28.10.04  Instock-Interview - WEB.DE AG (WKN: 529650)

Web.de: "Gackern erst, wenn die Eier gelegt sind"

WEB.DE HomepageBei der Vorlage der Quartalszahlen war das beherrschende Thema bei Web.de der Bereich Portal. Dort werden vor Steuern und Zinsen bereits Millionen-Gewinne eingefahren. Im Gespräch mit Vorstandschef Matthias Hornberger ging es allerdings vor allem um die Zukunft der Internet-Telephonie (Voice-over-IP).

Instock:
Sie haben bei der Vorlage Ihrer Zahlen zum dritten Quartal sehr viel zum Geschäftsfeld Portal und sehr wenig zum Geschäftsfeld Web-Telekommunikation gesagt. Wieso sind Sie an dieser Stelle so zurückhaltend?

Hornberger:
Weil dort die Marktbedingungen noch nicht so sind, als daß es dort sehr viel zu berichten gibt, was sich umsatzmäßig niedergeschlagen hat. Wir haben die Situation, daß das Portalgeschäft hochprofitabel und wachstumsstark ist. Im Bereich der Telekommunikation stehen wir noch ganz am Anfang der Entwicklung und der Markt hat sich noch nicht geöffnet. Deshalb haben wir noch nicht so viel über Eier gegackert, die in Zukunft gelegt werden.

Instock:
In der Pressemitteilung zu den Quartalszahlen ist die Rede davon, daß es 2005 mit der Auslieferung von integrierten Kommunikationsprodukten so richtig losgehen soll. Sie sind als sehr optimistisch, daß sich der Markt öffnen wird?

Hornberger:
Ja, ganz klar, die Rahmenbedingungen verbessern sich stetig. Aber momentan ist der Markt dafür noch nicht bereitet. Deswegen haben wir in diesem Bereich nichts in den Feldern Marketing und Werbung getan. Wir müssen in der Tat geduldig sein. Wir haben jetzt ein Team an Bord und eine Entwicklungsgeschwindigkeit, die uns erlaubt, die Entwicklungsaufwendungen nicht weiter zu erhöhen, sondern auf diesem Niveau die Marktöffnung zu erarbeiten.

Instock:
Die Gefahr, daß Voice-over-IP in Deutschland genauso ein „Erfolg“ wie UMTS oder iMode wird, sehen Sie nicht?

Hornberger:
UMTS ist ja noch gar nicht richtig in den Markt eingeführt worden.

Instock:
Meinen Sie, daß es ein Erfolg wird?

Hornberger:
Das ist jetzt nicht meine Baustelle, aber ich denke schon. Es ist nur die Frage, ob die damals gezahlten 100 Milliarden Euro für die Lizenzen sich je rentieren werden. Doch bei den Unter-nehmen ist das längst alles abgeschrieben. Voice-over-IP ist keine Frage. Niemand stellt in Frage, daß in Zukunft der Großteil des Sprachverkehrs über Datenleitungen abgewickelt wird. Die sogenannte vermittelte Telephonie wird mehr und mehr der Vergangenheit angehören. Es ist lediglich eine Frage der Geschwindigkeit der Entwicklung. Voice-over-IP werden zum Jahresende schon Hunderttausende benutzen. Es wird aber noch Jahre dauern, bis hier eine Substitution stattgefunden hat.

Instock:
Mit welchen Marktanteilen liebäugeln Sie im Voice-over-IP-Markt?

Hornberger:
Das ist schwer zu sagen und hängt vom Markteinstieg der Deutschen Telekom ab. Derzeit gehören wir allerdings im Markt zu den Großen. Ich denke, daß wir da Zahlen haben, die mit marktführend sind. Wenn eine Deutsche Telekom Voice-over-IP massiv in den Markt einführen würde, wären die sehr schnell Marktführer. Aber auch als zweiter oder dritter kann man hier sehr gut leben.

Instock:
Sie sprachen eingangs davon, das der Portalbereich derzeit das erfolgreichere Segment bei Web.de ist. Das zeigen auch Umsatz- und EBITDA-Zahlen. Doch warum bleiben die wirkliche Gewinne immer noch aus?

Hornberger:
Das ist genau die Konsequenz unserer momentan gefahrenen Geschäftspolitik. Das Portal hat auf das Quartal gerechnet eine EBIT-Marge von 16 Prozent. Die EBITDA-Marge liegt sogar bei mehr als 30 Prozent. Wir investieren die Portal-Gewinne derzeit in Com.Win. Dort ist das EBITDA durchaus massiv negativ. Das liegt daran, daß wir die Com.Win-Ausgaben nicht aktivieren, was andererseits die Gewinn- und Verlustrechnung belastet. Doch es handelt sich hierbei um eigen-entwickelte Software, was unter anderem auch zu 100 neuen Arbeitsplätzen geführt hat. Wir haben hier ein riesiges Potential, künftig mit einem hochmargigen Produkt einen erheblichen Hebel auf unser Geschäftsmodell aufzusetzen. Es ist ja unser Grundprinzip, sehr hochmargige Produkte zu entwickeln und dann versuchen, diese in einen breiten Nutzerkreis hineinzubringen. Bevorzugt machen wir das mit einem Abo-Produkt, wie beispielsweise unserem Club.

Instock:
Sie haben einen sehr hohen Bestand an liquiden Mitteln. Stammt Ihr gesamter Gewinn aus dem positiven Finanzergebnis und nicht aus dem operativen Geschäft?

Hornberger:
Ja, wir haben noch ein negatives operatives EBIT. Durch das Finanzergebnis haben wir einen Netto-Gewinn von 300.000 Euro vor Abschreibungen.

Instock:
Wann werden Sie auch operativ schwarze Zahlen schreiben.

Hornberger:
Ich denke, das wird bald der Fall sein.

Instock:
Bald heißt 2005 oder 2010?

Hornberger:
Bald ist bald. Ich bitte um Verständnis, daß ich konkret keine Zahl nennen kann. Nicht, weil ich mich nicht traue, sondern weil das Anlegerschutzverbesserungsgesetz ganz erhebliche Verpflichtungen den Vorständen auferlegt hat. Wir dürfen nur das sagen, was auch wirklich eintritt. Sonst hat man ein Problem.

Instock:
Nun könnten Sie ja eine sehr konservative Prognose abgeben, die da lauten könnte, daß Sie operativ in den nächsten fünf Jahren schwarze Zahlen schreiben werden.

Hornberger:
Das ist ja gar keine Frage.

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