Freenet: "Das Potential ist da"
Die
Freenet AG hat mit der Integration des Festnetzes – erworben vom
Mutterkonzern Mobilcom – eine neue Firmenstruktur bekommen. Mit
der Konzentration auf die Sprachtelephonie entwickelt sich das Hamburger
Unternehmen zum Internet-Telekommunikationsanbieter. Wir sprachen mit
dem Vorstandsvorsitzenden Eckhard Spoerr über Chancen und Risiken
dieser Entwicklung.
Instock:
Beim Blick auf die Unternehmenszahlen und den Freenet-Kurs werden Erinnerungen
an Neue-Markt-Zeiten wach. Was macht Freenet anders oder besser als
die wehleidige Konkurrenz?
Spoerr:
Natürlich waren wir im vergangenen Jahr die Aktie mit dem größten
Kurssprung. Auch 2004 haben wir schon ein Kursplus von 30 bis 40 Prozent
hingelegt. Wir kommen aber auch von einem Niveau, was damals aus meiner
Sicht schon einen sehr niedrigen Unternehmenswert repräsentierte.
Insofern hatten wir als zweitgrößter Online-Dienst, der wir
schon vor zwei Jahren waren, ein erhebliches Aufholpotential. Ich nehme
an, dass der Kapitalmarkt das Potential der Firma nicht richtig erkannt
hatte. Damals wurde die ganze Internet-Branche über einen Kamm
geschert. Es gab keine Differenzierung zwischen erfolgreichen, profitablen
Unternehmen und weniger erfolg-reichen. Dazu kommt, dass wir durch die
Festnetzübernahmen von Mobilcom unser Geschäfts-modell verändert
haben. Diese Veränderung und das unglaublich schnelle Umsetzen
unseres Investitions-Sofortprogramms haben dazu geführt, dass der
Unternehmenswert deutlich steigen konnte.
Instock:
Machen Ihnen die Kurssprünge auch in Hinblick darauf, dass Börse
ja vor allem in Zukunft investiert, nicht ein bißchen Angst?
Spoerr:
Nein. Wir beobachten selbstverständlich, was die Analysten über
das Unternehmen sagen. Die geben letztendlich ihre Einschätzung
zum Unternehmen ab und begleiten es. Wenn ich dann sehe, was die zugrunde
gelegten Zahlen für ihre Einschätzungen sind, dann erkennen
die Experten durchaus das Potential in der Firma. Da wird es mir auch
nicht schwindlig bei dem, was von den Analysten prognostiziert wird.
Aber natürlich sind das jeden Tag neue Herausforderungen. Wir bewegen
uns in einem sehr harten Wettbewerb, in dem wir uns jeden Tag neu beweisen
müssen.
Instock:
Sie sprachen von dem Schub durch die Übernahme der Mobilcom-Festnetzsparte.
Wird es künftig weitere solcher Schübe durch Akquisitionen
geben?
Spoerr:
Es stehen im Moment keine Akquisitionen ins Haus. Ich glaube aber, dass
der deutsche Telekommunikationsmarkt, in dem wir uns ja bewegen, weitere
Konsolidierungsschritte benötigt. Wir sind einer der größeren
Player in diesem Markt und mit Sicherheit werden wir auch nach Übernahmemöglichkeiten
schauen. Dazu gehören aber immer zwei.
Instock:
Das ist aber keine vornehme Zurückhaltung sondern der Mangel an
geeigneten Übernahmekandidaten?
Spoerr:
Es gibt einige Dinge, die wir uns anschauen. Dabei hat sich aber noch
nichts herauskristallisiert, was für uns ein großer Schritt
wäre, womit wir unser Shareholder Value-Potential noch einmal deutlich
erhöhen könnten. Insofern sind wir da noch zurückhaltend.
Instock:
Vor einigen Tagen machte eine Meldung die Runde, wonach der Telekom
in Deutschland eine flächendeckende Versorgung mit DSL-Anschlüssen
momentan zu teuer ist. Sind aus Ihrer Sicht die weißen Flecke
auf der DSL-Landkarte relativ schnell zu schließen?
Spoerr:
Ich glaube, das ist eine Frage der Zeit. Mittelfristig wird zumindest
die Deutsche Telekom in der Lage sein, eine Flächendeckung in der
DSL-Versorgung zu bewerkstelligen. Das wird sie auch tun.
Instock:
Bleibt das der Telekom überlassen oder müssten Wettbewerber
wie Freenet ebenfalls aktiv werden?
Spoerr:
So, wie die Regulierung heute ist und wie die Rahmenbedingungen geschaffen
wurden, um in das Direktanschlussgeschäft einzusteigen, kann in
Deutschland eigentlich nur die Telekom eine absolute Flächendeckung
hinbekommen. Konkurrenten müssen schon recht hohe monatliche Beträge
für die Anmietung der Kupferleitung an die Deutsche Telekom zahlen.
Da macht ein Aufbau von eigener Technik in etwas weniger bewohnten Gegenden
nur für den größten am Markt Sinn und das wird auch
längerfristig die Deutsche Telekom bleiben. Insofern glaube ich,
dass dies schon Aufgabe der Deutschen Telekom sein sollte.
Instock:
Worin sehen Sie vor allem im organischen Wachstum die großen Zukunftsfelder
bei Freenet?
Spoerr:
Das ist ganz klar der Breitbandmarkt und in Zukunft auch Services, die
auf dem Breitband-anschluss stattfinden können. Wir haben ja bereits
als eines der ersten Unternehmen Voice over IP für den Endkunden
zur Cebit am Markt eingeführt.
Instock:
Wie ist bisher die Resonanz?
Spoerr:
Sie ist positiv, sie ist gut. Wir haben mehr als 100.000 Downloads bis
Mai gehabt. Das würde ich nun noch nicht als explosionsartige Bewegung
sehen. Wir befinden uns hier am Anfang einer mehrjährigen Entwicklung
im deutschen Markt. Ich glaube, dass wir hier zu relevanten Nutzer-zahlen
kommen, die zu einer spürbaren Ergebniswirkung führen können.
Allerdings geht es hier eher um einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren,
als um vier bis acht Monate. Das ist ein Investment in die Zukunft,
aber die Zukunft wird Richtung Voice over IP-Services gehen. Wann da
der Marktdurchbruch wirklich erfolgt, kann man aus heutiger Sicht noch
nicht sagen. Deshalb wird die Umsatz- und Gewinnbedeutung für Freenet
erst auf mittlere Sicht eintreten.
Instock:
Was muß passieren, damit in diesem Segment die Markexplosion auch
wirklich erfolgt?
Spoerr:
Ganz einfach: Der Regulierer muß aktiv werden und die Zwangskoppelung
des DSL-Breiband-zugang über T-DSL mit dem Telefonanschluss durchbrechen.
Wir können heute DSL-Anschlüsse von der Deutschen Telekom
anmieten. Der Kunde kann aber diesen Anschluss nur bekommen, wenn er
auch einen Telefonanschluss bei der Deutschen Telekom gemietet hat.
Solange diese unnatürliche Zwangsbündelung noch geschützt
wird, solange kann der Voice over IP-Endkunden-markt nicht zum Durchbruch
kommen.
Instock:
Spricht gegen einen Erfolg der Voice over IP-Technologie nicht, dass
vor allem immer mehr junge Telefonnutzer dazu übergehen, sich vom
Festnetz ganz zu verabschieden?
Spoerr:
Nein, das glaube ich nicht. Sicherlich gibt es ein gewisses Marktsegment,
was keinen Festnetzanschluss mehr hat. Durchschnittlich kostet eine
Minute im Mobilfunk in die unterschied-lichen Netze 30 bis 30 Cents.
Wer über unseren Voice over IP-Dienst deutschlandweit ins Festnetz
telefoniert, zahlt 1 Cent je Minute. Wir haben hier einen substanziellen
Preisvorteil. Ich glaube, solange das Preisgefüge im Mobilfunk
noch so hoch ist, wird es auf jeden Fall einen potentiell großen
Markt für Voice over IP-Dienste geben. Dazu kommt, dass die Haushalte
immer stärker vernetzt sind, dass immer mehr PCs durch Flatrates
den ganzen Tag an sind. Dazu gibt es neue Funktionalitäten über
den PC oder andere Eingabegeräte im Haushalt. Die Haushalte, die
so viel Mittel freihaben, um alles über Mobilfunk abwickeln zu
können, können in Zukunft auch Bildschirme aufstellen, um
Video-Telefonie machen zu können oder E-Mails abzurufen. Die Kommunikationswege
von Internet und Sprache werden dabei verschmelzen. Es wird ein ganz
neues Telefonier-, ein ganz neues Kommunikationserlebnis durch Voice
over IP-Dienste geben.
Instock:
Gibt es in Ihrer Branche noch ähnlich spannende Felder, von denen
die breite Masse bisher kaum etwas ahnt?
Spoerr:
Ja, die Branche spricht vom Tripleplay. Das meint Internetzugang plus
Telephonie plus Video oder Filme über einen DSL-Zugang. Auf dem
asiatischen Markt gibt es das bereits. In der westlichen Welt, so auch
in Deutschland, ist das noch relativ unbekannt. Wir versuchen uns nun
gerade auf dem Voice over IP-Markt zu positionieren. Mittelfristig werden
wir auch in den Bereichen Video on Demand oder Video over DSL spannende
Dienste in Deutschland sehen. Dazu muss man wissen, dass der Videotheken-Markt
in Deutschland rund 100 Millionen Euro groß ist. Technologisch
und wirtschaftlich kann dieser Markt durch Video on Demand ersetzt werden.
Instock:
I-Mode war in Asien auch ein Renner, hier floppte die Technologie. Lassen
sich Erfolge auf der einen Seite der Erde auf die andere so einfach
übertragen?
Spoerr:
Ich bin ein ganz klarer Verfechter von regionaler Spezifikation, weil
wir nur in Deutschland tätig sind. Es gibt beispielsweise gute
Gründe, warum Fernsehinhalte über DSL bei uns nicht funktionieren
werden. Der Hauptgrund ist, dass wir 30 und mehr Fernsehkanäle
mit einer hervorragenden Qualität haben. Die sind so gut, dass
selbst das Bezahlfernsehen, und da sprechen wir von nur einem Anbieter,
es schwer hat, zügig die Profitabilität zu erreichen. Andererseits
ist ein Videotheken-Markt vorhanden. Mit den richtigen Filmen im Portfolio
kann man über den Breitbandzugang hier sicherlich Marktanteile
gewinnen. Schon weil es viel bequemer ist, den Film zu Hause einfach
runterzuladen, als zur Videothek zu fahren.
Instock:
Wenn sie diese Zukunftsvisionen auf die Zahlen von Freenet herunterrechnen,
wo sehen Sie da die mittelfristige Entwicklung?
Spoerr:
Ich sehe, dass wir die große Herausforderung haben, unsere Kundenbasis
zu halten und sukzessive von Schmalband- zu Breitbandnutzern zu entwickeln.
Instock:
Was bedeutet das für Umsatz und Gewinn?
Spoerr:
Wirtschaftlich bedeutet das kurzfristig aufgrund von Marketing-Kosten
sowie der Organisations-entwicklung nicht notwendigerweise Wachstum.
Mittelfristig ist es so, dass ein Breitbandkunde ungefähr den doppelten
Umsatz im Vergleich zu einem Schmalbandkunden verursacht. Erwirt-schaftet
auch den doppelten Rohertrag. Wenn es uns gelingt, die Schmalbandkundenbasis
zur Breitbandkundenbasis zu entwickeln, dann könnte es vereinfacht
dargestellt zu einer Umsatz-verdoppelung führen. Das heißt,
das Potential ist da. Der Weg dahin ist nicht einfach. Dabei kann man
auch nicht nur auf die Quartalszahlen sehen.
www.instock.de