Pulsion: "Wir wollen den Golf-Standard"
Zum
vierten Mal fand unter Schirmherrschaft der Deutschen Bank in deren
Berliner Niederlassung der Medtechday statt. Wir nutzten das Treffen
von deutschen und Schweizer Unternehmen zu einem Gespräch mit Stefan
Land, Finanzvorstand der Pulsion AG.
Das 1990 gegründete Unternehmen beschäftigt
sich mit Diagnose und Therapiesystemen. Die Münchener entwickeln,
produzieren und vertreiben gering- und nichtinvasive Patientenüber-wachungs-
und Diagnosegeräte sowie die dazugehörigen Einmalprodukte.
Instock:
Sie sprachen bei Ihrer Unternehmenspräsentation in Berlin davon,
dass Sie mehr Wachstum anstreben und die Weltmärkte aktiver angehen
wollen. Können Sie diese Aussage mit etwas Leben erfüllen?
Land:
Das ist abhängig von unserer Liquiditätssituation. Die war
im vergangenen Jahr noch relativ dünn. Der Grund dafür war,
dass wir noch nicht die kritische Masse hatten und wir noch keine Erträge
erwirtschafteten. Dementsprechend mussten wir auf Wachstum im wahrsten
Sinne des Wortes teilweise verzichten. Wir konnten Projekte nicht angehen,
die wir vorfinanzieren müssten.
Instock:
Welche Projekte betraf dies?
Land:
Wenn beispielsweise Klinikketten zu uns kommen und auf unsere „Picco“-Technologie
umstellen wollen, so wollen die, dass wir mal schnell 30 Monitore in
deren Intensivstationen an den verschiedenen Standorten aufstellen.
Dabei wollen die Kliniken dann selbstverständlich auch eine optimale
Betreuung und Ausbildung der Ärzte an unseren Geräten. Dementsprechend
muss ich die Geräte bereitstellen, muss bei großen Projekten
dafür sogar jemand einstellen. Das sind Investitionen, die wir
uns nicht leisten konnten. Jetzt können wir uns das schrittweise
wieder leisten, weil wir einen positiven Cash-flow haben.
Instock:
Wie kam es zu diesem Liquiditätsengpass?
Land:
Wir hatten einfach nicht genug Geld. Der Börsengang 2001 hat bei
weitem nicht das gebracht, was wir uns damals vorgestellt hatten. Die
Planungen mussten komplett umgeschrieben werden. Der Nettozufluss aus
dem Börsengang war 12 Millionen Euro. Das ist für ein weltweites
Vertriebs-modell nicht überplanmäßig viel. Deshalb haben
wir sofort 2002 begonnen, kleinere Kapital-erhöhungen aus genehmigtem
Kapital zu machen. Damit konnten wir unsere Liquiditätsbasis stärken.
Wir wussten, unsere Verbindlichkeiten aus der Zeit vor dem Börsengang
werden 2003 bis 2005 fällig. Das musste alles aus den vorhandenen
finanziellen Ressourcen mit abgedeckt werden. Dementsprechend dünn
war die Decke.
Instock:
Wie ist momentan der Stand der Dinge?
Land:
Wir haben schon einige Verbindlichkeiten zurückgeführt. Da
liegen wir voll im Plan. Wir werden wahrscheinlich in diesem Jahr sogar
unsere Planung überbieten. Damit wollen wir eine unnötige
Belastung des Finanzergebnisses vermeiden. Wir können unsere liquiden
Mittel jetzt auch zur Schuldentilgung nutzen.
Instock:
Werden Sie 2004 Gewinne erzielen?
Land:
Ja. Wir haben im ersten Quartal einen operativen Gewinn von 200.000
Euro erreicht. Wir wollen in diesem Jahr mindestens eine halbe Millionen
Euro EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern) erzielen.
Instock:
Das klingt, als ob die kommenden Quartale schlechter verlaufen werden?
Land:
Wir rechen nicht damit, dass unser Geschäft schwächer wächst.
Ganz im Gegenteil: Wir rechnen mit stärkeren Wachstumsraten. Aber
wir fangen auch an, langfristig zu investieren. Das heißt, unsere
Vertriebsmannschaft wird gerade aufgestockt. Auch hier gehen wir in
Vorleistung, schließlich erwirtschaftet ein Vertriebsmitarbeiter
nicht vom ersten Tag an Gewinn. Deshalb wollen wir in diesem Jahr das
EBIT nicht maximieren. Ziel ist es, das EBIT langfristig zu maximieren
und es auf eine ganz andere Ebene zu bringen.
Instock:
Was ist das langfristige Ziel?
Land:
Das langfristige Ziel ist, deutlich zweistellig zu wachsen.
Instock:
Bei Umsatz und Gewinn?
Land:
Beim Umsatz. Den Gewinn kann man in Prozent nicht ausdrücken, da
wir gerade erst den Turnaround geschafft haben. Sicherlich wollen wir
im nächsten Jahr unser EBIT verdoppeln.
Instock:
Es soll also beim Gewinn vor Zinsen und Steuern eine Eins vor dem Komma
stehen?
Land:
Mit Sicherheit.
Instock:
Auf welchen Märkten verstärken Sie gerade Ihre Vertriebsmannschaft?
Land:
Wir werden jetzt verstärkt in Europa investieren. Für die
Eroberung des US-Marktes verfügen wir nicht über die Ressourcen,
um ihn im großen Stil selber zu erschließen. Wir suchen
eine ver-nünftige externe Lösung. Wir haben dafür ein
Konzept, über das ich aber noch nicht reden möchte.
Instock:
Wenn Sie Europa sagen, meinen Sie EU-Europa einschließlich der
neuen Mitglieder?
Land:
Einschließlich der zehn neuen Mitglieder. Wir beschäftigen
uns seit einigen Wochen mit dem Thema, wie wir die neuen EU-Mitglieder
verstärkt angehen können.
Instock:
Sie sprechen immer wieder das Fehlen der kritischen Masse in der Vergangenheit
an. Wäre es nicht möglich gewesen, Fremdkapital für das
weitere Wachstum einzuwerben?
Land:
Großbanken sehen nicht ihren Auftrag darin, mittelständische
Unternehmen mit Krediten zu versorgen. Das geht vielmehr ganz streng
nach Ratings und Ratingsystemen. Diese Systeme sind für innovative
Unternehmen, die sich erst entwickeln, sehr starr.
Instock:
Der Vertreter der Deutschen Bank sprach doch gerade davon, dass Unternehmen
wie Pulsion hier alle Türen offenstünden. Wohl eher zum raus-
als zu reingehen?
Land:
Ich glaube schon, dass die Großbanken Geschäft machen wollen,
auch mit mittelständischen Unternehmen. Die sehen allerdings ihr
Kerngeschäft nicht bei der Kreditvergabe, sondern im Zins- und
Absicherungsbereich und im M&A-Geschäft. Da kann man mit den
Banken sehr gut zusammenarbeiten.
Instock:
Der Kostendruck im Gesundheitswesen spielt Firmen wie Pulsion gewaltig
in die Karten. Erwarten Sie deshalb einen extra Schub bei Umsatz und
Gewinn?
Land:
Für Pulsion ist das wirklich eine gute Entwicklung. Die Entwicklung
geht nur leider viel zu langsam. Wer nicht gleichzeitig und kurzfristig
kostenreduzierend für das Krankenhaus wirkt, wird kein einziges
Produkt mehr in Deutschland verkaufen.
Instock:
Wer ist Ihr Widerpart bei der Durchsetzung Ihrer Technologien?
Land:
Bei unserer Haupttechnologie „Picco“ ist es einerseits der
bestehende Wettbewerb und andererseits die Behäbigkeit gegenüber
Neuem bei den Ärzten. Wir konkurrieren hier gegen die seit mehr
als 30 Jahren gebräuchlichen Herzkatheter mit einer großen
Einkaufsmacht. Unser Konkurrent ist fast fünfzigmal größer.
Die haben selbstverständlich ganz andere Möglichkeiten, mit
Einkaufsabteilungen und Kliniken umzugehen.
Instock:
Gibt es eigentlich Übernahmebegehrlichkeiten?
Land:
Aktuell nicht, aber wir wissen leider nicht, was gerade in irgendwelchen
Vorstandsetagen besprochen wird. Sträuben würden wir uns tendenziell
nicht. Wir wollen, dass diese Technologie möglichst schnell zum
Golf-Standard wird und den Herzkatheter ablöst. Über alles
andere muß man dann reden.
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