VBH: "Schlank gemacht für diesen Markt"
Die
VBH Holding AG ist ein in Europa, Asien, Australien und Lateinamerika
tätiges Großhandelsunternehmen für Baubeschläge.
Das Sortiment umfaßt Beschläge für Fenster, Türen
und Möbel, Werkzeuge und Maschinen sowie Komponenten für Sicherheits-technik
und Brandschutz. Kunden sind vor allem Fenster-, Türen- und Möbelhersteller
sowie Handwerks-betriebe. Über die Schwächen Anfang des Jahrtausends,
die heutige Position sowie die Chancen des Unternehmens sprachen wir
mit Jürgen Kassel, einem der beiden Vorstände.
Instock:
Vor einigen Jahren sah es bei VBH recht trüb aus. Wie nah waren
Sie damals am Konkurs?
Kassel:
Als ich 2001 in den Vorstand kam, waren wir sehr nah dran. Damals gab
es keine langfristigen Kreditlinien im Unternehmen. Dazu kam, daß
damals der Markt von VBH innerhalb von fünf Jahren 50 Prozent seines
Volumens eingebüßt hatte. Das hat kostenseitig schon eine
Krise im Unternehmen ausgelöst, da auch das Unternehmen viel zu
groß für diesen eingebrochenen Markt war.
Instock:
Sie kamen dann als Sanierer ins Unternehmen?
Kassel:
Sanierer trifft es nicht. Das sind ja eher die, die ein Unternehmen
ganz tief rausholen. Ich habe restrukturiert. Ich habe einfach gemeinsam
mit meinem Kollegen Rainer Hribar, der damals auch noch nicht im Vorstand
war, Strukturen ins Unternehmen gebracht, die zum deutschen Markt passen.
Instock:
Sie haben einen Teil Ihrer damaligen Bankverbindlichkeiten in Genußscheine
umgewandelt. Wann werden die fällig?
Kassel:
In zehn Jahren. Wir haben damit erstmals einen zehnjährigen Kredit.
So etwas kannte man, wie schon gesagt, früher nicht im Unternehmen.
Wobei man sagen muß, daß die Genußscheine bereits
jetzt wandlungsfähig und börsengängig sind.
Instock:
VBH ist ein international aufgestellter Konzern. Auffälligerweise
sind Sie nicht in den USA vertreten, obwohl dort die Baubranche boomt.
Warum?
Kassel:
Das hängt damit zusammen, daß unsere westeuropäische
Fenstertechnologie in Amerika bisher keinen Anklang gefunden hat. In
den USA hat man noch immer Fenster, die man entweder nach oben oder
nach links oder rechts schiebt. Die sogenannte Dreh-Kipptechnik, wie
wir sie kennen, ist in den USA bisher nicht bekannt. Auf der anderen
Seite sehen wir hier durchaus Ausbau-chancen, wenn sich unsere Technik
jemals in Amerika durchsetzen würde.
Instock:
Sie machen schon jetzt gut 50 Prozent Ihres Geschäftes im Ausland.
Wie soll sich dieses in den kommenden fünf Jahren entwickeln?
Kassel:
Der Auslandsumsatz-Anteil wird steigen. Wir rechnen mit 60 Prozent Anteil
in naher Zukunft. Dazu kommt, daß die Renovierungsmärkte
in den Regionen, in denen wir tätig sind, also in Europa, Asien
und insbesondere China, aufstrebende Märkte sind. Wir erwarten
deshalb in einigen Märkten deutlich zweistellige Zuwachsraten.
Instock:
Auf der anderen Seite schreiben Sie in Deutschland immer noch Verluste.
Wieso verabschieden Sie sich nicht vom hiesigen Markt?
Kassel:
Das war eine Grundüberlegung bei der Restrukturierung des Unternehmens.
Andererseits muß man dabei berücksichtigen, das alle unsere
Vorlieferanten sehr große Unternehmen mit welt-weiter Marktführerschaft
sind. Wir brauchen den deutschen Markt einfach volumenmäßig,
um unsere weltweite Einkaufsmacht zu dokumentieren. Wenn wir diese deutsche
Einkaufsmacht in der Größenordnung von 250 Millionen Euro
nicht hätten, dann könnten wir im Ausland über das Volumen
nicht attraktiv anbieten.
Instock:
Ab wann wollen Sie auch in Deutschland wieder schwarze Zahlen schreiben?
Kassel:
Ab 2005. Wir hatten uns damals vorgenommen, den Verlust in Deutschland
jedes Jahr zu halbieren. Gleichzeitig gingen die Gewinne im Ausland
nach oben, so daß diese Tendenz weiter anhalten wird. Wir werden
in diesem Jahr auf dem heimischen Markt nur noch einen leichten Verlust
erzielen und im kommenden Jahr bereits profitabel sein.
Instock:
Geplant waren für 2004 in Deutschland 5 Millionen operativer Verlust.
Wird das Minus geringer ausfallen?
Kassel:
Der Verlust wird sich in dieser Größenordnung bewegen. Da
unser zweitgrößter Konkurrent, die Geniatec AG, Insolvenz
angemeldet hat, erwarten wir uns davon noch etwas mehr Profit in den
restlichen Wochen des Jahres. Damit wird unser Verlust eventuell etwas
geringer ausfallen, als bisher kommuniziert.
Instock:
Heißt das, der Gewinn vor Steuern und Zinsen (EBIT) auf Konzernebene
wird etwas höher als die bisher geplanten 20 bis 25 Millionen Euro
ausfallen?
Kassel:
Nein, wir hatten ja ursprünglich mit 20 Millionen geplant. Ich
habe jetzt die Spanne von 20 bis 25 Millionen Euro genannt. Hier sind
bereits die angesprochenen Marktbereinigungseffekte enthalten.
Instock:
In einer Analyse zu VBH ist davon zu lesen, daß Sie bis zu 8 Millionen
Euro Steuern zahlen müssen. Nach den verlustreichen Vorjahren müßten
Sie einen rieseigen Steuervortrag haben. Wieso müssen Sie etwas
an den Fiskus abführen?
Kassel:
Leider können wir den Steuervortrag in Deutschland nicht für
die Auslandsgewinne verwenden. Das liegt daran, daß wir im Ausland
direkt bei den Lieferanten einkaufen und keinen internen Verrechnungsmodus
haben. Auf der anderen Seite haben wir dadurch fast keine Währungs-risiken.
Instock:
Sie sprachen die Insolvenz Ihres Konkurrenten an. Gab es Überlegungen,
diesen zu übernehmen?
Kassel:
Die gibt es nicht mehr. Das Unternehmen wird jetzt bereits zerschlagen,
weil der Insolvenz-verwalter einer Fortführung nicht mehr zustimmen
konnte. Im Vorfeld wurde das Unternehmen viel zu teuer angeboten.
Instock:
Kaufen Sie nun Teile auf?
Kassel:
Wir haben bereits Bestände der Niederlassungen in Paderborn, Recklinghausen
und Rheine. Wir nennen das unsere neue Region Nord-West.
Instock:
Wie groß ist nach der Insolvenz ihr Marktanteil Dreh-Kipp-Bereich
in Deutschland?
Kassel:
Unser Marktanteil beträgt in etwa 30 bis 35 Prozent.
Instock:
VBH gehört nicht zu den bekanntesten Unternehmen an der Deutschen
Börse. Wenn Sie von einem Aktionär gefragt werden, warum er
sein Geld ausgerechnet in VBH-Aktien investieren soll, was sagen Sie
dem?
Kassel:
Ich würde den Aktionär darauf hinweisen, daß der Markt,
in dem wir uns bewegen, sich eher aufwärts entwickelt. Dazu kommt,
daß wir im Ausland zweistellige Zuwachsraten haben. Ein dritter
Punkt ist, das die Marktbereinigung in Deutschland nun endlich stattgefunden
hat. Wir haben uns schlank gemacht für diesen Markt. Wir passen
zu der Marktgröße. Alles was jetzt an Umsatz und Ertrag oben
draufkommt, ist der berühmte Skaleneffekt. Das heißt: Wir
werden mit der bestehenden Kostenstruktur mehr Umsatz und Ertrag erzielen.
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