16.06.04  Instock-Interview - freenet.de AG (WKN: 579200)

Freenet: "Das Potential ist da"

freenet HomepageDie Freenet AG hat mit der Integration des Festnetzes – erworben vom Mutterkonzern Mobilcom – eine neue Firmenstruktur bekommen. Mit der Konzentration auf die Sprachtelephonie entwickelt sich das Hamburger Unternehmen zum Internet-Telekommunikationsanbieter. Wir sprachen mit dem Vorstandsvorsitzenden Eckhard Spoerr über Chancen und Risiken dieser Entwicklung.

Instock:
Beim Blick auf die Unternehmenszahlen und den Freenet-Kurs werden Erinnerungen an Neue-Markt-Zeiten wach. Was macht Freenet anders oder besser als die wehleidige Konkurrenz?

Spoerr:
Natürlich waren wir im vergangenen Jahr die Aktie mit dem größten Kurssprung. Auch 2004 haben wir schon ein Kursplus von 30 bis 40 Prozent hingelegt. Wir kommen aber auch von einem Niveau, was damals aus meiner Sicht schon einen sehr niedrigen Unternehmenswert repräsentierte. Insofern hatten wir als zweitgrößter Online-Dienst, der wir schon vor zwei Jahren waren, ein erhebliches Aufholpotential. Ich nehme an, dass der Kapitalmarkt das Potential der Firma nicht richtig erkannt hatte. Damals wurde die ganze Internet-Branche über einen Kamm geschert. Es gab keine Differenzierung zwischen erfolgreichen, profitablen Unternehmen und weniger erfolg-reichen. Dazu kommt, dass wir durch die Festnetzübernahmen von Mobilcom unser Geschäfts-modell verändert haben. Diese Veränderung und das unglaublich schnelle Umsetzen unseres Investitions-Sofortprogramms haben dazu geführt, dass der Unternehmenswert deutlich steigen konnte.

Instock:
Machen Ihnen die Kurssprünge auch in Hinblick darauf, dass Börse ja vor allem in Zukunft investiert, nicht ein bißchen Angst?

Spoerr:
Nein. Wir beobachten selbstverständlich, was die Analysten über das Unternehmen sagen. Die geben letztendlich ihre Einschätzung zum Unternehmen ab und begleiten es. Wenn ich dann sehe, was die zugrunde gelegten Zahlen für ihre Einschätzungen sind, dann erkennen die Experten durchaus das Potential in der Firma. Da wird es mir auch nicht schwindlig bei dem, was von den Analysten prognostiziert wird. Aber natürlich sind das jeden Tag neue Herausforderungen. Wir bewegen uns in einem sehr harten Wettbewerb, in dem wir uns jeden Tag neu beweisen müssen.

Instock:
Sie sprachen von dem Schub durch die Übernahme der Mobilcom-Festnetzsparte. Wird es künftig weitere solcher Schübe durch Akquisitionen geben?

Spoerr:
Es stehen im Moment keine Akquisitionen ins Haus. Ich glaube aber, dass der deutsche Telekommunikationsmarkt, in dem wir uns ja bewegen, weitere Konsolidierungsschritte benötigt. Wir sind einer der größeren Player in diesem Markt und mit Sicherheit werden wir auch nach Übernahmemöglichkeiten schauen. Dazu gehören aber immer zwei.

Instock:
Das ist aber keine vornehme Zurückhaltung sondern der Mangel an geeigneten Übernahmekandidaten?

Spoerr:
Es gibt einige Dinge, die wir uns anschauen. Dabei hat sich aber noch nichts herauskristallisiert, was für uns ein großer Schritt wäre, womit wir unser Shareholder Value-Potential noch einmal deutlich erhöhen könnten. Insofern sind wir da noch zurückhaltend.

Instock:
Vor einigen Tagen machte eine Meldung die Runde, wonach der Telekom in Deutschland eine flächendeckende Versorgung mit DSL-Anschlüssen momentan zu teuer ist. Sind aus Ihrer Sicht die weißen Flecke auf der DSL-Landkarte relativ schnell zu schließen?

Spoerr:
Ich glaube, das ist eine Frage der Zeit. Mittelfristig wird zumindest die Deutsche Telekom in der Lage sein, eine Flächendeckung in der DSL-Versorgung zu bewerkstelligen. Das wird sie auch tun.

Instock:
Bleibt das der Telekom überlassen oder müssten Wettbewerber wie Freenet ebenfalls aktiv werden?

Spoerr:
So, wie die Regulierung heute ist und wie die Rahmenbedingungen geschaffen wurden, um in das Direktanschlussgeschäft einzusteigen, kann in Deutschland eigentlich nur die Telekom eine absolute Flächendeckung hinbekommen. Konkurrenten müssen schon recht hohe monatliche Beträge für die Anmietung der Kupferleitung an die Deutsche Telekom zahlen. Da macht ein Aufbau von eigener Technik in etwas weniger bewohnten Gegenden nur für den größten am Markt Sinn und das wird auch längerfristig die Deutsche Telekom bleiben. Insofern glaube ich, dass dies schon Aufgabe der Deutschen Telekom sein sollte.

Instock:
Worin sehen Sie vor allem im organischen Wachstum die großen Zukunftsfelder bei Freenet?

Spoerr:
Das ist ganz klar der Breitbandmarkt und in Zukunft auch Services, die auf dem Breitband-anschluss stattfinden können. Wir haben ja bereits als eines der ersten Unternehmen Voice over IP für den Endkunden zur Cebit am Markt eingeführt.

Instock:
Wie ist bisher die Resonanz?

Spoerr:
Sie ist positiv, sie ist gut. Wir haben mehr als 100.000 Downloads bis Mai gehabt. Das würde ich nun noch nicht als explosionsartige Bewegung sehen. Wir befinden uns hier am Anfang einer mehrjährigen Entwicklung im deutschen Markt. Ich glaube, dass wir hier zu relevanten Nutzer-zahlen kommen, die zu einer spürbaren Ergebniswirkung führen können. Allerdings geht es hier eher um einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren, als um vier bis acht Monate. Das ist ein Investment in die Zukunft, aber die Zukunft wird Richtung Voice over IP-Services gehen. Wann da der Marktdurchbruch wirklich erfolgt, kann man aus heutiger Sicht noch nicht sagen. Deshalb wird die Umsatz- und Gewinnbedeutung für Freenet erst auf mittlere Sicht eintreten.

Instock:
Was muß passieren, damit in diesem Segment die Markexplosion auch wirklich erfolgt?

Spoerr:
Ganz einfach: Der Regulierer muß aktiv werden und die Zwangskoppelung des DSL-Breiband-zugang über T-DSL mit dem Telefonanschluss durchbrechen. Wir können heute DSL-Anschlüsse von der Deutschen Telekom anmieten. Der Kunde kann aber diesen Anschluss nur bekommen, wenn er auch einen Telefonanschluss bei der Deutschen Telekom gemietet hat. Solange diese unnatürliche Zwangsbündelung noch geschützt wird, solange kann der Voice over IP-Endkunden-markt nicht zum Durchbruch kommen.

Instock:
Spricht gegen einen Erfolg der Voice over IP-Technologie nicht, dass vor allem immer mehr junge Telefonnutzer dazu übergehen, sich vom Festnetz ganz zu verabschieden?

Spoerr:
Nein, das glaube ich nicht. Sicherlich gibt es ein gewisses Marktsegment, was keinen Festnetzanschluss mehr hat. Durchschnittlich kostet eine Minute im Mobilfunk in die unterschied-lichen Netze 30 bis 30 Cents. Wer über unseren Voice over IP-Dienst deutschlandweit ins Festnetz telefoniert, zahlt 1 Cent je Minute. Wir haben hier einen substanziellen Preisvorteil. Ich glaube, solange das Preisgefüge im Mobilfunk noch so hoch ist, wird es auf jeden Fall einen potentiell großen Markt für Voice over IP-Dienste geben. Dazu kommt, dass die Haushalte immer stärker vernetzt sind, dass immer mehr PCs durch Flatrates den ganzen Tag an sind. Dazu gibt es neue Funktionalitäten über den PC oder andere Eingabegeräte im Haushalt. Die Haushalte, die so viel Mittel freihaben, um alles über Mobilfunk abwickeln zu können, können in Zukunft auch Bildschirme aufstellen, um Video-Telefonie machen zu können oder E-Mails abzurufen. Die Kommunikationswege von Internet und Sprache werden dabei verschmelzen. Es wird ein ganz neues Telefonier-, ein ganz neues Kommunikationserlebnis durch Voice over IP-Dienste geben.

Instock:
Gibt es in Ihrer Branche noch ähnlich spannende Felder, von denen die breite Masse bisher kaum etwas ahnt?

Spoerr:
Ja, die Branche spricht vom Tripleplay. Das meint Internetzugang plus Telephonie plus Video oder Filme über einen DSL-Zugang. Auf dem asiatischen Markt gibt es das bereits. In der westlichen Welt, so auch in Deutschland, ist das noch relativ unbekannt. Wir versuchen uns nun gerade auf dem Voice over IP-Markt zu positionieren. Mittelfristig werden wir auch in den Bereichen Video on Demand oder Video over DSL spannende Dienste in Deutschland sehen. Dazu muss man wissen, dass der Videotheken-Markt in Deutschland rund 100 Millionen Euro groß ist. Technologisch und wirtschaftlich kann dieser Markt durch Video on Demand ersetzt werden.

Instock:
I-Mode war in Asien auch ein Renner, hier floppte die Technologie. Lassen sich Erfolge auf der einen Seite der Erde auf die andere so einfach übertragen?

Spoerr:
Ich bin ein ganz klarer Verfechter von regionaler Spezifikation, weil wir nur in Deutschland tätig sind. Es gibt beispielsweise gute Gründe, warum Fernsehinhalte über DSL bei uns nicht funktionieren werden. Der Hauptgrund ist, dass wir 30 und mehr Fernsehkanäle mit einer hervorragenden Qualität haben. Die sind so gut, dass selbst das Bezahlfernsehen, und da sprechen wir von nur einem Anbieter, es schwer hat, zügig die Profitabilität zu erreichen. Andererseits ist ein Videotheken-Markt vorhanden. Mit den richtigen Filmen im Portfolio kann man über den Breitbandzugang hier sicherlich Marktanteile gewinnen. Schon weil es viel bequemer ist, den Film zu Hause einfach runterzuladen, als zur Videothek zu fahren.

Instock:
Wenn sie diese Zukunftsvisionen auf die Zahlen von Freenet herunterrechnen, wo sehen Sie da die mittelfristige Entwicklung?

Spoerr:
Ich sehe, dass wir die große Herausforderung haben, unsere Kundenbasis zu halten und sukzessive von Schmalband- zu Breitbandnutzern zu entwickeln.

Instock:
Was bedeutet das für Umsatz und Gewinn?

Spoerr:
Wirtschaftlich bedeutet das kurzfristig aufgrund von Marketing-Kosten sowie der Organisations-entwicklung nicht notwendigerweise Wachstum. Mittelfristig ist es so, dass ein Breitbandkunde ungefähr den doppelten Umsatz im Vergleich zu einem Schmalbandkunden verursacht. Erwirt-schaftet auch den doppelten Rohertrag. Wenn es uns gelingt, die Schmalbandkundenbasis zur Breitbandkundenbasis zu entwickeln, dann könnte es vereinfacht dargestellt zu einer Umsatz-verdoppelung führen. Das heißt, das Potential ist da. Der Weg dahin ist nicht einfach. Dabei kann man auch nicht nur auf die Quartalszahlen sehen.

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