22.09.04  Instock-Interview - D+S europe AG (WKN: 533680)

D+S: "Aktie steht noch vor dem Hopp"

D+S europe HomepageAls d+s, heute D+S europe AG, am 23. Mai 2000 an die Börse ging, wurden Neulinge von Anlegern noch euphorisch begrüßt. Da reichte es aus, einige Call-Center zu betreiben und eine Zukunftsvision zu haben. Gewinne waren zweitrangig, die Bilanz rotgefärbt. Nun scheinen die deutschlandweit aktiven Hanseaten mit neuer Führungsmannschaft den Bogen bekommen zu haben. Ende 2004 soll vor Steuern und Zinsen (EBIT) 1 Million Euro Gewinn eingefahren werden. Wir sprachen mit Henning Soltau Finanzdirektor der Gesellschaft, über die Hintergründe.

Instock:
Wie kommt es, dass ein so großes Unternehmen mit heute rund 2.000 Mitarbeitern auf Sicht von mehreren Jahren rote Zahlen schreibt?

Soltau:
Ihre Frage zielt genau auf den Kernbereich, den wir seit Beginn 2003 restrukturiert haben. Unser Unternehmen war schlicht ab 2000 im operativen Kerngeschäft nicht mit ihrem eigenen Wachstum fertig geworden. Die Gesellschaft war so lange profitabel, so lange sie Call Center oder Communication Center als Einstandort-Unternehmen führte. Das war seinerzeit in der Rechtsform der GmbH. Durch das schnelle Wachstum wurden aber die notwendigen Margen nicht mehr erzielt, weil unsere Kostenstruktur aus dem Gleichgewicht geriet. Das hat dazu geführt, dass wir 2001 und 2002 ganz erhebliche Verluste erwirtschaftet haben. Dadurch geriet die Gesellschaft in eine Schieflage, die in den Wechsel in der Führungsspitze des Unternehmens mündete. Mit diesem Führungswechsel begann das große Aufräumen und der Start eines Restrukturierungs-programms. Dabei setzten wir vor allem im Kerngeschäft an.

Instock:
Der letzte Wechsel eines Vorstandes erfolgte lediglich in den Aufsichtsrat des Unternehmens. Das klingt nicht nach einer Radikallösung.

Soltau:
Wir hatten als Vorstände beim Börsengang Herrn Alexander Duhre und Herrn Holger Schimming – das waren die beiden Gründer der D+S. Dritter war Herr Volker Wissmann als IT-Vorstand. Keiner dieser Vorstände ist heute mehr im Vorstand. Der wesentliche Schnitt war der Ablösung von Herrn Duhre als Vorstandsvorsitzender durch Herrn Achim Plate.

Instock:
Sie haben bei der Vorlage der Halbjahreszahlen nochmals deutlich auf den Strategiewechsel hingewiesen. Dabei war unter anderem die Rede von einer internationalen Ausrichtung. Woraus schöpfen Sie jetzt soviel Optimismus?

Soltau:
Wir beobachten täglich, wie die Komplexität der Anforderungen am Markt für Communication Center und Kundenkontakt-Bearbeitung zunimmt. Nur eine Zahl: Wir haben jährlich mehr als 30 Millionen Kundenkontakte. Bei dem anspruchsvoller werdenden Geschäft, der immer stärkeren Vernetzung mit den Datenbanken der Kunden, dem stärkeren Erbringen von Marketing- und Verkaufsdienstleistungen neben dem reinen Telefonieren, sind wir in der Position, diese mittlerweile hoch spezialisierten Leistungen erbringen zu können. Kleinere Anbieter können dies nicht. Damit sind wir in der Position, Kunden ein Produktportfolio von der IT-Dienstleistung bis zur Installation der Kundendatenbanken auf unseren Rechnern anbieten zu können. Die Wert-schöpfung, die wir generieren, ist viel größer als die, die man gemeinhin von einem Call Center erwarten würde. Dies wird sich in den Betriebsergebnissen der kommenden Quartale deutlich zeigen.

Instock:
Besteht nicht andererseits die Gefahr, dass aufgrund neuer Gesetze oder Urteile die Arbeit der Call Center fast unmöglich gemacht wird?

Soltau:
Sie meinen die Novelle des UWG. Der wesentliche Punkt dieses Gesetzes ist, dass man letztendlich das sogenannte „opt-in“ von jedem Angerufenen haben muss. Das wilde Telefonieren mit irgendwelchen Adressbeständen, ohne dass angesprochene „opt-in“ zu besitzen, gab es jedoch auch vorher nicht bei uns.

Instock:
Dennoch hört man von vielen Leuten, die irgendwann einmal ihr Einverständnis mit einer telefonischen Kontaktaufnahme erklärt haben und damit die opt-in-Bedingungen erfüllen, dass sie auf die zahlreichen Werbeanrufe sehr genervt reagieren. Sind an dieser Stelle nicht andere Geschäftsmodelle gefragt, als dieses ständige Hinterhertelefonieren?

Soltau:
Ja, obwohl ich das aktive Anbieten nicht zur Seite lege. Das kann man schlecht oder gut machen. Wie das gemacht wird, drückt sich auch ganz stark in den Projektergebnissen aus. Das muss man können und seine Agenten entsprechend schulen. Die Gesprächsleitfäden müssen passen und man muss eine vernünftige Kundenansprache finden. Wer das vernünftig macht, verkauft dem richtigen Kunden ein vernünftiges und passendes Produkt. Doch das war nicht Ihre Frage: Immer mehr setzt sich das sogenannte Cross- und Upselling durch. Das bedeutet, daß wir für unsere Auftraggeber Kunden identifizieren, bei denen wir weitergehenden Bedarf an Produkten und Dienstleistungen unseres Auftraggebers erkennen. Dieses Potenzial schöpfen wir auch im so genannten „Inbound-Geschäft“, also wenn sich der Kunde mit einem Anliegen aktiv meldet, aus.

Instock:
Wie muss man sich das praktisch vorstellen?

Soltau:
Ein Kunde ruft beispielsweise an, um seine Zeitung wegen eines Umzugs an eine neue Adresse zubestellen. Jetzt besteht die Kunst darin, diesem Kunden andere Zeitschriften oder Produkte anzubieten, die zu dieser Zeitschrift passen. Damit haben Sie einen unmittelbaren Anknüpfungs-punkt und gewinnen das Interesse des Gegenübers. Unsere Dienstleistung besteht nicht nur darin, genau dies zu tun, sondern unseren Kunden solche Kampagnen auch anzutragen und zu konzeptionieren. Das ist eine Marketing-Beratungs-Dienstleistung, wie wir sie verstehen. Das ist auch ein Punkt, in dem sich D+S in der Wertschöpfungskette von anderen Anbietern abgrenzt. Unsere Wertschöpfung ist einfach tiefer, weil wir bedeutend mehr anbieten als das einfache Telefonieren.

Instock:
In der schon angesprochenen Pressemitteilung war davon die Rede, dass Sie im Zuge der angestrebten Internationalisierung von D+S auf die neuen EU-Mitglieder Polen, Tschechien und Ungarn setzen. Welche Bereiche wollen Sie dahin auslagern?

Soltau:
Wir gehen nicht in die EU-Beitrittsländer, um Telefonie und Kundenservice auszulagern und diese Dienste aus Polen oder Ungarn für Deutschland zu erbringen. Dem steht aufgrund der not-wendigen technischen Anbindungen und aufgrund der Sprachbarrieren zu viel im Wege. Es macht auch strategisch keinen Sinn, weil wir daran nicht mehr verdienen würden. Einen entstehenden Kostenvorteil müssten wir ja an unsere Auftraggeber weiterreichen. Die Strategie ist genau andersherum. Wir wollen diejenigen unserer Auftraggeber, die sich für die gerade öffnenden Märkte interessieren, dorthin begleiten und die Dienstleistung in dem jeweiligen Markt für sie erbringen.

Instock:
Sie werden also Niederlassungen in Polen eröffnen?

Soltau:
Ja. Voraussichtlich wird Polen unser erster Auslandsmarkt sein.

Instock:
Es ist weiterhin die Rede von möglichen Akquisitionen. Was ist hier konkret geplant?

Soltau:
Hier agieren wir in zwei Richtungen. Zum einen verlängern wir mit Akquisitionen unsere Wertschöpfungskette. Zum anderen stärken wir damit unser Kerngeschäft. Ein Beispiel dafür ist die Übernahme der TRIGA Marketing in Münster Als maßgebliches Auswahlkriterium gilt für uns, daß der Übernahmekandidat mehr Profit pro Aktie erzielt als D+S. Wir selber streben ja für 2006 einen Profit von 35 Cents je Aktie an. Das ist die Mindestgröße, die eine Akquisition – bezogen auf die Ausgabe neuer Aktien – bringen muss.

Instock:
Wieviel des prognostizierten Wachstums kommt aus dem organischen Geschäft und wieviel aus den Zukäufen?

Soltau:
Die von uns veröffentlichten Zahlen enthalten keine Zuflüsse aus möglichen Akquisitionen. In die Zahlen eingearbeitet sind allerdings die Erträge der bereits erfolgten und vollständig konsolidierten Akquisitionen. Wir erwarten für 2004 einen Umsatz von mehr als 52 Millionen Euro und für das kommende Jahr sind mehr als 64 Millionen Euro geplant. Dies resultiert ausschließlich aus der Entwicklung der Gruppe, also organischem Wachstum.

Instock:
Für 2004 planen Sie das Erreichen der Gewinnzone. Was macht Sie da so sicher, das zu schaffen?

Soltau:
Wir haben im Auftragsbuch ein erheblich höheres Volumen für das zweite Halbjahr als in den ersten sechs Monaten. Das ist zum Teil saisonbedingt und auch in den Vorjahren schon so gewesen. Durch unsere äußerst erfolgreiche Neugundengewinnung Ende des ersten Halbjahres ist dieser Trend besonders stark. Das zweite Halbjahr wird in den stärksten Monaten volumen-mäßig ungefähr anderthalb mal so stark sein wie die Monate des ersten Halbjahres, also über 30 Millionen Euro. Mit diesem Umsatzvolumen werden wir voraussichtlich ein EBIT von 2,5 Millionen Euro erzielen. Dies entspricht einer EBIT-Marge von 8,3 Prozent Daher können wir bereits für 2004 insgesamt von einem EBIT von rund 1 Millionen Euro ausgehen. Diesen starken Ergebnissprung hat die Börse noch in keiner Weise realisiert, aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie dies tun wird.

Instock:
Wie sieht Ihre Bilanzstruktur nach der Kapitalerhöhung aus?

Soltau:
Die Kapitalerhöhung war ja bekanntermaßen ein voller Erfolg, weil sie über das ursprüngliche Volumen hinaus aufgestockt werden konnte. D+S europe sind 7,4 Millionen Euro neues Eigen-kapital zugeflossen, so daß derzeit unsere Eigenkapitalquote bei 54 Prozent liegt. Bei einem erwarteten Finanzergebnis von 0,7 Millionen Euro für 2005 ist mindestens von einem Ergebnis je Aktie von 20 Cent auszugehen. Im Vergleich zu unserer Peergroup sind wir damit äußerst preisgünstig bewertet, denn in diesem Vergleich liegt die Bewertung im Durchschnitt bei dem zirka 28fachen des Gewinns. Daran ist zu sehen, daß wir von der Börse noch in keiner Weise richtig wahrgenommen werden, da unser KGV 05 nur bei 13 liegt.

Instock:
Von welchem Ergebnis je Aktie gehen Sie im kommenden Jahr aus?

Soltau:
Bei einem Umsatz von zirka 64 Millionen Euro planen wir über das ganze Jahr gesehen - eine EBIT-Marge von etwa 8 Prozent. Wir kalkulieren derzeit eine Zahl von zirka 13,8 Millionen ausstehenden Aktien für 2005. Zieht man vom EBIT das negative Finanzergebnis von zirka 700.000 Euro ab, dann ergibt sich ein EBT von etwa 4,3 Millionen Euro. Wenn Sie diesen Wert durch die Anzahl der Aktien von 12,8 Millionen dividieren, dann errechnet sich ein Wert, der deutlich über dem liegt, was wir bisher als unsere Prognose bekannt gegeben haben. Dies bedeutet, daß im Falle einer maximal möglichen Aktienanzahl von 14,3 Millionen durch eine volle Wandlung der Wandelanleihe das Ergebnis je Aktie von 20 Cent nicht unterschritten werden würde. Dasselbe gilt auch für den Fall weiterer Akquisitionen, da diese nur unter der Bedingung durchgeführt werden, daß sie einen höheres Ergebnis pro neu ausgegebener Aktie als die D+S beitragen. Den Gewinn innerhalb von Jahresfrist vervierfachen können ist doch eine sehr reizvolle Gewinnentwicklung.

Instock:
Welchen Ergebnismultiplikator sehen Sie als gerechtfertigt an?

Soltau:
Wenn man berücksichtigt, daß vergleichbare Unternehmen in Amerika im Durchschnitt mit einem KGV von über 27 bezahlt werden, jedoch nicht dieses starke Wachstum wie wir besitzen, dann halte ich auch bei D+S europe einen Ergebnismultiplikator von zirka 20 durchaus nicht für zu hoch. Diesem Bewertungsverhältnis werden wir uns vermutlich dann stärker annähern, wenn sich im zweiten Halbjahr 2004 unser Wachstumspotenzial konkretisiert uns sich zeigt, daß wir tatsächlich eine Marge von mehr als 8 Prozent erzielen und außerdem positive Auswirkungen durch den Einstieg der Hopp Beteiligungsgesellschaft melden können.

Instock:
Herr Hopp, Mitbegründer von SAP, ist seit kurzem Großaktionär von D+S. Wirkt sich das auch auf das operative Geschäft aus?

Soltau:
Wir gehen ganz stark davon aus, dass genau dies der Fall sein wird. Es wird wahrscheinlich nicht lange dauern, bis uns der neue Großaktionär bei der Akquisition größerer Projekte hilfreich sein wird. Dies ist eine großartige Sache. Wir rechnen mittelfristig mit steigenden Umsatz- und Ergebnisimpulsen

Instock:
Der Einstieg von Hopp bewegte den Kurs Ihres Unternehmens kaum, ganz im Gegensatz zum letzten Vorstandswechsel. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Soltau:
Das hat mich auch gewundert. Ich denke, dass die Darstellung zum Eintritt von Hopp gut und klar war. Aus meiner Sicht haben diese Mitteilung die richtigen Leute nicht gelesen. Ich halte in der Tat den Eintritt der Hopp Beteiligungsgesellschaft für mit das Beste, was D+S in den vergangenen Jahren zu vermelden hatte. Ich halte dies für noch wertvoller als den absoluten Betrag an Geld, der uns aus der Kapitalerhöhung zugeflossen ist, da auch ein aktives Engagement im Aufsichtsrat der D+S europe AG angestrebt wird.

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