Börsenkurs
richtig repräsentiert?
Herr Lingel: Obwohl wir in jüngster Zeit eine
deutliche Erholung des Börsenkurses gesehen haben, sind wir unseres
Erachtens immer noch unterbewertet. Aufgrund der operativen Ertragskraft,
der Kapitalerhöhung mit der Hypo Tirol und der weiteren Wachstumschancen
- auch in Verbindung mit der Hypo Tirol - sehen wir unsere zukünftige
Ertragsentwicklung sehr positiv.
Zwar hat in den letzten 2 Jahren die Risikovorsorge
einen Teil dieser positiven Effekte kompensiert, jedoch werden sich
bei einem positiven Verlauf des konjunkturellen Umfeldes diese Kosten
deutlich reduzieren, so dass unsere operative Ertragskraft noch deutlicher
zum Vorschein kommt. Bereits im ersten Quartal konnten wir unseren Periodengewinn
um rund 30 Prozent auf zirka 0,31 Mio. Euro steigern. Dies ist ein Zeichen
unserer Ertragskraft, wenn auch im Moment noch nicht die Erwartung geweckt
werden kann, dass diese Steigerungsrate für das ganze Jahr durchgehalten
wird. Für das Geschäftsjahr 2004 ist die Geschäftsführung
der Merkur Bank auf jeden Fall optimistisch eingestellt. Für die
kommenden drei Geschäftsjahre gehen wir aber davon aus, dass der
Ertrag pro Aktie rd. auf 0,5 Euro pro Aktie gesteigert werden kann.
DVI: Welches Kursziel erwarten Sie für Ihre Aktie
mit Sicht auf 12 Monate?
Herr Lingel: Aufgrund der operativen Ertragsentwicklung
gehen wir davon aus, dass ein Kursziel zwischen 8 – 9 Euro realisierbar
ist. Dies entspricht unter Berücksichtigung unserer mittelfristigen
Ergebnisprognose einem KGV zwischen 16 und 18.
DVI: Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Chefredakteur Rochus C. Rüttnauer.
http://www.das-vorstandsinterview.de