Web.de: "Gackern erst, wenn die Eier gelegt sind"
Bei
der Vorlage der Quartalszahlen war das beherrschende Thema bei Web.de
der Bereich Portal. Dort werden vor Steuern und Zinsen bereits Millionen-Gewinne
eingefahren. Im Gespräch mit Vorstandschef Matthias Hornberger
ging es allerdings vor allem um die Zukunft der Internet-Telephonie
(Voice-over-IP).
Instock:
Sie haben bei der Vorlage Ihrer Zahlen zum dritten Quartal sehr viel
zum Geschäftsfeld Portal und sehr wenig zum Geschäftsfeld
Web-Telekommunikation gesagt. Wieso sind Sie an dieser Stelle so zurückhaltend?
Hornberger:
Weil dort die Marktbedingungen noch nicht so sind, als daß es
dort sehr viel zu berichten gibt, was sich umsatzmäßig niedergeschlagen
hat. Wir haben die Situation, daß das Portalgeschäft hochprofitabel
und wachstumsstark ist. Im Bereich der Telekommunikation stehen wir
noch ganz am Anfang der Entwicklung und der Markt hat sich noch nicht
geöffnet. Deshalb haben wir noch nicht so viel über Eier gegackert,
die in Zukunft gelegt werden.
Instock:
In der Pressemitteilung zu den Quartalszahlen ist die Rede davon, daß
es 2005 mit der Auslieferung von integrierten Kommunikationsprodukten
so richtig losgehen soll. Sie sind als sehr optimistisch, daß
sich der Markt öffnen wird?
Hornberger:
Ja, ganz klar, die Rahmenbedingungen verbessern sich stetig. Aber momentan
ist der Markt dafür noch nicht bereitet. Deswegen haben wir in
diesem Bereich nichts in den Feldern Marketing und Werbung getan. Wir
müssen in der Tat geduldig sein. Wir haben jetzt ein Team an Bord
und eine Entwicklungsgeschwindigkeit, die uns erlaubt, die Entwicklungsaufwendungen
nicht weiter zu erhöhen, sondern auf diesem Niveau die Marktöffnung
zu erarbeiten.
Instock:
Die Gefahr, daß Voice-over-IP in Deutschland genauso ein „Erfolg“
wie UMTS oder iMode wird, sehen Sie nicht?
Hornberger:
UMTS ist ja noch gar nicht richtig in den Markt eingeführt worden.
Instock:
Meinen Sie, daß es ein Erfolg wird?
Hornberger:
Das ist jetzt nicht meine Baustelle, aber ich denke schon. Es ist nur
die Frage, ob die damals gezahlten 100 Milliarden Euro für die
Lizenzen sich je rentieren werden. Doch bei den Unter-nehmen ist das
längst alles abgeschrieben. Voice-over-IP ist keine Frage. Niemand
stellt in Frage, daß in Zukunft der Großteil des Sprachverkehrs
über Datenleitungen abgewickelt wird. Die sogenannte vermittelte
Telephonie wird mehr und mehr der Vergangenheit angehören. Es ist
lediglich eine Frage der Geschwindigkeit der Entwicklung. Voice-over-IP
werden zum Jahresende schon Hunderttausende benutzen. Es wird aber noch
Jahre dauern, bis hier eine Substitution stattgefunden hat.
Instock:
Mit welchen Marktanteilen liebäugeln Sie im Voice-over-IP-Markt?
Hornberger:
Das ist schwer zu sagen und hängt vom Markteinstieg der Deutschen
Telekom ab. Derzeit gehören wir allerdings im Markt zu den Großen.
Ich denke, daß wir da Zahlen haben, die mit marktführend
sind. Wenn eine Deutsche Telekom Voice-over-IP massiv in den Markt einführen
würde, wären die sehr schnell Marktführer. Aber auch
als zweiter oder dritter kann man hier sehr gut leben.
Instock:
Sie sprachen eingangs davon, das der Portalbereich derzeit das erfolgreichere
Segment bei Web.de ist. Das zeigen auch Umsatz- und EBITDA-Zahlen. Doch
warum bleiben die wirkliche Gewinne immer noch aus?
Hornberger:
Das ist genau die Konsequenz unserer momentan gefahrenen Geschäftspolitik.
Das Portal hat auf das Quartal gerechnet eine EBIT-Marge von 16 Prozent.
Die EBITDA-Marge liegt sogar bei mehr als 30 Prozent. Wir investieren
die Portal-Gewinne derzeit in Com.Win. Dort ist das EBITDA durchaus
massiv negativ. Das liegt daran, daß wir die Com.Win-Ausgaben
nicht aktivieren, was andererseits die Gewinn- und Verlustrechnung belastet.
Doch es handelt sich hierbei um eigen-entwickelte Software, was unter
anderem auch zu 100 neuen Arbeitsplätzen geführt hat. Wir
haben hier ein riesiges Potential, künftig mit einem hochmargigen
Produkt einen erheblichen Hebel auf unser Geschäftsmodell aufzusetzen.
Es ist ja unser Grundprinzip, sehr hochmargige Produkte zu entwickeln
und dann versuchen, diese in einen breiten Nutzerkreis hineinzubringen.
Bevorzugt machen wir das mit einem Abo-Produkt, wie beispielsweise unserem
Club.
Instock:
Sie haben einen sehr hohen Bestand an liquiden Mitteln. Stammt Ihr gesamter
Gewinn aus dem positiven Finanzergebnis und nicht aus dem operativen
Geschäft?
Hornberger:
Ja, wir haben noch ein negatives operatives EBIT. Durch das Finanzergebnis
haben wir einen Netto-Gewinn von 300.000 Euro vor Abschreibungen.
Instock:
Wann werden Sie auch operativ schwarze Zahlen schreiben.
Hornberger:
Ich denke, das wird bald der Fall sein.
Instock:
Bald heißt 2005 oder 2010?
Hornberger:
Bald ist bald. Ich bitte um Verständnis, daß ich konkret
keine Zahl nennen kann. Nicht, weil ich mich nicht traue, sondern weil
das Anlegerschutzverbesserungsgesetz ganz erhebliche Verpflichtungen
den Vorständen auferlegt hat. Wir dürfen nur das sagen, was
auch wirklich eintritt. Sonst hat man ein Problem.
Instock:
Nun könnten Sie ja eine sehr konservative Prognose abgeben, die
da lauten könnte, daß Sie operativ in den nächsten fünf
Jahren schwarze Zahlen schreiben werden.
Hornberger:
Das ist ja gar keine Frage.
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