„Eine GmbH zu gründen ist Harakiri“
Daytrader
waren einmal die heiß umkämpften Börsen-Könige.
Nur wenige sind davon übrig geblieben. Das gilt auch für die
Firmen, die sich um diese Klientel kümmert. Als erste am Markt,
konnte die trading-house.net AG bis heute alle Klippen umschiffen. Wir
sprachen mit Gründer und Vorstandschef Raphael Müller.
Instock:
Ihr Geschäft ist das Daytrading. Wie würden Sie das ausklingende
Jahr aus Daytrader-Sicht überschreiben?
Müller:
Die Daytrader sind zurück. Mit einem Unterschied: 1999/2000 wurden
primär Futures gehandelt. Der Daytrader von 2004 handelt Aktien.
Zu mehr als 90 Prozent deutsche Aktien, nur sehr wenige Spezialisten
handeln internationale Werte und da liegen US-Aktien weit vorne. Eigentlich
waren Aktien schon immer das interessantere Trading-Produkt. Es hatte
nur zwei Macken: Man konnte 1999 deutsche Aktien nicht leerverkaufen,
was jetzt zeitlich unbegrenzt möglich ist. Auch ist das sehr kurzfristige
Trading ohne die Nutzung von Fremdkapital (Hebel) sehr uninteressant.
Bei Aktien ist es jetzt Standard, dass man bis zum Zehnfachen die Position
mit Fremdkapital hebeln kann. Damit ist meines Erachtens das Aktientrading
nun deutlich interessanter als der Future-Handel, bei dem man sich in
der Regel auf einen einzigen Index konzentriert. Die Zahlen belegen
meine Annahmen. Nur noch jeder zweite entscheidet sich für den
Handel mit Futures – acht von zehn Neukunden ziehen den Aktienhandel
vor. Um Ihre Frage zu beantworten: Es war das Jahr des Wandels –
vom Future- hin zum Aktienhandel.
Instock:
Welches waren für Daytrader die Höhe- und die Tiefpunkte des
Jahres?
Müller:
Diese gestalten sich bei jedem Trader sehr individuell, je nach den
aktuellen Positionen. Das Herz eines Traders hüpft dann etwas höher,
wenn er (oder sie) eine Position rechtzeitig vor einer großen
Bewegung ge- oder verkauft hat. Natürlich geht das nur, wenn sich
diese Bewegung rechtzeitig ankündigt. Medion war im Sommer so ein
Beispiel. Bereits einen Tag vor dem großen Sturz gab es ein eindeutiges
und kräftiges Verkaufssignal. Wer das gesehen hat und Medion leerverkauft
hat, konnte sich an nur einem Tag über einen Gewinn von bis zu
100 Prozent freuen. Das unerfreulichste war die zermürbende Seitwärtsbewegung,
die das gesamte Jahr geprägt hat. Aber auch diese scheint ja nun
vorbei zu sein.
Instock:
Mit welcher Strategie ließ sich das meiste Geld verdienen?
Müller:
Mit einem Trendfolgeansatz sicherlich nicht, es sei denn, dieser war
auf einen sehr kurzen Zeitrahmen ausgelegt. Diese Systeme führen
bei kurzen Intervallen aber zu einer erheblich Zahl von Fehlsignalen.
Hätte man hingegen ein Trendfolgesystem mit einem längerfristigen
Zeitansatz gewählt, dann wäre man vermutlich ständig
ausgestoppt worden. Dies wäre jedenfalls für einen Seitwärtstrend
symptomatisch. Nicht im Seitwärtstrend hingegen lagen und liegen
die Werte des MDax. Wenn Sie sich anschauen, dass der MDax bereits vor
Wochen neue Höchstkurse erreicht hat, so war und ist dieses Marktsegment
prädestiniert für ein Trendfolgesystem. Bei den größeren
Aktienwerten oder dem Dax konnte man mit antizyklischen Systemen am
meisten Geld verdienen. Hierbei liegt die Problematik für den Händler
jedoch darin, dass er permanent gegen den Markt und gegen seinen eigenen
Bauch handeln muss. Damit haben eher unerfahrene Händler am häufigsten
Probleme.
Instock:
Ist Daytrading nicht insgesamt etwas, wo einige mit Glück oder
wie auch immer Geld verdienen, die Masse aber Haus und Hof verspielen?
Müller:
Das Daytrading ist – und das nicht nur in Deutschland –
regulierter als fast jede andere Form einer selbständigen Tätigkeit.
Jeder, der wie auch immer 25.000 Euro zusammenkratzen kann, kann mit
diesem Geld eine GmbH gründen, obwohl alle Statistiken besagen,
dass jeder Zweite davon sein eingesetztes Kapital vollständig verlieren
wird. In den meisten Fällen gehen die Verlust sogar weit über
das vorhandene Kapital hinaus und der Gründer bleibt auf Lebzeiten
verschuldet. Das Daytrading ist dagegen eine äußerst harmlose
Nummer. Nur mit maximal 20 Prozent seines liquiden Vermögens darf
ein Tader bei trading-house.net starten. Bei dieser Berechnung zählt
sein Einfamilienhaus nicht einmal mit. Wenn dieser Trader nun 50 Prozent
seines bei uns eingesetzten Kapitals verliert, dann hat er genau 10
Prozent seines Vermögens verloren und hat nicht "Haus und
Hof verspielt." Ich sehe zwar ein, dass dies aus journalistischer
Sich als Schlagzeile weniger interessant ist. Aber so ist es eben. Eine
GmbH zu gründen ist im Vergleich zum Daytrading Harakiri.
Instock:
Wie hoch ist nach Ihren Erkenntnissen der prozentuale Anteil unter denen,
die sich im Daytrading versuchten, die wirklich reich wurden oder von
ihrem Tun zumindest recht gut leben können?
Müller:
Zehn bis 20 Prozent verdienen Geld. Etwa ebenso viele verlieren Geld.
Die große Mehrzahl hat sechs bis zwölf Monate Spaß
und hört dann gelangweilt wieder auf. Es gibt aus meiner Sicht
kaum ein Geschäft, was fairer ist, als der Börsenhandel. Als
Kunde erhält man eine professionelle und sichere Infrastruktur.
Das Interesse der Bank oder des Brokers und des Kunden sind gleich-gerichtet.
Als Partner der Bank agiert der Kunde an der Börse. Diese wiederum
garantiert die verkaufenden Zahlungsausgleich zwischen Käufern
und Verkäufern. Warum ausgerechnet beim Börsenhandel ständig
darauf hingewiesen wird, dass auch Trader Geld verlieren, ist mir nach
wie vor schleierhaft. Entscheidend ist doch, dass an der Börse
fast eine hundertprozentige Chancen-gleichheit besteht. Die Börse
ist demokratisiert.
Instock:
Sie bilden Daytrader aus. Warum soll jemand dafür Zeit und Geld
aufwenden?
Müller:
Es soll Menschen geben, die üben einen Beruf aus, den sie nicht
gelernt haben. Halten Sie das für sinnvoll? Ich denke, dass gerade,
weil es um Geld geht, jeder wissen sollte was er tut. Im Bereich der
Ausbildung privater Trader haben uns in den vergangenen Jahren weit
über 5.000 Teilnehmer die Qualität unser Schulungen bescheinigt.
Ich kann mich in Bezug auf die Qualität unserer Seminare nicht
an eine einzige Beschwerde erinnern. Ich bin mir sicher, dass der Durch-schnitt
unserer Kunden wesentlich erfolgreicher handelt, als die Kunden anderer
Häuser. Statistisch läßt sich das jedoch leider nicht
fassen. Ich denke, dass das in die Ausbildung bei uns investierte Geld
sehr gut angelegt ist.
Instock:
Die Zahl der Daytrader ist sehr überschaubar. Ist da das eigene
Geschäft überhaupt mit gutem Profit ausbaubar?
Müller:
Es ist nicht die Zahl der Kunden, sondern deren Qualität, die für
einen Spezialbroker wie die trading-house.net entscheidend ist. Die
meisten Direktbroker oder Direktbanken verlieren mit dem Gros ihrer
Kunden Geld. Dies erklärt, warum es in den vergangenen zwei Jahren
an dieser Stelle zu Preiserhöhungen kam. Das Geld verdienen die
Direktbanken mit dem Teil der Kunden, der aktiv am Börsengeschehen
teilnimmt. Dies kann in Form von Fondskäufen der Fall sein oder
eben durch aktiven Aktienhandel. Auf diese Zielgruppe haben wir unser
Angebot eingeschränkt. Dadurch, dass wir nicht jeden Kunden nehmen,
haben wir mehr Zeit für die Betreuung unser aktiven Händler.
Instock:
Bisher scheint das Konzept nicht aufgegangen zu sein. Wieso nicht?
Müller:
Auch die großen Direktbanken sind erst bei der Rückkehr zur
Profitabilität. Die Formel ist einfach. Läuft die Börse
nicht – dann schaut keiner auf seine Aktien und handelt folglich
gar nicht oder zumindest deutlich weniger. Operativ schaffen wir es
immerhin, seit mehreren Jahren ein ausgeglichenes Ergebnis zu erzielen.
Auch wenn wir im gerade festgestellten Jahresabschluss erneut einen
Bilanzverlust in Höhe von 54.471 Euro für das Geschäftsjahr
2003/04 ausweisen (nach einem Bilanzverlust von 158.649 Euro für
2002/03), so ist dies auch in diesem Jahr auf Rückstellungen und
Abschreibungen zurückzuführen. Das operative Geschäft
war im abgelau-fenen Geschäftsjahr erneut ausgeglichen. Sollte
sich die Börse, wie von uns erwartet, im nächsten Jahr positiv
entwickeln, dann sollten die trading-house.net AG erstmals deutlich
schwarze Zahlen schreiben.
Instock:
Trading-house.net ist 2004 ziemlich unter Druck geraten. Was lief schief?
Müller:
Ich gehe davon aus, Sie beziehen sich auf unseren Börsenkurs. Nun,
diese spiegelt die Geschäftsentwicklung der trading-house.net AG
in keiner Weise wider. Zum einen scheint es Ausdruck eines allgemeinen
Trends zu sein und zum anderen kam im Fall der Gesellschaft ein entscheidender
Unsicherheitsfaktor hinzu. Vor mehr als einem Jahr mußte die AG
aufgrund der Insolvenz eines Schuldners eine Wertberichtigung über
160.000 Euro vornehmen. Seitdem ist die Gesellschaft bilanziell überschuldet.
Auf der letzten Hauptversammlung im Frühjahr dieses Jahres wurde
zur Beseitigung der Überschuldung eine Kapitalerhöhung beschlossen.
Aufgrund der Anfechtungsklage von zwei Aktionären konnte diese
Kapitalerhöhung allerdings nicht wie beschlossen durchgeführt
werden. Auf der für Februar 2005 anstehenden Hauptversammlung wird
nun erneut über eine Kapitalerhöhung zu geänderten Bedingungen
abgestimmt werden. Die Gesellschaft geht davon aus, dass diese Kapitalerhöhung
unmittelbar im Anschluß an die Hauptversammlung durchgeführt
werden wird. Die sollte zu einer deutlichen Stabilisierung des Aktienkurses
führen. Mehr sollte ein Vorstand nicht zu der erwarteten Entwicklung
der eigenen Aktie sagen.
Instock:
Aktionäre kann man sich nicht backen. Wie wollen Sie künftig
solche unliebsamen und existenzbedrohenden Konfrontationen vermeiden?
Müller:
Etwa 50 Prozent der Teilnehmer hatten auf allen Hauptversammlungen der
trading-house.net AG weniger als 10 Aktien. Leider sind die Gesetze
zur Einschränkung des Mißbrauches von Aktionärsrechten,
und nur um diese geht es mir hier, noch nicht verabschiedet. Gegen diese
Art von Aktionäre kann man derzeit leider wenig tun. Deshalb an
dieser Stelle mein Appell, unsere Hautversammlung nicht zu stören.
Als Gast ist uns jeder noch so kleine Aktionär herzlich willkommen.
Bei der geringen Zahl von Aktien kennen wir diese in der Regel noch
persönlich. Mit den echten Großaktionären wurden bereits
Vereinbarungen über gemeinsame Stimmabgaben getroffen.
Instock:
Wohin steuert das Unternehmen 2005?
Müller:
2005 werden wir neue Angebote für breitere Kundenschichten haben.
Zum einen schielen wir in Richtung "Medium Heavy Trader",
also Privatkunden mit 5 bis 20 Trades pro Monat, zum anderen aber auch
in Richtung institutioneller Kunden. Um diese Kundensegmente zu erreichen,
wird derzeit das Angebot umstrukturiert. Hierfür sind wir noch
auf der Suche nach neuen Bankpartnern, um die neue Produktpalette auch
mit neuen Preisstrukturen unterlegen zu können. Wir bleiben flexibel
und werden uns auch weiterhin den Bedürfnissen unser Kunden schnell
und unbüro-kratisch anpassen können. Spielt die Börse
mit, so werden wir in zwölf Monaten auf ein sehr erfreuliches Jahr
zurückblicken können.
www.instock.de