Tradinghouse: "Uns gibt es noch"
Daytrading
hatte sich in den Boomzeiten am Aktienmarkt fast zu einem Volkssport
entwickelt. Entsprechend groß war die Zahl derjenigen, die eine
entsprechende Ausbildung und Handelsplätze anboten. Davon sind
nach dem Börsen-Crash der vergangenen Jahre nur noch wenige übriggeblieben.
Dazu gehört der Branchen-Pionier, die inzwischen börsennotierte
trading-house.net aus Berlin. Wir sprachen mit Gründer und Alleinvorstand
Rafael S. Müller über die aktuelle Situation des Unternehmens.
Instock:
Wieso gelingt es Ihnen eigentlich nicht, profitabel zu arbeiten?
Müller:
Wir sind in hohem Maße von der Entwicklung an der Börse und
dem daraus resultierenden Verhalten unserer Kunden abhängig. Steigende
Kurse an der Börse bedeuten auch steigende Umsätze. Das zeigt
sich bereits in diesem Jahr. Kaum boomt die Börse etwas, ziehen
auch bei uns die Umsätze an. Jetzt geht es eher seitwärts
und so ist auch unsere Entwicklung.
Instock:
Diese Abhängigkeit von steigenden Börsenkursen ist unverständlich,
schließlich können Ihre Kunden auch bei fallenden Kursen
Gewinne erzielen. Können Sie das Ihren Kunden nicht richtig vermitteln?
Müller:
Das ist nicht das Problem. Unsere Kunden gehen aber lieber bei steigenden
Kursen long als umgekehrt. Das heißt nicht, dass unsere Kunden
nicht die Möglichkeiten der Leerverkäufe nutzen. Aber sie
sind in schlechten Marktsituationen einfach weniger risikobereit. Für
uns bedeutet das, dass sich der Umsatz pro Händler in schlechten
Börsenzeiten durchaus halbiert.
Instock:
Ist auch die Kundenzahl so dramatisch rückläufig?
Müller:
Nein, wir haben gegenüber der Boomphase im Jahr 1999 einen Kundenbestand
von etwas weniger als 80 Prozent, die aber weniger handeln als in den
Boomzeiten.
Instock:
Dann ist es Ihnen nicht gelungen, in ausreichendem Maß Neukunden
zu gewinnen?
Müller:
Die Leute sitzen zum Teil noch auf ihren Verlusten. In solcher Situation
bewegen sich die Leute einfach nicht. Sie schauen sich ja nicht einmal
ihr Depot an.
Instock:
Dann haben Sie das Ziel ihres Börsengangs – mehr Publicity
gleich mehr Kunden – verfehlt?
Müller:
Nein, das haben wir nicht verfehlt. Das können wir gar nicht verfehlt
haben, weil es uns noch gibt, weil wir trotz des schlechten Umfeldes
noch immer eine schwarze Null schreiben. Andere sind in dieser Zeit
pleite gegangen.
Instock:
Trotz der vielbeschworenen schwarzen Null kreist der Pleitegeier immer
wieder über der trading-house.net. Nun soll eine Kapitalerhöhung
für frisches Geld sorgen. Wofür wollen Sie das Geld ausgeben?
Müller:
Ausgeben wollen wir es gar nicht. Wir werden mit dem frischen Kapital
unsere Bilanz ausgleichen und mit dem Rest ein kleines finanzielles
Polster aufbauen. Damit kommen wir in eine Position, wie wir sie komfortabler
noch nicht erlebt haben. Wir schreiben dann nicht nur eine schwarze
Null, wir haben dann sogar eine Sicherheit in der Hinterhand.
Instock:
Sie wollen mit dem Unternehmen umziehen, vor allem um weitere Kosten
zu sparen. Wie hoch wird die Ersparnis ausfallen?
Müller:
Für das laufende Geschäftsjahr 2003/04 hat das keine Auswirkungen
mehr. Allerdings wird sich das 2004/05 in unseren Zahlen schon niederschlagen.
Die niedrigere Miete macht ungefähr 10 Prozent unseres Umsatzes
aus. Allerdings ist das nur ein geringer Effekt. Wir starten dann richtig
durch, wenn auch die Börse wieder anzieht.
Instock:
Und Sie Neukunden gewinnen. Dazu sollen ja auch die steigende Zahl von
Börsenbriefen dienen, die sie herausgeben beziehungsweise herausgeben
wollen. Gibt es schon erste Neukunden, die auf diesem Weg akquiriert
wurden?
Müller:
Ja, wir konnten so schon einige Kunden gewinnen.
Instock:
Die Börsenbriefe werden alle im Hause produziert, sprich geschrieben.
Bleibt da bei insgesamt fünf Fachleuten überhaupt noch Zeit,
sich intensiv um die eigentlichen Händler und deren Betreuung zu
kümmern, wie Sie es ja immer versprechen?
Müller:
Die Briefe, derzeit sind es vier, sind nicht so aufwendig. Einer wird
beispielsweise vollelektronisch erstellt und verschickt. Einen anderen
schreibe ich selber. Der erscheint so drei bis viermal im Monat und
ich benötige jeweils eine Stunde dafür. Das geht mit Sicherheit
nicht zu Lasten unserer Kundenbetreuung.
Instock:
Auf Ihrer Hauptversammlung war die Rede davon, dass demnächst ein
zweiter Vorstand berufen werden soll. Warum gerade jetzt?
Müller:
Da ist etwas nicht ganz richtig angekommen. Hierbei handelt es sich
lediglich um eine mittel- bis langfristige Planung. Auch ich möchte
nicht ewig alleine die Verantwortung für das Unternehmen tragen.
Doch aktuell ist da nichts geplant. Das wäre auch kaum möglich,
angesichts unserer Kassenlage. Aber wenn ein Investor kommt, sind wir
auch auf einen solchen Schritt vorbereitet.
Instock:
Wie aus Ihrem Geschäftsbericht hervorgeht, soll noch in diesem
Geschäftsjahr die Satzung der trading-house.net geändert werden.
Warum das?
Müller:
Das ist mehr eine Formalie. Als die Satzung aufgestellt wurde, waren
wir noch keine Publikumsgesellschaft. Auch sonst haben sich einige Dinge
geändert, die es erforderliche machen, die Satzung den neuen Gegebenheiten
anzupassen.
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