Neue Sentimental Film: "Viel schlimmer war es mit SAP"
Lange
Zeit war es still geworden um die Neue Sentimental Film AG. Nun melden
sich die Werbefilmer aus der Mainmetropole Frankfurt mit Gewinnen wieder
zurück. Über die Zeit im Verborgenen, vor allem aber über
Zukünftiges sprachen wir mit Finanzvorstand Klaus Niemeyer.
Instock:
Sie planen eine zehnprozentige Kapitalerhöhung. Diese will ein
Großinvestor zeichnen. Gleichzeitig ist das Bezugsrecht der Altaktionäre
nicht ausgeschlossen. Wie soll das funktionieren?
Niemeyer:
Wir haben das bewußt mit Bezugsrecht gemacht. Zum einen, weil
ich am 28. Mai dieses Jahres vom Schutzverband der Kleinaktionäre
einen Rüffel erhalten habe, weil wir schon die vorangegangene Kapitalerhöhung
ohne Bezugsrechte durchgeführt hatten. Dann kam nach der Verabschiedung
dieser Vorgehensweise im Aufsichtsrat der Großinvestor und will
nun das Gesamtpaket. Wir besorgen nun die fehlenden Stücke von
institutionellen Anlegern. Dazu kommt, daß die bisherigen Großaktionäre
auf ihre Bezugsrechte verzichten. Damit konnten wir aus-rechnen, daß
wir 200.000 bis 300.000 Stücke aus den Bezugsrechten bekommen.
Die zu besorgen, sollte kein Problem sein.
Instock:
Es ist noch nicht so lange her, da hätte eine Kapitalerhöhung
bei Neue Sentimental Film den Investoren nur ein müdes Lächeln
entlocken können. Was ist im Unternehmen passiert, daß es
wieder aufwärts geht?
Niemeyer:
Es ist viel passiert in den vergangenen zwei Jahren, aber wir haben
uns in der Öffentlichkeit eher zurückgehalten. Als ich 2002
in den Vorstand geholt wurde, hatten wir 2001 einen Cash-Abfluß
von 19 Millionen Euro. Andererseits hatte das Unternehmen nur 25 Millionen
Euro beim Börsengang eingesammelt. Das wäre also kein Jahr
mehr so weiter gegangen. Wir haben dann angefangen, radikal die Kosten
zu senken. Damals hatte ich für die Umstrukturierung 18 Monate
kalkuliert, im Endeffekt hat es leider 24 Monate gedauert. Begonnen
wurde beim größten Posten, den Personal-kosten. Unser Personalbestand
sank von 155 auf 52. Bei 60 Prozent Personalkosten sind das beträchtliche
Einsparungen.
Instock:
Das war der Tritt auf die Ausgabenbremse.
Niemeyer:
Vom Umsatz her sind wir immer nur ganz gering gewachsen. Im Schnitt
sind wir seit 1999 eigentlich nur um 2 Millionen Euro gewachsen. Aber,
wir sind nicht, wie der gesamte Markt um 40 Prozent gefallen. Das ist
schon mal ganz nett. Das liegt einerseits an den gesenkten Kosten, wobei
wir das Schiff nicht abrupt stoppen konnten, sondern viele Verträge
auslaufen lassen mußten.
Instock:
Und Abfindungen zahlen?
Niemeyer:
Das war nicht das Problem. Viel schlimmer war es mit SAP. Das war für
mich die Horror-geschichte. Aus den Betreuungsverträgen rauszukommen,
war schon schwer. Unseren Internet-provider haben wir am 31. März
2004 umgestellt. Die verlangten 120.000 Euro im Jahr dafür, daß
wir mit unseren deutschen Büros im Internet surfen dürfen.
Jetzt habe ich einen, der kostet 15.000 Euro im Jahr und es läuft
genauso. Durch die ganze Umstellung kam es zum Austausch von Personen,
aber auch dazu, daß wir unsere Unternehmen so aufgestellt haben,
daß die wieder atmen konnten.
Instock:
Haben Sie die einzelnen Geschäftseinheiten nur mehr auf Profit
– im positiven Sinn gemeint – getrimmt oder haben Sie auch
an der Geschäftsstrategie des Gesamtunternehmens einiges geändert?
Niemeyer:
Erst einmal haben wir sie nur profitabler gestaltet. Die Restrukturierung
lief ja bis Mitte Mai 2004. Unter einer solchen Sparanstrengung leidet
selbstverständlich die Akquise. Damit sind wir nun seit Mitte Mai
beschäftigt. Wir gehen jetzt wieder aktiv raus zu den Agenturen
und präsentieren uns da. Wir treten jetzt damit auf, daß
wir die besten Regisseure, die besten Leute haben. Von daher ist auch
der von uns für 2005 erwartetet Umsatzschub begründet. Wir
haben ja für dieses Jahr gesagt, daß wir unser Vorjahres-Umsatzergebnis
wiederholen wollen. Allerdings ist diese Aussage nur bedingt richtig,
da im 2003-Umsatz noch 1,5 Millionen aus den USA kamen. Das heißt,
wir wachsen in diesem Jahr schon tatsächlich, da wir in diesem
Jahr nur noch zehn Einheiten konsolidieren. 2003 waren es noch elf.
Im nächsten Jahr ist es dann so, daß die Kosten sowieso ganz
unten sind und wir daran auch nicht mehr drehen können. Dann geht
es darum, Umsatz zu erzielen und die Margen auszubauen. Daran arbeiten
wir und das sieht sehr gut aus.
Instock:
Wie sehen in der Werbefilm-Branche mögliche Margen aus?
Niemeyer:
Die Margen sind in jedem Land gleich. Es gibt mit dem VdW einen Verband
in Deutschland mit Sitz in Hamburg.
Instock:
Die geben die Margen vor?
Niemeyer:
Ja.
Instock:
Was ist das für eine Marktwirtschaft?
Niemeyer:
Das ist im Werbefilmbereich relativ simpel, weil wir die Kosten kalkulieren
und gegenüber der auftragserteilenden Agentur immer genau 26,5
Prozent aufschlagen. Das machen alle. Das ist zwar eine uralte Zahl,
aber die steht so fest wie das Amen in der Kirche.
Instock:
Daran hält sich auch die internationale Konkurrenz?
Niemeyer:
Ja, da keiner aus dem Ausland hier ohne uns im Inland produziert.
Instock:
Es gibt keinen Werbefilmproduzenten aus dem Ausland, der in Deutschland
Werbefilme dreht?
Niemeyer:
Nein, das macht keiner. Die nehmen dann uns. Beispielsweise ruft eine
amerikanische Firma uns an und fragt, ob wir für die den Service
in Deutschland machen können.
Instock:
Das läuft auch umgekehrt so?
Niemeyer:
Genau. Wir drehen beispielsweise sehr viel in Kapstadt, das ist der
größte Werbefilmort der Welt. Dort beauftragen wir dann eine
Service-Produktion. Die dürfen wiederum 15 Prozent auf die Kosten
aufschlagen. Auch das ist weltweit geregelt. Jeder produziert damit
zum gleichen Preis.
Instock:
Da gibt es keinen Preisdruck von außen?
Niemeyer:
Es gab selbstverständlich in letzter Zeit aufgrund des Drucks der
Agenturen schon Abschläge. Die zahlten beispielsweise für
Flüge nur 15 Prozent, weil das keine Kreativleistung ist. Das holt
man sich an anderen Stellen wieder rein.
Instock:
Sie produzieren unter anderem Spots für die Autowerbung. Versuchen
die aufs Sparen bedachten Auto-Konzerne nicht die Preise zu drücken?
Niemeyer:
Das ist schon so, obwohl wir damit gar nicht so konfrontiert sind.
Instock:
Produzenten von Spielfilmen leben von der Zweit- und Drittverwertung
ihrer Produkte. Das kennen Sie gar nicht?
Niemeyer:
Nein, das gibt es bei uns nicht. Wir sind ein reiner Dienstleister und
der lange Arm der Agenturen.
Instock:
Immer mehr Stars aus Hollywood und anderswo sind auch die Stars in Werbefilmen
und bekommen Traumgagen. Geht diese Entwicklung zu Lasten der Werbefilmproduzenten?
Niemeyer:
Das ist eigentlich genau umgekehrt. Unsere Regisseure gehen aus der
Werbung in den Spielfilmbereich. Umgekehrt gibt es diese Entwicklung
kaum. Es ist nun mal schwieriger, eine Geschichte in 30 Sekunden, wie
im Werbefilm zu erzählen, als dafür 90 Minuten Zeit zu haben.
Wir können unsere Regisseure für alles einsetzen. Die Kosten
für die Regisseure sind sowieso schon unverschämt hoch. Ein
richtig guter bekommt schon 25.000 US-Dollar am Tag.
Instock:
Wenn die Regisseure alles können, dann könnten sie auch Musikvideos
drehen. Ist das ein künftiges Betätigungsfeld für Neue
Sentimental Film?
Niemeyer:
Vom Prinzip ist das so. Wir machen auch solche Produktionen mit –
schon damit unsere Regisseure nicht betriebsblind werden.
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